Gastkommentar

Harald Sitte (li.) und Matthäus Willeit © MedUni Wien/Matern/Mani Hausler
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Dossier

"Psilocybin - der 'heilige' Inhaltsstoff der 'Magic Mushrooms' oder 'Zauberpilze'"

Gastkommentar

19.12.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Psilocybin ist der Hauptinhaltsstoff unterschiedlicher Pilze, die seit alters her für ihre berauschende Wirkung bekannt sind. Psilocybin wird im Körper in Psilocin umgewandelt, welches dann als eigentliche Wirkform die bewusstseinsverändernden Effekte hervorruft. Die Pilze, die hier in Frage kommen, werden als "Magic Mushrooms" oder Zauberpilze bezeichnet (in Österreich auch oft als "narrische Schwammerln").

  • Sie gehören üblicherweise den sogenannten Kahlköpfen an, die als Gattung bezeichnenderweise als "Psilocybe" benannt sind und mehr als 200 unterschiedliche Formen innerhalb der Gattung der Ständerpilze (Basidiomycota) aufweist. Diese Pilze, die üblicherweise als "Spitzkegeliger Kahlkopf" oder auch als "Mexikaner" angeboten werden, kommen in Nord- und Mittelamerika und auch in Europa vor. Ihr Gehalt an dem halluzinogenen Inhaltsstoff Psilocybin beträgt zwischen 0,1 und 2 Prozent. Wichtig ist hierbei, dass man einem Pilz nicht ansieht, welchen Psilocybin-Gehalt er aufweist.

  • Psilocybin gehört chemisch gesehen zu den Tryptaminen und ist aufgrund dieser Zugehörigkeit mit dem Neurobotenstoff Serotonin verwandt, das landläufig auch als "Glückshormon" bezeichnet wird. Psilocybin zählt zu den sogenannten "Psychedelika", andere Substanzen dieser Gruppe sind beispielsweise Dimethyltryptamin (DMT), das in vielen Pflanzen gefunden wird und in Spuren auch im Gehirn vorkommt, sowie Bufotenin, das in der Haut von bestimmten Kröten enthalten ist.

  • Die chemische Ähnlichkeit zu Serotonin lässt die Wirkungen von Psilocybin/Psilocin über die Gruppe der Serotonin-Rezeptoren erfolgen, insbesondere über den Subtyp 2A, der gemeinhin als Zielstruktur von psychedelisch wirkenden Substanzen angesehen wird. Zu den psychedelisch wirkenden Substanzen gehört auch Lysergsäure-Diethylamid (LSD), dessen Wirkungen bereits Mitte des 20. Jahrhunderts von Albert Hofmann beschrieben wurden. Die körperlichen Wirkungen von Psilocybin/Psilocin können allgemein als Gefühle von Energie, Leichtigkeit und Euphorie beschrieben werden, auch Kribbeln oder Wärmeempfindungen können auftreten. Im psychischen Bereich kommt es vor allem zu einer veränderten Wahrnehmung visueller Reize. Diese Effekte können von einer leichten Veränderung in der Wahrnehmung von Farben oder Gegenständen bis zum Auftreten von traumähnlichen visuellen Trugwahrnehmungen reichen. Es kann aber auch zu unerwünschten Effekten wie Angst- oder Panikreaktionen kommen. Im Rahmen dieser sogenannten "Bad trips" kann es selten auch zu Unfällen oder zu unabsichtlichen Selbstverletzungen kommen. Allerdings treten "Bad trips" bei Psilocybin seltener auf als etwa beim Konsum von LSD. Körperliche Symptome, die solche unerwünschten Reaktionen begleiten, sind unter anderem Herzrasen, ein erhöhter Blutdruck, Schwitzen, Schwindel und Übelkeit. Insgesamt kann man aber sagen, dass Psilocybin eine geringe Toxizität besitzt, so dass auch bei höheren Dosierungen keine anhaltenden körperlichen oder psychischen Schäden zu befürchten sind.

  • Die Wirkung von Psilocybin tritt ungefähr eine halben Stunde nach Einnahme ein und hält je nach individueller Disposition über ungefähr zwei bis sechs Stunden an. Nahezu der gesamte aufgenommene Anteil von Psilocybin wird in der Leber zu Psilocin, der eigentlich aktiven Wirkform, umgewandelt. Im Gehirn angelangt, wird Psilocin durch ein Enzym namens Monoaminooxidase in unterschiedliche Abbauprodukte umgewandelt.

  • Zauberpilze oder Magic Mushrooms sind schon lange Zeit bekannt. Höhlenmalereien der Neusteinzeit im algerischen Teil der Sahara zeigen Schamanen oder Priester mit Pilzen, die augenscheinlich zur Gattung Psilocybe gehören. Auch zu Zeiten der Maya und Azteken wurden sie für rituelle und spirituelle Handlungen verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie durch das amerikanische Ehepaar Wasson einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Der durch LSD bekannt gewordene Chemiker Hofmann hat auch hier eine wichtige Rolle gespielt und Psilocybin/Psilocin aus den Pilzen isoliert sowie später eine Reihe veränderter Abkömmlinge daraus hergestellt. In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde Psilocybin in psychiatrischen Studien untersucht und auch als Psychotherapie-unterstützende Substanz vorgeschlagen. Allerdings wurde die Forschung um 1970 herum durch strengere gesetzliche Bestimmungen fast vollständig zum Erliegen gebracht. Auch in Österreich fällt Psilocybin unter das Suchtmittelgesetz, somit sind Erwerb, Besitz, Ein- und Ausfuhr sowie Weitergabe und Verkauf von Magic Mushrooms an andere strafbar. Wer allerdings Magic Mushrooms lediglich besitzt oder konsumiert macht sich nicht strafbar. Im Gegensatz zu Alkohol, Kokain oder Opiaten, deren Konsum bei entsprechender Disposition und unter entsprechenden Umständen zur Entwicklung einer Sucht führen kann, führt der Konsum von Psilocybin und anderer psychedelischen Substanzen nicht zum Drang, den Substanzgebrauch möglichst schnell zu wiederholen. Aus psychopharmakologischer Sicht erscheint die diesbezügliche Gesetzgebung daher wenig rational.

  • Nach drei Jahrzehnten stark eingeschränkter wissenschaftlicher Tätigkeit lässt sich in den letzten Jahren ein international neu erwachtes Interesse an der Forschung über Psilocybin und anderen psychedelischen Substanzen feststellen. Viel Aufmerksamkeit erregte eine Studie, die nachweisen konnte, dass eine einmalige Verabreichung von Psilocybin an Patienten mit lebensbedrohlichen Krebserkrankungen psychische Symptome wie Angst und depressive Verstimmung über teils Monate hinweg verbessern konnte. Nach Psilocybin hatten die Patienten geringere Angst vor dem Tod und berichteten eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Vielversprechende Studien gibt es auch im Suchtbereich: Psilocybin führte in ersten Studien zu vermehrter Abstinenz von Alkohol oder Nikotin. Für ein abschließendes Urteil über die Wirksamkeit von Psylocibin bei psychiatrischen Erkrankungen bedarf es allerdings noch weiterer kontrollierter Studien.

Zur Person

Harald H. Sitte und Matthäus Willeit, MedUni Wien

Harald Sitte ist Psychopharmakologe an der MedUni Wien. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist die Untersuchung von Psychopharmaka und deren molekularem Wirkmechanismus mit Schwerpunkt Neurotransmitter-Transportern und deren Funktionsweise. Sitte engagiert sich als Lehrender im Curriculum sowie als derzeit Vorsitzender der Curriculumkommission für Humanmedizin und im Senat der MedUni Wien.

Matthäus Willeit ist Psychiater an der MedUni Wien. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die psychopharmakologische Behandlung psychiatrischer Erkrankungen. Wissenschaftlich beschäftigt er sich vor allem mit bildgebenden Verfahren wie Positronen-Emissionstomographie, mit denen man Moleküle im lebenden Gehirn gezielt darstellen kann. Seit einem mehrjährigen Forschungsaufenthalt in Toronto, Kanada, beschäftigt er sich vor allem mit Grundlagen und Entstehung psychotischer Erkrankungen. Gemeinsam haben Sitte und Willeit das Zentrum für Suchtforschung „AddRess“ an der Meduni Wien aufgebaut.

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