Gastkommentar

Tina Dworschak (li.) und Eva Haubner © Privat
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Dossier

"Plädoyer für eine bessere Bildungsqualität"

Gastkommentar

20.12.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Kinder und Schüler von heute sind die mündigen Bürger der Zukunft: das Heranbilden wertorientierter, ganzheitlich gebildeter Persönlichkeiten; die Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben; die bestmögliche Vorbereitung auf eine sich rasant wandelnde Berufs- und Arbeitswelt sowie die Förderung von Kreativität und Innovation als relevanter Standortfaktor – für all diese Ziele braucht es eine gute Grundbildung. Grundbildung, die sich an zeitgemäßen Zielen sowie verlässlichen Kompetenz- und Wissensniveaus orientiert. Und: die jeder Jugendliche mit 14 Jahren erreichen soll, um optimale Chancen im Leben zu haben.

  • Die Industriellenvereinigung fordert eine maßgebliche Qualitätsoffensive im Bereich der Grundbildung, die inhaltlich und strukturell an vier zentralen Stellschrauben ansetzt:

  • • Ziele & Inhalte moderner Grundbildung

  • • Wirtschaftsbildung als Teil der Allgemeinbildung

  • • Bildungspflicht & Grundbildungsnachweis

  • • Basisphase: Elementarbildung als Teil der Bildungspflicht

  • 1. INHALTE: Ziele moderner Grundbildung & Wirtschaftsbildung

  • Der wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Wandel ist schneller als jemals zuvor. Eine unbestrittene Herausforderung ist, dass Bildungseinrichtungen ihre Schüler heute auf die Gestaltung und Bewältigung eines wirtschaftlichen und sozialen Wandels vorbereiten sollen, der schneller ist als jemals zuvor: auf Jobs, die es noch gar nicht gibt; auf die Anwendung von Technik, die noch nicht erfunden wurde; oder die Lösung von gesellschaftlichen Problemen, die heute noch gar nicht fassbar sind. Wenn die Welt, für die unser Bildungssystem geschaffen wurde, heute so nicht mehr existiert und vieles künftig digitalisiert oder automatisiert werden kann – dann braucht es eine ausführliche Debatte über Ziele, Inhalte (aber auch Lehrpläne und Unterrichtsformen) für das 21. Jahrhundert. Dabei gilt:

  • • WISSEN ist und bleibt absolut unverzichtbar. Allerdings mit dem Fokus auf das, was wirklich wichtig ist und Prioritäten in traditionellen wie in modernen Bereichen.

  • • SKILLS sind Fähigkeiten, um das vermittelte Wissen einzusetzen (z.B. Kreativität, Kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation).

  • • Bei der CHARAKTERbildung geht es u.a. um den Erwerb und die Stärkung von Tugenden (Qualitäten) sowie Werten (Überzeugung und Ideale).

  • • Über META-LERNEN reflektieren wir unser Lernen und passen es lebenslang an.

  • Basierend darauf hat die IV folgende Ziele von Bildung für das 21. Jahrhundert abgeleitet:

  • • Grundkompetenzen in den Kulturtechniken

  • • Allgemeinbildung

  • • Wirtschaftliches Grundverständnis

  • • Sozial- & Wertebildung, Kooperationsfähigkeit

  • • Naturwissenschaftlich-technisches Grundverständnis

  • • Digitale Kompetenz, Medien- & Informationskompetenz

  • • Belastbarkeit, Selbstvertrauen, Handlungskompetenz

  • Ein wesentlicher Aspekt dabei: Wirtschaftliches Grundverständnis. Junge Menschen sind in vielerlei Hinsicht im wirtschaftlichen Leben, u.a. als Konsumenten, integriert. Man sollte daher der Wirtschaftsbildung in der Grundbildung mehr Gewicht verleihen, sie attraktiver und bedeutsamer im Bildungsverlauf verankern und stärker als eigenständigen Inhalt etablieren. Ziel ist, das Bewusstsein dafür zu schaffen und die Fähigkeit zu vermitteln, sich als mündiger Bürger im System Wirtschaft bewegen zu können.

  • 2. STRUKTUR: Bildungspflicht, Basisphase & Grundbildungsnachweis

  • Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung, braucht es auch strukturelle Reformen im Bereich der heutigen Pflichtschulzeit. Diese endet durch das zeitliche "Absitzen" der neun Pflichtschuljahre und wird nicht an das Erreichen eines klar definierten Bildungs- und Qualifikationsniveaus geknüpft. Qualitätsvolle Grundbildung am Ende der Pflichtschulzeit ist damit nicht gesichert.

  • Die IV hat daher das Modell einer neuen Bildungspflicht entwickelt, welches die Wichtigkeit von Grundbildung auf positive und motivierende Weise betonen soll. Die Kerncharakteristika sind:

  • • Die Bildungspflicht ist nicht als punktuelle Reparaturmaßnahme für eine spezielle Schulform konzipiert, sondern bildungstypenübergreifend für alle Kinder und Jugendlichen von 4 bis 14.

  • • Sie wird mit dem Erreichen von Grundbildung (als anschlussfähiges, sich an zeitgemäßen Zielen orientierendes Wissens- und Kompetenzniveau) erfüllt und ersetzt damit die Schulpflicht.

  • • Sie beginnt im Kindergarten mit zwei verpflichtenden Kindergartenjahren. Gute Elementarbildung ist das Fundament für einen erfolgreichen Übertritt in die Schule und damit "Startrampe" für die Bildungspflicht.

  • • Formaler Abschluss der bildungspflichtigen Zeit ist der Grundbildungsnachweis. Dieser ist als duale Leistungserhebung gestaltet (autonom plus zentrale Prüfung), ein "Meilenstein" mit rituellem Charakter ("ich habe etwas erfolgreich erledigt") und steigert Attraktivität, Wert und Qualität von Grundbildung.

  • Aufbruch zur Bildungsnation Nummer 1

  • Im Wettbewerb der westlichen Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts spielt Bildung die entscheidende Rolle. Wenn Österreich hier reüssieren will, bedarf es eines neuen, breit mitgetragenen "Aufbruchs zur Bildungsnation Nummer 1". Hauptfokus dabei: eine ausführliche, ideologiefreie Debatte über Bildungsziele und ein zukunftstaugliches Zielbild für Grundbildung. Daraus müssen valide Strategien und Maßnahmen zur Steigerung der Bildungsqualität abgeleitet werden. Denn: das Pferd wurde bildungspolitisch lange genug von hinten aufgezäumt.

Zur Person

Tina Dworschak und Eva Haubner, Expertinnen Elementarbildung & Schule, Industriellenvereinigung

Mag. Tina Dworschak ist im Bereich Bildung & Gesellschaft der Industriellenvereinigung als Expertin für Elementarbildung und Schule tätig. Mit dem Kernanliegen einer nachhaltigen Qualitätssteigerung für Grundbildung (Pflichtschulzeit) zeichnet sie für Themen wie Ziele/Inhalte von Grundbildung, Bildungspflicht sowie Wirtschaftsbildung verantwortlich. Darüber hinaus leitet sie „Neustart Schule“, eine Initiative der Industriellenvereinigung und ihrer Partner, die die Zukunft von Bildung in Österreich thematisiert. (www.neustart-schule.at) Dworschak absolvierte das Studium „Informationswirtschaft und –management“ an der FH Salzburg. Nach beruflichen Stationen im Ausland begann sie ihre mehr als 10jährige Tätigkeit in der österreichischen Kommunikations- & Marketingbranche. Auf Agenturseite betreute sie nationale und internationale Kunden aus unterschiedlichen Branchen, bevor sie im Mai 2015 zur Industriellenvereinigung wechselte.

Mag. Eva Haubner ist im Bereich Bildung & Gesellschaft der Industriellenvereinigung als Expertin für Elementarbildung und Schule tätig. Haubner absolvierte die Studien der Rechtswissenschaften & Skandinavistik in Wien. Nach ihrem Gerichtspraktikum folgte eine mehrjährige Tätigkeit im Europäischen Parlament in Brüssel mit den Schwerpunkten Umwelt- und Konsumentenschutz sowie Energie- und Verkehrspolitik. Ab Juli 2004 arbeitete Haubner - mit Karenzunterbrechungen - in der Industriellenvereinigung als Expertin in unterschiedlichen Themenfeldern wie Daseinsvorsorge, berufsbildendes Schulwesen und duale Ausbildung (berufliche Bildung). Seit März 2012 widmet sie sich dem Arbeitsschwerpunkt Elementarbildung und Schule und zeichnet dabei für die Konzeption zahlreicher IV-Bildungskonzepte, u.a. „Bildung und Integration“ (2013), „Elementarpädagogik: Beste Bildung von Anfang an“ (2015) sowie „Beste Bildung: Bildung neu denken. Schule besser leben“ (2016) verantwortlich.

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