Gastkommentar

Hans Pechar © Foto Wilke/Mediendienst.com
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Dossier

"Prekäre akademische Beschäftigung nimmt zu. Wie kann man gegensteuern?"

Gastkommentar

22.08.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Für Teile des akademischen Personals haben sich die Karrierechancen an den österreichischen Universitäten zuletzt verbessert. Der Kollektivvertrag aus dem Jahr 2009 hat mit den Laufbahnstellen eine österreichische Variante eines Tenure-Tracks geschaffen. Der neue Typ der Assistenzprofessur unterscheidet sich in wesentlichen Punkten vom früheren Universitätsassistenten. Der Zugang zu dieser Position erfolgt nicht mehr auf Basis interner und informeller Rekrutierung, sondern über ein kompetitives Bewerbungsverfahren. Es handelt sich um eine befristete Bewährungsphase, die Evaluierung der Qualifizierungsvereinbarung entspricht weitgehend dem nordamerikanischen "up or out" Verfahren. Bei positiver Evaluierung erfolgt die Vorrückung auf eine entfristete assoziierte Professur.

  • Laufbahnstellen dienen überwiegend als Substitut für die auslaufenden habilitierten Dozenten des alten Systems. Wie diese werden sie bei positiver Evaluierung entfristet, das Besetzungs- und Qualitätssicherungsverfahren ist aber bei den neuen Laufbahnstellen wesentlich rigoroser als im alten System. Es werden überwiegend jene Qualitätskriterien bei der Besetzung ("kleines Berufungsverfahren") und Evaluierung dieser Positionen angelegt, die für den nordamerikanischen Tenure-Track üblich sind. An den meisten Universitäten werden Laufbahnstellen als ein verkürzter (um die Vorrückung zur vollen Professur beschnittener) Tenure-Track gehandhabt. Denn diesbezüglich unterscheidet sich die österreichische Variante des Tenure-Tracks vom nordamerikanischen Muster. Weiterhin ist für eine volle Professur ein eigenes Berufungsverfahren nötig. Eine Vorrückung assoziierter Professoren nach erfolgreicher Evaluierung (wie im nordamerikanischen Tenure-Track) ist nicht möglich. Immerhin hat die UG Novelle von 2015 für die Inhaber von Laufbahnstellen einen Statusgewinn und erhöhte Partizipationsmöglichkeiten bewirkt.

  • Aber die Zahl der Laufbahnstellen ist relativ gering, der Großteil junger Wissenschaftler konnte von dieser positiven Entwicklung nicht profitieren. Mehrheitlich hat sich die Aussicht auf eine stabile Beschäftigung verschlechtert. Dafür sind zwei Trends verantwortlich. Ein wachsender Teil der Lehre wird nicht mehr durch dauerhaft, sondern durch befristet beschäftigte Lehrkräfte angeboten. Dieser Trend, der - in unterschiedlicher Intensität - im gesamten OECD Bereich zu beobachten ist, wird durch den finanziellen Druck auf die expandierenden Massenhochschulsysteme angetrieben. Obwohl die absoluten Hochschulausgaben in den meisten Ländern steigen, sinkt aufgrund noch schneller wachsender Studentenzahlen der Betrag, der den Universitäten für die Ausbildung jedes einzelnen Studierenden zur Verfügung steht. Diese reagieren mit Strategien zur Kostenreduktion, sie ersetzen teures (unbefristetes) durch billigeres (befristetes) Lehrpersonal. Auch die Forschung wird zunehmend nicht über die Basisfinanzierung der Universitäten, sondern über gesondert finanzierte Antragsforschung gedeckt. Sie wird zunehmend nicht von fest angestelltem Personal, sondern von befristeten Drittmittelbeschäftigten betrieben.

  • Ein gewisses Ausmaß flexibler akademischer Beschäftigung ist unentbehrlich. Der Einsatz externer Lektoren stellt in vielen Fällen eine Bereicherung des universitären Lehrangebotes dar. Auch für die Zunahme der Antragsforschung gibt es gute Gründe. Aber durch das rasante Wachstum beider Phänomene ist die Balance von festen und befristeten Stellen gekippt und ein akademisches Prekariat entstanden, für die Befristung zu einer Dauerlösung geworden ist, zumeist schlecht bezahlt und ohne Planungssicherheit.

  • Das ist nicht nur eine Belastung junger Wissenschaftler, es gefährdet auch die Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Hochschulsystems. Denn nur wenn dieses System attraktive Beschäftigungsbedingungen bietet, lassen sich die talentiertesten jungen Menschen für akademische Arbeit motivieren. Eine bessere Ressourcenausstattung der Universitäten würde die erwähnten Probleme lindern. Zurecht fordern alle hochschulpolitischen Akteure eine Erhöhung des Hochschulbudgets. Für eine nachhaltige Verbesserung der Beschäftigungschancen des akademischen Nachwuchses sind aber darüber hinausgehende Maßnahmen nötig.

  • Massenhochschulsysteme, in denen nahezu die Hälfte der Alterskohorte irgendeine Form tertiärer Ausbildung absolviert, benötigen nicht nur ein differenziertes Lehrangebot, sondern auch eine Differenzierung im Profil des akademischen Personals. In den Habilitationssystemen des deutschsprachigen Raums gilt nur eine Professur, bei der Forschung und Lehre gleich gewichtet sind, als vollwertige akademische Position, die mit einer regulären und unbefristeten Stelle abgesichert ist. Die Fixierung auf dieses Rollenbild steht in eklatantem Widerspruch zur faktischen Entwicklung, bei der Forschung (Drittmittelpersonal) und Lehre (Lektoren) für wachsende Teile des universitären Aufgabenspektrums entkoppelt werden. Die Erosion der "Einheit von Forschung und Lehre" wird sich nicht umkehren lassen. Die Leitkonzepte für reguläre akademische Arbeit müssen dem Rechnung tragen. Für jene Teile des akademischen Personals, die derzeit unter prekären Bedingungen arbeiten, sollten Beschäftigungsprofile mit besserer sozialer Absicherung und größerer Planungssicherheit entwickelt werden.

Zur Person

Hans Pechar, emer. Professor für Hochschulforschung an der Alpen-Adria Universität

Hans Pechar war bis zu seiner Pensionierung (2015) Professor für Hochschulforschung an der Alpen-Adria Universität (Standort Wien). Seine Forschungsschwerpunkte sind der internationale Vergleich von Hochschulsystemen, Bildungsökonomie und Chancengerechtigkeit im Bildungssystem. Er war Fulbright Scholar an der University of California, Berkeley, und Gastprofessor an der University of British Columbia (Vancouver), der Humboldt Universität zu Berlin und der Universität Bremen. Von 2011–2014 vertrat er Österreich im Governing Board von OECD/CERI.

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