Gastkommentar

Michael Stampfer © WWTF/Susanne Einzenberger
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Dossier

"Universitätssteuerung in Österreich: Viel Aufwand für wenig Wirkung?"

Gastkommentar

22.08.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Der staatliche Universitätssektor ist in Österreich der zentrale Akteur für die akademische (Aus-)Bildung und die Erbringung von erkenntnisgetriebener Forschungsleistung. Seine Bedeutung für die Entwicklung gesellschaftlicher Perspektiven und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Daher ist die Frage der Leistungskraft der Universitäten zentral. Internationale Beispiele zeigen, dass herausragende Universitäten überproportionale "Returns" aufweisen: Es zahlt sich aus, hier besonders zu investieren.

  • Unser Land hat es (noch) nicht geschafft, dass sich in einem ausreichenden Ausmaß Spitzenuniversitäten entwickeln konnten. Das liegt in der Nachkriegsgeschichte begründet, in der Forschung nicht als wichtig angesehen wurde und darin, dass wir uns kollektiv mit dem Begriff der Qualität und ihrer Feststellbarkeit schwer tun. Viele meinen, es genüge, eine stabile Breite im Hochschulsektor zu haben. Sie lehnen daher Mechanismen ab, Ressourcen stärker leistungsorientiert zu verteilen.

  • Wenn in Hochschul-Rankings etwa schweizerische, dänische oder niederländische Universitäten global in großer Zahl vorne aufscheinen und unsere Universitätslandschaft überwiegend auf abgeschlagenen Positionen landet, dann sind natürlich die Rankings zu verdammen und unsere Besonderheiten derart zwingend, dass kein Vergleich möglich ist. Ein schon ernster zu nehmendes Argument für den heimischen Rückstand ist die bei insgesamt hoher F&E-Quote relativ geringere Finanzierung der Universitäten.

  • Die Finanzierungsfrage führt uns zu den damit verknüpften Bedingungen, nämlich zur Steuerung von Universitäten. Diese Steuerung sieht in allen Staaten ein wenig anders aus, von fast bedingungslosen sogenannten block grants über performanceorientierte Finanzierungs- oder Vertragsmodelle bis hin zu Evaluierungen mit extremen Konsequenzen, wie wir sie etwa aus Großbritannien kennen.

  • Der Frage der Universitätssteuerung wird in Österreich große Beachtung geschenkt: Nach Jahrzehnten standes- und kontrollorientierter Debatten um die Stellung von Hochschulen und Lehrenden wurde mit dem Universitätsgesetz 2002 ein moderner Rechtsrahmen geschaffen, der den staatlichen Universitäten Autonomie und Vollrechtsfähigkeit gibt ... und diese zugleich in größter Detailliertheit einhegt. Hier zeigen sich bereits Wünsche nach Kontrolle und Mitsprache bis hin zum Mikromanagement durch die Politik. Skandinavische Staaten, nicht für ungezügelte Gesellschaftsordnungen bekannt, kommen mit einem Bruchteil an gesetzlichen Regelungen aus.

  • Auf einer Ebene darunter entfaltet sich dann die Regelungsdichte enorm - in Form der Leistungsvereinbarungen zwischen dem Ministerium und den einzelnen Universitäten. Diese öffentlichen Verträge sind mittlerweile in der vierten Dreijahresperiode. Sie regeln gesamthaft, was jede Universität tun und wofür sie die staatliche (Grund-)Finanzierung erhalten soll. Darin sind alle Tätigkeitsfelder einer Universität umfasst und es wird kaum zwischen großen Zielen und gewöhnlichen Aktivitäten unterschieden. Alles wird in langen Passagen aufgelistet, nach der Vorlage eines sechzigseitigen Arbeitsbehelfes des Ministeriums. Zu der gewaltigen gleichförmigen Menge an deskriptiver Information kommen zwar Leistungsindikatoren, die aber keine nennenswerten Konsequenzen für die Steuerung und Mittelvergabe nach sich ziehen. In diesem enzyklopädischen und immens arbeitsaufwändigen Prozess werden alle Universitäten belohnt, solange sie im sicheren Konvoi der vielen kleinen vereinbarten Schritte unterwegs sind.

  • Der Umfang trägt zu dieser großen sicheren Mitte bei. Die aktuellen Leistungsvereinbarungen mit 21 Universitäten sind zusammen über 1500 Seiten stark und ruhen auf gewaltigen Kaskaden von Planungsdokumenten. Zur Ununterscheidbarkeit zwischen strategischen Zielen und operativem Handeln sowie dem Fehlen von echten Konsequenzen tritt die Frage, wie weit der Berg an Information vom Ministerium ernsthaft verarbeitet werden und wie weit er ein Instrument für die - zeitlich später eingeführte - wirkungsorientierte Haushaltsführung sein kann. Key Performance Indicators sehen anders aus und auf Performance wendet unsere Steuerungsmethode nicht ihr Hauptaugenmerk. Sie sollte es aber, wie der deutliche Abstand zu den Vergleichsländern zeigt.

  • Zusätzlich dürften die Leistungsvereinbarungen diskussionswürdige Effekte nach sich ziehen: Auf Seiten des Ministeriums wäre das etwa die Neigung zum Rosinenpicken, wenn es darum geht, wo die Autonomie endet und wo die "Koordination" beginnt. Auf Seiten der Universitäten erleichtert das Instrument, schwierigen internen Entscheidungen aus dem Weg zu gehen, weil ja das Enzyklopädische ein friedliches Nebeneinander gebietet. Haben wir ein "play safe" auf beiden Seiten des Tisches, um eine möglichst ruhige Entwicklung sicherzustellen?

  • Play safe ist aber nicht das Richtige, wenn wir zur Spitzengruppe vorstoßen wollen. Zwischen der Papiermenge und dem fehlenden internationalen Aufholen kann natürlich kein kausaler Zusammenhang hergestellt werden. Die Korrelation zwischen beidem gibt genug zu denken.

  • Drei Vorschläge für die Erhöhung von Qualität und Wettbewerb: Erstens soll die Autonomie der Universitäten wieder zunehmen, anstatt von vielen wohlmeinenden Seiten eingeschränkt zu werden. Zweitens ist strikte Diät beim Schreiben von Leistungsvereinbarungen geboten: Was für eine Universität auf 20 Seiten inkl. Konsequenzen nicht gesagt werden kann, bleibt besser ungesagt, denn es verwischt Führungsverantwortung. Es genügt, sich auf das Besondere und Zusätzliche zu einigen. Drittens muss das Budget des FWF als kompetitiver Wissenschaftsförderer deutlich erhöht werden. Der Zeitpunkt für all dies ist günstig, da mit der Studienplatzfinanzierung ohnehin eine große Änderung in der Universitätssteuerung anstehen sollte.

Zur Person

Michael Stampfer, Geschäftsführer des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF)

Dr. Michael Stampfer ist langjähriger Geschäftsführer des privat-gemeinnützigen Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF). Nach Abschluss der rechtswissenschaftlichen Studien Mitarbeiter im Wissenschafts- und im Verkehrsministerium, danach Aufbau des heutigen COMET Kompetenzzentren-Programms in der TIG, einer Vorläuferagentur der FFG. Michael Stampfer ist in zahlreichen nationalen und internationalen Projekten und Expertengruppen engagiert und regelmäßig für die OECD als Länderprüfer in Innovation Reviews tätig.

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