Gastkommentar

Uwe Freiherr von Lukas © Fraunhofer
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Dossier

"Seifenoper für die Wissenschaft"

Gastkommentar

28.02.2014
  • Wien (Gastkommentar) - Wissenschaft und Seifenoper - passt das überhaupt zusammen? Ein selbstbewusstes "Ja" auf diese Frage markiert den Anfang eines spannenden Medienprojekts und zugleich den Auftakt einer ganzen Reihe von vermeintlichen Gegensätzen, die es galt unter einen Hut zu bringen. Den Ausgangspunkt bildet das Jahr 2009, in dem sich die Hansestadt Rostock beim Wettbewerb des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft um den Titel "Stadt der Wissenschaft" beworben hat.

  • Bereits hier ergibt sich ein erster Gegensatz: bekannt ist Rostock primär als Tourismusziel mit Backsteingotik und dem Strand in Warnemünde. Wenige haben ein Bild von Rostock als traditionsreiche Universitätsstadt mit der ältesten Universität im Ostseeraum, die in fünf Jahren ihr 600-jähriges Bestehen feiert. Hinzu kommen eine Hochschule für Musik und Theater und Einrichtungen aller großen deutschen Wissenschaftsorganisationen - von Max Planck über Helmholtz bis zu Leibniz-Instituten und Fraunhofer. Den Titel "Stadt der Wissenschaft" hat Rostock 2009 zwar nicht gewonnen, ein Jahr der Wissenschaft hat Rostock aber trotzdem durchgeführt. Die Federführung übernahm der für die Bewerbung gegründete Verein [Rostock denkt 365°]. Der Verein verbindet seitdem die Rostocker Wissenschaftseinrichtungen mit der Hansestadt Rostock, der Industrie- und Handelskammer sowie zahlreichen Bürgern und regionalen Unternehmen.

  • Durch die Bewerbung im Jahr 2009 qualifizierte sich die Hansestadt für das Finale zur "Stadt der Wissenschaft" des Stifterverbandes im Frühjahr 2012. Rostock ging mit der Idee einer Science Soap ins Rennen. Die Idee versuchte, unterschiedliche und auf den ersten Blick auch gegensätzliche Aspekte miteinander zu verbinden: Im Mittelpunkt stand die Kombination anspruchsvoller Wissenschaft mit dem als trivial geltenden Format der Seifenoper zum Zweck des Wissenschaftsmarketings. Zudem sollte das Projekt aber auch genutzt werden, um jungen Frauen eine Karriere in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) näher zu bringen.

  • Die Einreichung der Rostocker war in der Jury sehr umstritten. Die Idee polarisierte das Gremium, doch konnten sich die Befürworter schließlich durchsetzen und so erhielt die Science Soap ein Preisgeld von 50.000 Euro. Allerdings unter der Voraussetzung, dass mindestens noch einmal die gleiche Summe eingeworben wird. Für uns bedeutete das, aus der vagen Idee einer Seifenoper im Wissenschaftsmilieu ein konkretes Konzept zu entwickeln, das die oben genannten Widersprüche auflöst und das Ergebnis zum Jahresende 2013 komplett zu produzieren.

  • In Gesprächen mit der damaligen Kultursenatorin der Hansestadt entwickelte sich die Idee, die junge Filmszene der Stadt, aber auch die dort tätigen professionellen Medienfirmen in ihrer Vielfalt möglichst eng in das Projekt einzubinden. Damit wurde ein weiterer Gegensatz in das Projekt hereingetragen: Die jungen Filmer der so genannten Rostocker Schule orientieren sich tendenziell am Autorenfilm, wollen also anspruchsvolle Themen in hoher filmischer Qualität umsetzen. Die kommerziellen Medienfirmen haben das Budget, die adressierte Zielgruppe und den konkreten Auftrag des Kunden im Blick.

  • Sowohl aus Gründen der Nachwuchsförderung aber auch aus finanziellen Erwägungen sollten zudem auch Studenten aktiv in das Projekt eingebunden werden. Konkret ging es um die Erstellung der Storylines als Grundlage für das Drehbuch durch Studentinnen und Studenten der Medienwissenschaften, als auch um die Schauspielklasse der Hochschule für Musik und Theater am Standort zur Besetzung der meisten Rollen. Diese Einbindung von Anfängern wurde von der Fraktion der Medienprofis sehr kritisch gesehen - ein weiterer Gegensatz, den das Projekt aushalten musste.

  • Es bildete sich also eine sehr bunte Mischung aus Künstlern, Wissenschaftlern, Medienunternehmern und Studenten. Alle brachten ihre Erfahrungen, ihre Kreativität, ihre Arbeitsweise, ihre fachlichen Kompetenzen und ihre Emotionen in das Projekt "Sturm des Wissens" ein. Und zur Überraschung vieler Außenstehender (und sicher auch etlicher Insider) wurde das Projekt ein Erfolg: Zum festgelegten Termin der Premierenfeier im Audimax der Universität Rostock waren alle fünf Folgen fertig produziert, die angepeilte Zielgruppe junger Frauen und Männer hatte Spaß an den Folgen und die beteiligten Wissenschaftseinrichtungen bewerteten den Spagat aus realer Forschung und massentauglicher Darstellung als gelungen.

  • Für mich ist die Science Soap aktuell insbesondere ein Lehrstück über unsere Mediengesellschaft. Wir wollten mit dem Format den Wissenschaftsstandort Rostock überregional ins Gespräch bringen. Die Serie wurde im Internet gut angenommen und zusätzlich im regionalen Kabelfernsehen ausgestrahlt. Aktuell laufen Verhandlungen mit weiteren Distributionspartnern und die Vorbereitung zur internationalen Ausstrahlung in einer englischen Fassung. Das Medienecho zum "Sturm des Wissens" hat unsere Erwartungen deutlich übertroffen. Fernsehen, Radio, Wochen- und Tageszeitungen sowie unzählige Web-Portale haben berichtet. Ich habe Interviews für das ZDF, den KinderKanal, die Zeit und den Deutschlandfunk gegeben. Sogar bis Österreich verbreitet sich die Science Soap von der Ostseeküste aus und wird beispielsweise beim Töchtertag in Wien gezeigt.

  • Der "Sturm des Wissens" entspricht offenbar genau dem Zeitgeist. Die enorme öffentliche Aufmerksamkeit ist ein Erfolg, der unserer Region mit ernsthaften, wissenschaftlichen Themen in vergleichbarer Intensität selten gelingt. Selbst international anerkannte Forschungsergebnisse, die Früchte teils jahrelanger Arbeit mehrerer Wissenschaftler, werden außerhalb der Fachpresse trotz professioneller Aufbereitung und Bereitstellung meist nur punktuell aufgegriffen. Müssen wir zukünftig also jedes Thema in eine Seifenoper verpacken, um auch ein breites Publikum zu erreichen? Wie kann eine Trivialisierung der Wissenschaftskommunikation gleichzeitig verhindert werden?

  • Auf diese Fragen haben wir noch keine Antworten. Dafür konnte ich in den vergangenen 18 Monaten im Projekt drei wichtige Erfahrungen sammeln, die deutlich über den Horizont der Science Soap hinausreichen.

  • Die Öffentlichkeit ist beständig auf der Suche nach Personen, die einzelne Themen verkörpern. Botschaften lassen sich also weniger auf der sachlichen Ebene, sondern deutlich einfacher auf der persönlichen Ebene kommunizieren. Wir kennen dieses Prinzip aus der Politik oder auch aus der Beliebtheit von Talkshows, bei der die Gäste meist auch für klare Positionen stehen. Dies gilt aber ebenso in der Wissenschaftskommunikation. So wurde ich in meiner Rolle als Ideengeber der Science Soap in letzter Zeit häufig zu Frauen in MINT-Berufen befragt, obwohl meine fachliche Expertise doch eher auf den Themen Visual Computing, Maritime Computer Graphik und Industrie 4.0 liegt.

  • Aus der bewussten Schaffung scheinbarer Widersprüche und der daraus folgenden Auseinandersetzung ganz unterschiedlicher Sichtweisen hat "Sturm des Wissens" als Medienprojekt in erheblichem Maße profitiert. Dies ist ein Ansporn für unsere Forschungsregion mutig auch eine extreme Interdisziplinarität in der Wissenschaft zu leben.

  • Eine hinreichend offen formulierte Vision setzte in unserem Fall ein beeindruckendes Engagement frei. Viele Personen haben sich ehrenamtlich oder für einen symbolischen Beitrag mit viel Zeit und Herzblut eingebracht. Die Science Soap dient den unterschiedlichen Beteiligten offensichtlich als eine Projektionsfläche für ein ganz breites Spektrum von Ideen: Für den einen ist es ein frisches, hochwertig produziertes Serienformat, für den anderen eine geschickte Werbesendung für den Wissenschaftsstandort Rostock, für den nächsten eine gelungene Präsentation von Rollenvorbildern für Mädchen in der Berufsorientierung oder auch ein Eintrag im künstlerischen Lebenslauf. "Sturm des Wissens" ist das alles und noch etliches mehr. Was sehen Sie in "Sturm des Wissens"? Bilden Sie sich selbst ein Urteil:

  • www.sturm-des-wissens.de

Zur Person

Uwe Freiherr von Lukas, Standortleiter des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung

Uwe Freiherr von Lukas hat an der TU Darmstadt Informatik studiert und anschließend an der Universität Rostock promoviert. Er ist Standortleiter des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung (Fraunhofer IGD) und lehrt als Honorarprofessor für Virtuelle Produktentwicklung an der Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik der Universität Rostock. Im Verein [Rostock denkt 365°] ist der Wissenschaftler im Vorstand tätig und war der Ideengeber für die Science Soap "Sturm des Wissens".

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