Gastkommentar

Elisabeth Unterfrauner © Interfoto
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Dossier

"Verändert das Maker Movement die Welt?"

Gastkommentar

25.04.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Durch die zunehmende Erschwinglichkeit von 3D-Druckern und Lasercuttern sowie anderen digitalen Werkzeugen haben diese mittlerweile Einzug in viele Haushalte gehalten, und zusätzlich sind sogenannte Maker Spaces und FabLabs weltweit entstanden. Maker Spaces ist als Oberbegriff für Werkstätten zu verstehen, die es ihren Mitgliedern ermöglichen, digitale und auch traditionelle Werkzeuge zu nutzen, um ihre kreativen Ideen in Prototypen oder auch Produkte für den Eigengebrauch oder für das eigene Start-up umzusetzen. FabLabs verpflichten sich zusätzlich mit dem Unterschreiben der FabLab Charter bestimmten Werten wie Öffnungszeiten für alle im Sinne der Demokratisierung von Zugang zu diesen Tools und Open Source. Seit der Gründung des ersten FabLabs durch Neil Gershenfeld am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Jahr 2002 sind mittlerweile weltweit rund 1.700 FabLabs entstanden, wobei die Anzahl von Maker Spaces allgemein und von verwandten Einrichtungen wie Hacker Spaces oder Repair Cafés nicht erfasst ist und höchstens grob geschätzt werden kann.

  • Maker treffen sich nicht nur in diesen Werkstätten, sondern es gibt auch unzählige online Plattformen wie z.B. Thingiverse mit tausenden von Mitgliedern, wo eigene Designs für andere zur Verfügung gestellt oder Erfahrung und Wissen ausgetauscht werden. Es gibt einen sehr starken Ethos in der Community, Wissen, das im Maker Space erworben wurde, wiederum an andere weiterzugeben. Durch das Zusammentreffen von Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und Ausbildungen entstehen Ideen und Produkte, die komplementäres Wissen erfordern. Da trifft der Künstler auf die Programmiererin und den HTL Absolventen und die eigene Idee wird durch Ratschläge von anderen angereichert.

  • Maker entwickeln höchst individualisierte Produkte, die den persönlichen Bedürfnissen entsprechen. Oft werden auch bereits bestehende Objekte in ihrer Funktion oder Aussehen verbessert oder Ersatzteile für ein altes Gerät einfach nachgebaut, um das Gerät nicht entsorgen zu müssen. Da wird zum Beispiel ein technisches Hilfsmittel für den Sohn mit spastischer Lähmung gebaut, der mit der entwickelten Schablone das Ipad nutzen kann. Ein Maker bastelt einen Caketopper für einen individualisierten Geburtstagskuchen. Wiederum jemand anderer hat eine zündende Idee, wie die Wohnungspflanzen mit einer App auf dem Handy kommunizieren können, wenn sie Wasser brauchen oder gedüngt werden sollen und tüftelt an einem Prototypen. Die Ideen und Prototypen sind sehr vielfältig, wie die jährlich veranstalteten Maker Faires und Mini Maker Faires zeigen. Dort stellen Maker ihre Ideen aus, sehr oft kann man an den verschiedenen Stationen selbst Hand anlegen oder ein Objekt erwerben.

  • Manche sprechen im Zusammenhang mit der Maker Community von einer Graswurzelbewegung, dem sog. Maker Movement, deren Mitglieder sich selbst organisieren und stetig an Anzahl gewinnen und dem sozioökonomische und gesellschaftliche Auswirkungen zugesprochen wird.

  • Durch das Fast Prototyping ergeben sich für Start-ups, aber auch für die Industrie, einfache und kostengünstige Möglichkeiten, Produkte erst mal als Prototyp zu testen, bevor ein Investor gesucht oder ein Produkt in Serie gefertigt wird. Es ist auch die Rede von der nächsten industriellen Revolution. Zum einen, weil durch die neuen technischen Möglichkeiten Produkte entwickelt werden können, die evtl. umweltverträglicher oder leichter sind, weil durch das Auftragen von Schichten im 3D Druckverfahren, also im additiven Produktionsverfahren, kein überflüssiges Material entfernt werden muss, wie dies im konventionellen Fertigungsverfahren der Fall ist. Zum anderen wäre zukünftig eine ganz andere Zulieferkette denkbar. Produkte würden nicht mehr in Massen hergestellt und von weit her transportiert, sondern könnten on-demand bestellt und entweder selbst gefertigt oder lokal produziert werden, und dies entsprechend der eigenen Bedürfnisse. Es würde keine Produkt- und auch kein Ersatzteillager mehr geben, und damit würden zusätzliche Ressourcen eingespart werden.

  • Maker Projekte haben in den letzten Jahren auch zunehmend Einzug in Bildungseinrichtungen oder andere öffentliche Einrichtung gehalten. So manche Schule, Universität, Museum oder Bibliothek verfügt inzwischen über einen eigenen Maker Space oder hat eine Kooperation mit einem lokalen Maker Space aufgebaut.

  • So wird im Europäischen Projekt DOIT (https://www.doit-europe.net/), an dem das Zentrum für Soziale Innovation maßgeblich beteiligt ist, "Social Entrepreneurship" durch Maker Projekte Kindern zwischen 6 und 16 Jahren näher gebracht. In einem Pilotversuch mit 1000 Kindern in 10 verschiedenen europäischen Regionen entwickeln diese ihre eigene Ideen und Lösungen für verschiedene Probleme aus ihrer Lebenswelt. Da wird zum Beispiel ein Alarmsystem für einen bei Regen überlaufenden Fluss oder ein Aufgabenbarometer für die Klasse entwickelt, der anzeigt, wenn das Maximum an Aufgaben für den Tag durch die LehrerInnen vergeben wurde. In projektbasiertem Arbeiten im Team wird voneinander und miteinander gelernt und die Idee bis zur Fertigstellung des Prototypen iterativ entwickelt.

  • Die Frage, ob das Maker Movement die Welt verändert, lässt sich wohl eindeutig mit "Jein" beantworten. Ob beispielsweise die lokale Fertigung die Massenherstellung gänzlich ersetzen wird, ist mehr als fraglich. Zu viele Fragen sind in diesem Zusammenhang noch offen, wie zum Beispiel Interoperabilität oder Gewährleistung, wie sich in Fallstudien der europäischen Maker Szene gezeigt hat (siehe http://make-it.io/). Dennoch zeigt die Produktvielfalt, der Ideenreichtum für Lösungen unterschiedlichster Probleme, sowie innovative pädagogische Ansätze, die durch das Maker Movement entstanden sind, spannende Wege und Möglichkeiten für die Zukunft auf.

Zur Person

Elisabeth Unterfrauner, Zentrum für Soziale Innovation (ZSI)

Mag.a Dr.in Elisabeth Unterfrauner arbeitet seit 2007 am Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) als Senior Researcher und Projektmanagerin im Arbeitsbereich Technik & Wissen. Sie hat Psychologie an der Universität Wien mit der Spezialisierung auf Psychologische Diagnostik und Lernpsychologie studiert und eine postgraduale Ausbildung zur Klinischen Psychologin und Gesundheitspsychologin abgeschlossen. Sie hat viele Jahre als Lektorin an der Fakultät für Psychologie gelehrt. Im Rahmen ihres Doktorats am interdisziplinären Lifelong learning Kolleg hat sie sich intensiv mit dem Thema „Mobile Learning“ auseinandergesetzt. Ihre Forschungsschwerpunkte an der Schnittstelle zwischen Technik und Gesellschaft umfassen Lernen in verschiedenen Settings wie Mobile Learning oder Lernen durch Maker Projekte sowie Verantwortungsvolle Forschung und Innovation (Responsible Research and Innovation –RRI). Als Expertin in qualitativen und quantitativen Methoden übernimmt sie häufig die Evaluation von internationalen Projekten. Derzeit arbeitet sie als Forscherin im Maker Projekt DOIT https://www.doit-europe.net/ und im RRI Projekt https://newhorrizon.eu/.

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