Gastkommentar

Irene Klissenbauer © derknopfdrücker
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Dossier

"Sag Ethik, wie hast du's mit der Digitalisierung?"

Gastkommentar

31.01.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Die Digitalisierung hat das individuelle ebenso wie das gesellschaftliche Leben massiv verändert. Die Vorteile dieser Entwicklung sind zahlreich, die ethischen und juristischen Herausforderungen ebenso.

  • Digitalisierung verantwortlich gestalten:

  • Spätestens seit dem Facebook - Cambridge Analytica Datenskandal Anfang 2018 besteht auch in der Öffentlichkeit ein größeres Bewusstsein für die Notwendigkeit Digitalisierung verantwortlich zu gestalten. Gelingen kann dies nur durch eine enge Zusammenarbeit von Ethik und Rechtswissenschaft, die sich intensiv mit den Entwicklungen der Internettechnologien auseinandersetzen und sich von ihren Entwicklungen und Methoden herausfordern lassen.

  • Dass dies bisher nur unzureichend geschehen ist, mag einerseits daran liegen, dass weder die Komplexität der Digitalisierung noch ihr Einfluss auf unser alltägliches Leben sowie auf politische und ökonomische Prozesse in dieser Form vorhergesehen wurde.

  • Gründe für die Diskrepanz sind aber andererseits auch politische und vor allem wirtschaftliche Interessen, die es umso notwendiger machen, dass international geltende rechtswissenschaftliche Normen für den virtuellen Bereich eingeführt und von ethischen Reflexionen begleitet werden. Besonders deutlich wird dies auch an unterschiedlichen zeitgenössischen Debatten um Suchmaschinen und digitale Kommunikation.

  • Zwischen Anonymität und totaler Überwachung:

  • Auf gesellschaftlicher Ebene stellt sich so etwa die Frage, wie internationale Strategien entwickelt werden können, um gemeinsam zu einem Ausgleich zwischen grenzenloser Überwachung und absoluter Anonymität im Internet kommen zu können. Vorrangiges Ziel hierbei: der Schutz des und der Einzelnen vor unrechtmäßigen Übergriffen des Staates.

  • Die Dringlichkeit dieser Frage zeigt sich unter anderem daran, dass sich Staaten zur Aufklärung von Kriminalfällen zunehmend auch der Dienste von Tech-Konzernen bedienen. Problematisch ist dies, weil es so letztlich zu einer Vermischung von staatlichen und privaten Interessen kommt. Konsum wird zur Überwachung, Suchanfrage zur Willensbekundung.

  • Ethisch und juristisch zu reflektieren ist somit nicht nur das Recht auf Anonymität und Privatsphäre, sondern auch die Unschuldsvermutung, das Recht auf Vergessen und die Grenzen von menschlicher Freiheit und Autonomie im digitalen Raum.

  • Die juristisch spannende Frage, ob Suchanfragen bereits als strafbare Vorbereitungshandlungen zu qualifizieren sind, muss auch die Ethik beschäftigen. Umso mehr als es damit letztlich auch um die Frage nach Wirklichkeit, erzeugter Realität und Gedankenfreiheit geht.

  • Minimalkonsens und Empathie:

  • Diese Reflexionen stehen auch im Mittelpunkt der Frage um die Gestaltung digitaler Kommunikation. In diesem Kontext gilt es vor allem die Diskussion darüber (wieder) aufzugreifen, wann eine Kritik berechtigt und wann sie als unsachliche Schmähkritik, Formalbeleidigung oder gar als Angriff auf die Menschenwürde zu beurteilen ist. Zentral wird dabei sein, diesen interdisziplinären Diskurs auch als interkulturellen zu führen, um einen Minimalkonsens darüber finden zu können, an welchen Maßstäben wir uns bei der Gestaltung von digitaler Kommunikation orientieren.

  • Vor diesem Hintergrund ist auch zu reflektieren, dass viele Menschen in virtuellen Welten scheinbar vergessen, dass ihre Äußerungen konkrete Folgen - auch in der analogen Welt - haben können. Diese "empathische Kurzsichtigkeit" (Prof. Petra Grimm) lässt deutlich werden, dass rechtliche Normen alleine nicht ausreichend sind, um gesellschaftliche Problemen, wie sie etwa in Cybermobbing und Hate Speech zum Ausdruck kommen, zu lösen.

  • Vielmehr braucht es darüber hinaus, und hier ist man auf einer weiteren stärker individualethischen Ebene, eine differenzierte Auseinandersetzung um ethische Standards auch für die digitale Kommunikation.

  • Einfache Verbote oder eine Übermoralisierung der öffentlichen Debatten bringen wenig. Vielmehr gilt es ethische Diskurse zu stärken, die dem und der Einzelnen dabei helfen Differenzen und Pluralität aushalten zu können. Das bedeutet gerade nicht einen einfachen Relativismus oder falsche Toleranz. Vielmehr muss es darum gehen eine differenzierte Sensibilität zu entwickeln, die Perspektive der Anderen wahrzunehmen und bis zu einem gewissen Grad auch nachvollziehen zu können. Was nicht heißt, dass man sie ebenfalls einnehmen muss oder kann.

  • Gerade die Digitalisierung bietet hierfür zahlreiche Chancen, weil sie trotz aller Tendenz Filterblasen zu erzeugen gleichzeitig die Möglichkeit bietet den eigenen Horizont zu erweitern.

  • Was es braucht, damit die Chancen der Digitalisierung sinnvoll genutzt werden können, ist eine Ethik, die ausgehend von einer Orientierung an der menschlichen Person (!) Digitalisierung nicht nur kritisch anfragt, sondern sich auch von ihr selbst herausfordern lässt.

  • Der Forschungsbedarf hier ist riesig, er verbindet Rechtswissenschaft, Internettechnologie, Ethik und zahlreiche andere Forschungsbereiche. Überlegungen für eine Ethik für Algorithmiker, den ethisch verantwortlichen Umgang mit Daten oder Fragen nach der Rolle des Menschen in einer künstlich-intelligenten Umwelt und nach Verantwortungsrelationen bilden dabei erst den Anfang.

Zur Person

Irene Klissenbauer, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien

Irene Klissenbauer ist Sozialethikerin und Theologin und lebt in Wien. Sie promovierte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien über Religionsfreiheit in Christentum und Islam. Derzeit arbeitet sie als Universitätsassistentin (post-doc) am Institut für Systematische Theologie und Ethik (Katholisch-Theologische Fakultät – Universität Wien) zu Frauenrechten und Religionsfreiheit. Ihr mit dem Leopold-Kunschak Wissenschaftspreis ausgezeichnetes Buch „Das Ringen um Religionsfreiheit“ ist in der Reihe ReligionsRecht im Dialog erschienen.

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