Gastkommentar

Mario Springnagel © Privat
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Dossier

"Sozialfall Forschung"

Gastkommentar

01.03.2018
  • Wien (Gastkommentar) - In Forschung und Wissenschaft gehören Misserfolge und das "Scheitern" von wissenschaftlichen Forschungsprojekten zum kalkulierten Risiko. Dabei kann dieses sogenannte Scheitern schon in der Konzeption einer Idee selbst liegen, in administrativen und finanziellen Belangen, in der Antragsphase eines Projektes bezüglich der Finanzierung oder aber auch in der Projektphase. In der Projektphase ist es ein alltägliches Erlebnis eines Wissenschafters, dass Ideen nicht funktionieren oder Ergebnisse andere Resultate ergeben als erwartet. Da aber Forschung in der Entdeckung von Zusammenhängen, Erklärung von Gegebenheiten oder auch in der Aufstellung von Gesetzmäßigkeiten besteht, ist dies ein den Wissenschaften inhärenter Vorgang und auch nicht als Misserfolg zu werten. Auch "negative" Ergebnisse sind Ergebnisse.

  • Das, was als wirklicher Misserfolg zu werten ist, ist entweder die Ablehnung eines Projektantrages oder das Scheitern eines Forschungsprojektes aus administrativen Gründen. In Österreich sind die öffentlichen, aber auch die privaten Gelder für die Forschung knapp, sowohl für die Universitäten, als auch für private Forschungsinstitute und NGOs, sieht man von den wenigen firmeneigenen Forschungseinrichtungen ab. Die Universitäten sind seit Jahren unterfinanziert. In Österreich spielen die öffentlichen Zuwendungen auch eine viel wichtigere Rolle als in anderen Staaten. Große Privatstiftungen wie in Deutschland oder der USA fehlen, und für die Werbebranche ist Forschung uninteressant. Aber das gilt teilweise auch umgekehrt, Wissenschaft hat hierzulande noch immer kein marktwirtschaftliches Denken. Ansinnen von Milliardären, sich einen "Hörsaal zu kaufen" oder Ähnliches, werden zurückgewiesen. Private NGOs haben in dieser Hinsicht weniger Berührungsängste mit privaten Geldern, und einige Unternehmen fördern wissenschaftliche Projekte und Vorträge, doch kann es durchaus vorkommen, dass es Firmen ablehnen ein Projekt zu finanzieren. Nicht weil es schlecht oder uninteressant wäre, sondern weil das Projekt Know-how generiert, und nicht jedes Unternehmen begeistert davon ist, dass Know-how unter der Konkurrenz verbreitet wird. Manchmal wiederum ist eine Idee so gut, dass sie von anderen Institutionen still und heimlich übernommen wird.

  • Der Kampf um die Finanzierungsquellen, um Ideen zu verwirklichen oder auch Nachfolgeprojekte zu realisieren, beherrscht daher auch die außeruniversitäre Forschung. Ende 2010 haben neben den Universitäten, der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG und der Akademie der Wissenschaften nur mehr wenige NGOs Subventionen erhalten, die Basissubventionen wurden gestrichen. Nun haben nicht alle Wissenschafter eine Ausbildung in Administration oder Finanzwesen, und möchten zum größten Teil damit auch so wenig wie möglich zu tun haben. Doch fehlt das Geld für einen administrativen Unterbau, liegt das Scheitern eines Projektantrages schon in der Einreichungsphase auf der Hand, mag die zugrunde liegende Idee noch so erfolgversprechend oder innovativ sein. Wobei die FFG und der Wissenschaftsfonds FWF wertvolle Unterstützung für projektwillige Wissenschafter liefert, aber auch unter mangelnder Finanzausstattung leiden: "Die Qualität der österreichischen Forschung steigt, aber die Mittel stagnieren" (Die Mitglieder des FWF-Kuratoriums in DER STANDARD, 9.10.2013). Neue Impulse zu setzen wird dadurch nicht leichter, erfolgversprechende Forschung, wie zum Beispiel im Cultural Knowledge Bereich, eingestellt, oder das Jean Monnet Institute for Excellence in andere Institute eingegliedert und langjährig erfolgreiche Institute zu einer Plattform umgewandelt. Wobei zu bedenken ist, dass Subventionen ja nicht verlorenes Geld sind. Untersuchungen in den verschiedenen NGOs, in denen ich Projekte leitete, ergaben, dass zumindest 75 Prozent der Subventionen als Accelerator wieder in die heimische Wirtschaft fließen.

  • Die Kettenarbeitsregelung an den Universitäten hat die Situation nicht verbessert. Laut Wiener Zeitung sind rund 70 Prozent des wissenschaftlichen Personals der Uni Wien auf Basis von befristeten Dienstverträgen beschäftigt. Diese Regelung sollte die universitären Arbeitnehmer stärken, da ein befristetes Arbeitsverhältnis nach sechs Jahren ein unbefristetes werden sollte. Stattdessen wird meist eine einjährige Zwangspause verordnet und danach werden die Karten neu gemischt. Viele Verträge des Lehrpersonals werden überhaupt nur für ein Semester erstellt. Nicht nur, dass eine langfristige Lehrplanung erschwert wird, auch die individuelle Planung leidet, folglich auch die wissenschaftliche Arbeit, da der bürokratische Aufwand steigt und der Kampf um die Gelder zunimmt. Die sehr guten Wissenschafter gehen daher entweder ins Ausland - aber auch dort gibt es nur begrenzte Nachfrage - oder versuchen in der Wirtschaft unterzukommen. Insgesamt wird die Qualität der Lehre verringert und der Ruf der Universitäten leidet. Das ist auch nicht förderlich für die Projekteinreichung bei internationalen Einrichtungen. Und da die öffentlichen Gelder fehlen, ist es nicht leicht, in den wenigen privaten wissenschaftlichen NGOs unterzukommen.

  • Es gibt in Österreich guten wissenschaftlichen Nachwuchs und gute Forschung, national und international. Und es gibt die verschiedensten nationalen und internationalen Förderstellen. Vor allem der FWF bietet für junge Forscher interessante Programme. Doch viele junge Forscher scheitern bereits an den administrativen Hürden.

  • Ist ein Projekt nach zeitaufwendiger und meist unbezahlter Arbeit eingereicht - bei einigen Förderinstituten ist dafür überdies ein hohes - quantitatives - Publikationsranking erforderlich - gewonnen hat man noch nicht. Die Erfahrung zeigt, dass durchschnittlich nur 5 bis 10 Prozent aller Forschungsanträge positiv akzeptiert werden. Je nach Förderinstitution gibt es da verschiedene Kriterien für eine Förderzusage, wobei die Ablehnungsgründe oft nicht mitgeteilt werden bzw. gegen Gutachten kein Einspruch erhoben werden kann. Auch wenn ersichtlich ist, dass der jeweilige Gutachter voreingenommen ist gegen Ansätze, die seinen favorisierten Theorien widersprechen, er/sie die Projektunterlagen nicht genau genug gelesen hat oder es gar ein Projekt ist, das innovativ ist und mit dem Gutachter keinerlei Erfahrung haben - oder man nicht in einem bevorzugten Netzwerk etabliert ist. Entweder man überarbeitet das Projekt und reicht neu ein, oder man sucht sich Förderinstitutionen außerhalb des österreichischen Raums, z.B. Stiftungen in Deutschland, bzw. außerhalb des europäischen Raums, z.B. eine amerikanische Stiftung, wie die Rockefeller Foundation. Von Vorteil ist auch die Bekanntschaft mit amerikanischen Millionären oder russischen Oligarchen, die sich nicht für Football oder Fußball interessieren.

  • Und hat man trotz allen Aufwandes ein Projekt eingereicht, und wenn es eine Minute vor der Deadline ist, alle administrativen Hürden überstanden und gehört schließlich zu den Auserwählten, ist man voller Glücksgefühle und Adrenalin, so dass ein Scheitern kaum noch möglich ist. Außer man möchte ein Nachfolgeprojekt, bzw. ein erfolgsversprechendes Projekt weiterführen: da stellen sich die Hürden noch einmal auf.

  • Nichtsdestotrotz - hat man sich dieser Aufgabe verschrieben, hat man einen Trost: die Arbeitslosigkeit hat kein Drohpotenzial mehr - viel verdient hat man sowieso nicht.

Zur Person

Mario Springnagel, Wissenschaftsmanager

Dr. Mario Springnagel hat 1980 bis 1990 als Prokurist in einer Wirtschaftsprüfungsfirma gearbeitet, bevor er sich 1991 der Wissenschaft zuwendete, teils als Geschäftsführer mehrerer NGOs – u.a. verwaltet er die GESOK Gesellschaft für Ostkooperation, die EPOC European Policy Advisors und mit Botschafter DDr. Gerald Hinteregger den Arbeitskreis-Ost – und Administrator von (EU-)Projekten in den Bereichen Capacity-Building (mit Univ. Prof. Hans-Georg Heinrich) und Cultural-Knowledge-Management (mit Univ. Prof. Gerhard Fink), teils als wissenschaftlicher Mitarbeiter in diesen Projekten. In weiteren wissenschaftlichen Projekten arbeitete er mit Dr. Elsa Hackl (Vergleich Employability Uni- und FH-Absolventen) und Dr. Daniel Dauber (Wiener Unternehmenskultur). In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Suche nach intelligentem außerirdischem Leben.

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