Gastkommentar

. © Walter Skokanitsch Fotografie
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Dossier

"Pilze des Böhmerwaldes"

Gastkommentar

19.12.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Das Projekt Pilze des Böhmerwaldes legt den Fokus auf diese faszinierenden Organismen. Pilze sind essenziell in allen Stoffkreisläufen und Basis zahlreicher Ökosystemdienstleistungen. Als Pendant zu Fauna und Flora bezeichnet die Funga die mykologische Ausstattung eines Gebietes, d. h. die Pilzwelt. Die wissenschaftliche Dokumentation der Funga weist für viele Gebiete noch große Lücken auf. Im europäischen Naturschutz werden die Pilze nicht selten sogar als "forgotten species" bezeichnet. Auch der Böhmerwald ist, seiner zentralen Lage in Europa zum Trotz, nur sehr lückenhaft bearbeitet, doch es gibt in diesem Mittelgebirge über 4.000 Pilzarten.

  • Der Böhmerwald - auch Bayerischer Wald, Künisches Gebirge oder Bayerisch-Böhmisches Grenzgebirge genannt - erstreckt sich über einen großen Teil Mitteleuropas. Das Gebiet ist politisch zerschnitten, Deutschland grenzt hier an Tschechien und Österreich; doch im Gegensatz dazu ist der Böhmerwald in vielerlei Hinsicht eine zusammengehörende Einheit. Bei der Erforschung des Böhmerwaldes sollte deshalb, so wie auch in anderen Grenzregionen, stets angestrebt werden, die politische Trennung zu überwinden.

  • Das dreijährige Projekt "Funga des Böhmerwaldes - Houby Šumavy", gefördert aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), hat die Pilzvielfalt dieses Gebietes erforscht. Eine wichtige Basis ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gerade auch bei der Erfassung der Verbreitung der Arten. Weiters werden morphologische Merkmale und, wo für die Absicherung der Artbestimmung nötig, genetische Sequenzen der Pilzarten erhoben. Die Verbreitung der Arten sowie ihre kennzeichnenden Merkmale sind wichtige Grundlagen für eine weiterführende biologische, ökologische und naturschutzfachliche Forschung sowie für den Arten- und Biotopschutz.

  • Wissenschafter und Citizen Scientists deutscher, österreichischer und tschechischer Institutionen und Vereine arbeiten bei diesem Interreg-Projekt zusammen: die beiden Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava, der Lehrstuhl für Ökologie und Naturschutzbiologie der Universität Regensburg, die Deutsche Gesellschaft für Mykologie e. V., sowie als assoziierte Partner die Österreichische Mykologische Gesellschaft und das Biologiezentrum Linz mit der Mykologischen Arbeitsgemeinschaft.

  • Zusammengefasst finden im Rahmen des Projektes viele Aktivitäten statt:

  • • Der Aufbau der Funddatenbank für das Projektgebiet

  • • Kartierungs-Workshops in Bayern, Tschechien und Österreich

  • • Die Erstellung der Projekt-Webseite "funga-boehmerwald.eu" mit digitalen Karten

  • • Sequenzierung und Auswertung von Pilzbelegen aus dem Projektgebiet

  • • Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten mit mykologischem Schwerpunkt im Projektgebiet

  • • Charakterisierung von ca. 3.000 Pilzarten in Englisch, Deutsch und Tschechisch, sowie 12.000 Abbildungen

  • • Citizen-Science-Aktivitäten

  • Das Projekt bietet erstmalig die Möglichkeit, das Wissen über die Pilze des traditionsreichen Böhmischen Waldes länderübergreifend zusammenzufassen und zu erweitern. Die Region umfasst auf deutscher Seite den Bayerischen und Oberpfälzer Wald und auf tschechischer Seite einen weiten Bereich des Böhmischen Walds bis zum Gratzener Bergland. Komplettiert wird das Projektgebiet durch die auf österreichischer Seite angrenzenden Teile des Mühl- und Waldviertels. Das Gebiet umfasst damit zwei Nationalparks und mehrere Naturparks sowie Landschaftsschutzgebiete. Jährliche Kartierungstreffen in Bayern, Österreich und Tschechien sollen die internationale Zusammenarbeit von Experten fördern und die Basis für ein künftiges Monitoring-Programm schaffen. Ein Großteil der Beobachtungsdaten stammt von ehrenamtlich tätigen Amateuren aus lokalen Vereinen. Mit der Förderung von Citizen Science sollen diese Aktivitäten gestärkt werden. Die gesammelten Daten werden auf der gemeinsamen Homepage (in deutscher, tschechischer und englischer Sprache) dargestellt; die Abbildungen, Verbreitungskarten und Beschreibungen stehen somit außer den Projektpartnern auch weiteren Institutionen und der Öffentlichkeit zur Verfügung.

  • Österreichische Mykologische Gesellschaft

  • Die Österreichische Mykologische Gesellschaft (ÖMG) ist im Pilzprojekt Böhmerwald aktiv. Die Gesellschaft wurde 1919 gegründet, ist heuer 100 Jahre alt und damit weltweit einer der ältesten naturwissenschaftlichen Vereine. Sie ist eine pilzkundliche Fachgesellschaft. Sie vertritt die praktische und wissenschaftliche Pilzkunde und steht allen interessierten Personen offen. Jedes Jahr finden in der pilzärmeren Jahreszeit, im Winter und Frühling, Vorträge zu verschiedenen pilzkundlichen Themen statt, ab dem Frühsommer bis in den Spätherbst gibt es Exkursionen, die der Erweiterung der Pilzkenntnisse dienen, jeden Montag treffen sich die Vereinsmitglieder in der Pilzberatung zum fachlichen Austausch, jährlich findet auch eine Kartierungswoche statt. Die Gesellschaft gibt die Österreichische Zeitschrift für Pilzkunde heraus, betreut das Fungarium der Universität Wien, hat eine Bibliothek pilzkundlicher Literatur, sowie eine Sammlung von Pilzbildern. Sie betreibt zwei aktive Citizen Science Projekte, nämlich "Die Pilze Österreichs" und den "Pilzfinder.at". Durch die community function im Pilzfinder erhalten auch Anfänger in der Pilzkunde unmittelbar Feedback und Unterstützung beim Pilzekennenlernen. Im Forum Funga Austria wird viel diskutiert, es werden interessante Funde vorgestellt, Exkursionsberichte eingestellt und Hinweise zu neuer Literatur gegeben. Insgesamt ist eine große Expertise bei der makro- und mikroskopischen Pilzbestimmungen, bei Analyse und Fotografie von Pilzen vorhanden. Die Gesellschaft setzt sich auch für den Schutz von Hotspots pilzlicher Biodiversität, z.B. im Burgenland, ein.

  • Eine naturschutzfachlich sehr wichtige Aktivität der Gesellschaft war die Erarbeitung der dritten Auflage der Roten Liste Gefährdeter Großpilze Österreichs. Das im Rahmen des EU-Programmes Ländliche Entwicklung/LEADER 2014-20 geförderte Ergebnis ist ein bei der ÖMG erhältliches Buch mit dem Verzeichnis aller in Österreich bisher festgestellten Basidiomycota und Becherpilze (Pezizales) mit integrierter Roter Liste gefährdeter Pilzarten Österreichs. Das Verzeichnis beinhaltet insgesamt über 4.457 Pilztaxa und dokumentiert damit eine hohe Artenvielfalt. Es basiert auf der "Datenbank der Pilze Österreichs" mit an beinahe 500.000 gespeicherten Pilznachweisen von 13.600 Fundorten in Österreich bzw. aus 443 Datenquellen. Von den über 4.450 Pilzarten müssen ca. 1.300 Arten (= 29 Prozent) als gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht, weitere 790 Arten (= 17 Prozent) als potenziell gefährdet angesehen werden. Hauptursachen für die Gefährdung der Pilzarten Österreichs sind Eutrophierung (Überangebot an Nährstoffen), Vernichtung von Lebensräumen, verminderte ökologische Wertigkeit von Lebensräumen, Zufallsereignisse und Auswirkungen der Klimaerwärmung. Der Schutz gefährdeter Pilzarten betrifft verschiedene Ebenen: Biotopschutz, Strukturelle Maßnahmen am Standort (besonders in Wäldern), Artenkenntnis, Bildung und Öffentlichkeitsarbeit sowie internationale Schutzbestrebungen.

Zur Person

Irmgard Krisai-Greilhuber, Department of Botany and Biodiversity, Universität Wien

Ao.Univ.-Prof. Mag.Dr. Irmgard Krisai-Greilhuber ist Leiterin der mykologischen Arbeitsgruppe am Department für Botanik und Biodiversität der Uni Wien, forscht über Funga Österreichs, Systematik, Ökologie und Verbreitung ausgewählter Pilzgruppen, ist am ABOL-Projekt (genetisches Barcoding österreichischer Pilze) und am internationalen GSSP (Next Generation Sequencing Global Spore Sampling Project) Projekt beteiligt, an pilzkundlichen Naturschutzfragen, an der Rote Liste der gefährdeten Pilze Österreichs, führt Pilzvergiftungsdiagnosen für die Vergiftungsinformationszentrale durch, editiert zwei internationale mykologische Zeitschriften (Sydowia, Austrian Journal of Mycology), ist beteiligt am Interreg-Projekt Pilze des Böhmerwalds, seit 1981 im Vorstand der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft (Schriftführung, Kassier) und seit 2014 deren Präsidentin; Mitglied der Unterkommission Pilze und Pilzerzeugnisse der Codexkommission Österreichisches Lebensmittelbuch, ehem. Ministerium für Frauen & Gesundheit; Ersatzmitglied des Wissenschaftlichen Ausschusses der Gentechnikkommission für Freisetzungen und Inverkehrbringen (Expertin aus dem Bereich Mykologie), Bundesministerium Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz; Externe Expertin der Stofflisten des Bundes und der Bundesländer, Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Berlin; Leitungsstellvertreterin des Biodiversitätsrats Österreich.

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