Gastkommentar

Matthias Marschik © privat
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Dossier

"Sport und die Kulturwissenschaften gehören doch zusammen"

Gastkommentar

27.02.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Der enge Konnex von Sport und Wissenschaft ist offensichtlich: Zu einen bedarf der Sport der Wissenschaft in Form von Materialentwicklung, der Optimierung von Körper und Psyche und konkreter Hilfestellung in Fragen der Finanzierung, des Managements oder der Werbung. Zum anderen nutzt die Wissenschaft den Sport als Experimentierfeld neuer Entwicklungen. Viele sportwissenschaftliche Institute sind längst zu Vorfeldorganisationen von Sportverbänden oder Sportartikelherstellern mutiert. Politik, Wirtschaft, Medien und eben auch Wissenschaft sind vielfach, und nicht nur in autoritären Staaten, mit dem Sport zu eng verzahnten Dispositiven verschmolzen.

  • Sozialwissenschaften haben zu ihrem Thema eine größere Distanz. Soziologie, Ethnologie oder Pädagogik untersuchen, analysieren und interpretieren den Sport zumeist als Teil größerer sozialer Zusammenhänge, suchen Gemeinsamkeiten und Differenzen. Sie fragen nach Einflüssen auf den Sport wie nach den Funktionen des Sports in spätmodernen Gesellschaften, etwa im Hinblick auf Doping, Leistungsmaximierung, Jugendlichkeit oder Körperideale. Eine solche Kontextualisierung ist freilich in der heutigen Leistungsgesellschaft wenig gefragt. Vermehrt trifft das noch auf geisteswissenschaftliche Sportanalysen aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften zu. Es ist kein Zufall, dass universitäre Sportgeschichte im deutschsprachigen Raum ausgetrocknet wird, ihre Planstellen umgewidmet werden.

  • Was also, so ist zu fragen, können (historische) Kulturwissenschaften zum Verständnis des Sportes beitragen? Die vorschnelle Antwort lautet: Nichts. Und das ist aus der Logik der Sportpraxen insofern richtig, als kurzfristige systemimmanente Erfolge nicht durch eine Mikro- oder Makroanalyse von Strukturen und Machtverhältnissen erzielbar sind. Siege bedürfen zwar eng begrenzter Kreativität, vom V-Stil der Skispringer bis zum Klappschlittschuh im Eisschnelllauf, aber nicht der Kritik der Bedingungen und Bedeutungen des Sports selbst. Aber wenn Wissenschaft einerseits eine Verbesserung, andererseits aber auch eine Hinterfragung des Bestehenden leisten soll, sind zunehmend randständige Fächer wie die Kulturwissenschaften gefordert.

  • Sport vs. "Frauensport"

  • Ich möchte das an einigen Gedanken zum "Frauensport" aufzeigen. Geht die gängige Sicht von einer sukzessiven Emanzipation und Angleichung eines von Frauen betriebenen Sports aus, lautet die Gegenmeinung, es gäbe unveränderte Benachteiligung, die Restriktionen seien nur diffiziler geworden. Dafür spricht schon die Begriffsverwendung selbst, denn im Gegensatz zum "Frauensport" wird so gut wie nie vom "Männersport" gesprochen. In den Medien gibt es bis heute "Fußball" und "Frauen-" oder "Damenfußball", was nichts anderes heißt, als dass der "Männersport" als der wahre, richtige Sport gesehen wird.

  • Gilt es, aktuelle Sportdiskurse zu hinterfragen, lohnt meist ein Blick in die Vergangenheit. Ich nenne als Beispiel das frühe moderne Sportgeschehen vor 1900, als bürgerliche und aristokratische Frauen nahezu jeden Sport betreiben konnten, selbst so gefährliche und später als typisch "männlich" angesehene Sportarten wie Ski- oder Fallschirmspringen. Dass Frauen ab der Jahrhundertwende im Sport reduziert, abgewertet und diskriminiert wurden (und bis heute werden), war einerseits auf die Notwendigkeit der Organisierung und Verregelung zurückzuführen, die ein von Männern für Männer geschaffenes Sportsystem etablierte, und andererseits auf die Ökonomisierung des Sports, die eine maskuline Hegemonie etablierte.

  • Es gilt also, die Strategien und Funktionen der Diskriminierung herauszuarbeiten. Aber es gilt zugleich, dabei nicht stehenzubleiben. Wenn etwa die Zwischenkriegszeit, im bürgerlichen wie im Arbeitersport, als restriktive Phase bezüglich des Frauensports gesehen wird, dürfen dabei die gegenteiligen Tendenzen nicht übersehen werden, vom bürgerlichen "Sportgirl" bis zu den genuinen Versuchen eines eigenen Frauenolympia. Und wenn der Austrofaschismus zu Recht als extrem frauendiskriminierend eingestuft wird, darf nicht übersehen werden, das zum einen das Regime kompetitiven Frauensport sogar förderte, als es im nationalen Interesse um Medaillen 1936 in Berlin ging und dass es Frauen gelungen war, in Wien 1935 die weltweit einzige Frauenfußball-Liga zu etablieren. Selbst bezüglich der NS-Ära gilt es das Faktum ernstzunehmen, dass etwa der Sport im BdM von vielen Mädchen als Befreiung aus gesellschaftlichen und familiären Zwängen erlebt wurde.

  • Diskriminierung und Emanzipation von Frauen im Sport sind keine Widersprüche. Auch nicht - auch dafür ein Exempel - in den "emanzipativen" 1970ern, als das "Bauerndirndl" Annemarie Pröll rauchte, trank und schnelle Autos fuhr, sich aber doch hegemonialen Strukturen der Sportpolitik, der Medien und der Okönomie unterordnete. Pröll durchbrach "weibliche" Normen des Hausfrau- und Mutterseins, bestärkte aber zugleich tradierte gesellschaftliche Werte, von Leistung, Jugend und Gesundheit bis zur Heterosexualität und Geschlechterbipolarität. Bis heute ist der Sport zugleich ein Ort der Selbstermächtigung von Frauen und deren massiver Benachteiligung, wenn sich etwa noch 2017 im Trainerstab des ÖSV unter 44 BetreuerInnen nur eine Frau findet.

  • "Naturgegebene" Gesetze werden hinterfragt

  • Was also die Kulturwissenschaft des Sportes leisten kann, ist die Hinterfragung scheinbar "naturgegebener" Gesetzmäßigkeiten. Und sie kann zeigen, dass diese im Sport in ganz besonderer Weise repräsentiert werden: Erstens vermittelt der Sport, speziell in Zeiten zunehmender Verunsicherung von Identitäten, weiterhin physische Unmittelbarkeit: Auf der Genderebene lässt sich in der bipolaren Ordnung des Sports eine "naturgegebene" männliche Hegemonie bestätigen. Zum zweiten lösen sportliche Wettkämpfe - bei AthletInnen wie beim Publikum - intensive Emotionen aus und transportieren ihre Werte in unmittelbarer Weise. Und zum dritten wird dem Sport - trotz des Wissens um seine politischen und ökonomischen Bedingungen - eine "Eigenweltlichkeit" zugeschrieben. Gerade deshalb werden im Bereich des Sports (und der Sportberichterstattung) Dinge an- und ausgesprochen, die woanders nicht gesagt werden (können).

  • Es ist primäre Aufgabe der Kulturwissenschaften, das System Sport und seine Praxen zu hinterfragen, historische Fakten herauszuarbeiten, Befunde für die Gegenwart zu erstellen, Schlüsse für die Zukunft zu ziehen und Veränderungen anzuregen. So ist es zum Beispiel in den Fußball-Regeln keineswegs angelegt, dass es sich um einen "Männersport" handelt. Doch indem dem Fußball permanent und von allen Seiten Härte, Kampf und Einsatz zugeschrieben und das am Feld auch exerziert wird, wird der Fußball als Männerreservat aufrechterhalten. Auf diese Weise "beweist" der Fußball täglich aufs Neue eine - scheinbare - Überlegenheit des Mannes. Solche Überlegungen anzustellen, ist Aufgabe der Kulturwissenschaft. Fraglich ist allerdings, wer das hören möchte, so lange so viele Menschen vom Status Quo profitieren.

Zur Person

Matthias Marschik, Kulturwissenschafter und Historiker

Matthias Marschik, geb. 1957, Dr. phil. habil., Kulturwissenschaftler und Historiker. Studium der Psychologie und Philosophie in Wien. Habilitation aus Zeitgeschichte. Lehrbeauftragter der Universitäten Wien, Salzburg und Klagenfurt. Zahlreiche Publikationen zum Thema Alltagskulturen (insbesondere des Sports). Dzt. Mitarbeiter in den Forschungsprojekten »Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit« (Univ. für angewandte Kunst Wien) und "Der FK Austria Wien in der NS-Zeit". http://marschik.dorer.org/.

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