Gastkommentar

Reinhard Kerbl © Olivia Rothmann
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Dossier

"Somnologie als medizinische Spezialdisziplin"

Gastkommentar

30.08.2019
  • Wien (Gastkommentar) - "Wer am offenen Gehirn operiert, ist ein Künstler. Wer ein Herz transplantiert, ist ein Held. Wer als Schlafmediziner tätig ist, ist selbst schuld." Mit diesen - nicht ganz ernst gemeinten - Worten habe ich vor einigen Jahren als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ASRA) die Jahrestagung in Seggau eröffnet. Bei derartigen Jahrestagungen treffen sich regelmäßig jene 150-200 Personen, die sich in Österreich beruflich mit Schlafmedizin (Somnologie) beschäftigen.

  • Eine wissenschaftlich begleitete Umfrage im Jahr 2010 zeigte, dass über 30 Prozent der Österreicher von Schlafstörungen betroffen sind, aber nur die wenigsten Betroffenen medizinische Hilfe suchen. Schlafstörungen zählen somit zu den häufigsten und gleichzeitig oftmals unbehandelten Beeinträchtigungen von Gesundheit und Wohlbefinden. Es mag gerade an der Häufigkeit liegen, dass Schlafstörungen als "allgemeines" und banales Problem angesehen werden, und eine eigene medizinische Versorgung manchmal sogar belächelt wird.

  • Die Realität zeigt aber, dass die über 90 verschiedenen Schlafstörungen nicht nur eine bedeutende Krankheitslast darstellen können, sondern auch die Lebensqualität beeinträchtigen, Komorbiditäten bedingen und letztlich auch die Lebenszeit entscheidend verkürzen können. Und gerade deshalb ist es wichtig, Schlafstörungen rechtzeitig zu erkennen, adäquat zu diagnostizieren und einer richtigen Behandlung zuzuführen.

  • Aus diesem Grund wurde im Jahr 1991 auch die Österreichische Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ASRA) gegründet. Unter ihrem Dach treffen sich verschiedene Disziplinen wie Neurologie, Innere Medizin, Pneumologie, HNO, Psychiatrie, Pädiatrie und Zahnheilkunde. Auch medizinisch-technisches Personal findet in dieser Gesellschaft seinen Platz für Aus- und Weiterbildung.

  • Wiewohl also schlafmedizinische Versorgung in Österreich seit mehreren Jahrzehnten etabliert ist, fehlten für Schlafstörungen bisher einheitliche Untersuchungs- und Behandlungsrichtlinien sowie einheitliche Ausbildungskriterien für "Somnologie". Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Welt wurde eine eigene Spezialisierung bis zum Jahr 2018 trotz mehrerer Anläufe nie umgesetzt, und im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) hat es die Schlafmedizin maximal zu einer Überschrift gebracht - eine eigene Versorgungsplanung wurde dort bis dato nie festgelegt.

  • Dass es nun gelungen ist, eine Spezialisierung "Schlafmedizin" in Österreich zu etablieren, darf als Meilenstein der somnologischen Versorgung für Österreich betrachtet werden. Erstmals liegen nun einheitliche Ausbildungsrichtlinien vor, für die Fertigkeiten werden verbindliche Kennzahlen genannt, und von den Ausbildungsstätten sind entsprechende Strukturqualitätskriterien zu erfüllen. Damit ist zukünftig gewährleistet, dass sich hinter dem Schild "Schlaflabor" qualifiziertes Personal mit entsprechender Expertise findet.

  • Derzeit läuft die Anerkennung der Spezialisierung für jene Personen, die sich in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten nachweislich intensiv mit Schlafmedizin beschäftigt haben. Danach werden durch das Gesundheitsministerium Ausbildungsstätten akkreditiert, die weitere Schlafmediziner ausbilden können und sollen. Ziel dieser Bemühungen ist es, den Patienten "Irrwege" zu ersparen, österreichweit eine hohe Versorgungsqualität für schlafmedizinische Probleme zu gewährleisten, gleichzeitig aber auch den Versorgungsbedarf abzudecken. Überlange Wartezeiten für Schlaflaboruntersuchungen (wie zum Beispiel bei der Abklärung bei Verdacht auf obstruktives Schlafapnoesyndrom) sollen dann hoffentlich bald der Vergangenheit angehören.

  • Als seit dem Jahr 2007 durch die ASRA beauftragter Koordinator für die Umsetzung der Spezialisierung "Schlafmedizin" und als derzeitiger Vorsitzender der Spezialisierungskommission möchte ich mich bei all jenen bedanken, die konstruktiv, kollegial und über Fachgrenzen hinweg zum nunmehrigen Gelingen beigetragen haben. Insbesondere sind dies die Vertreter der oben genannten Sonderfächer, der Österreichischen Ärztekammer sowie des Bundesministeriums für Gesundheit.

  • Ich bin überzeugt, dass eine qualitätsgesicherte schlafmedizinische Versorgung letztlich vor allem unseren Patientinnen und Patienten zugutekommt, und Österreich damit auch in diesem Bereich den Anschluss an die Weltspitze findet.

Zur Person

Reinhold Kerbl, Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ASRA)

Reinhold Kerbl ist Facharzt für Kinder-und Jugendheilkunde und seit 2007 Vorstand der Abteilung für Kinder und Jugendliche am LKH Hochsteiermark/Leoben. Während seiner früheren Tätigkeit an der Universitätskinderklinik Graz hat er in den späten 80er-Jahren dort das erste pädiatrische Schlaflabor in Österreich etabliert und geleitet. Derzeit leitet der Autor das pädiatrische Schlaflabor in Leoben. Von 2010 bis 2012 war Reinhold Kerbl Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ASRA) und ist derzeit deren Vizepräsident. In den Jahren 2012 bis 2014 war Reinhold Kerbl auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ), gegenwärtig ist er deren Generalsekretär. Weiters leitet Kerbl die Präventionsaktivitäten gegen den plötzlichen Säuglingstod (SIDS) in der Steiermark. Kerbl ist Autor von über 120 Originalpublikationen und regelmäßig Vortragender auf nationalen und internationalen Kongressen. Er ist Herausgeber mehrerer Sachbücher und Schriftleiter zweier wissenschaftlicher pädiatrischer Journale. Neben Schlafmedizin und SIDS beschäftigt sich der Autor wissenschaftlich unter anderem mit autonomen Regulationsstörungen im Säuglingsalter, Tumorforschung (Neuroblastom) sowie Möglichkeiten der Prävention im Kindesalter.

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