Gastkommentar

Julia Budka © Privat
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Dossier

"Vom Kommen und Gehen in der Wissenschaft"

Gastkommentar

06.08.2015
  • Wien (Gastkommentar) - Der wohl kritischste Moment in der jungen Karriere eines jeden Forschers (w/m/x) ist die Phase, die unmittelbar auf die Promotion folgt. Gerade bei PostDOCs ist ein signifikanter "Brain Drain" festzustellen. Mobilität und Fluktuation des wissenschaftlichen Personals in der PostDOC Phase stellen dringende Voraussetzungen für Spitzenforschung dar, doch aktuell liegt in Österreich kein Gleichgewicht zwischen den sehr vielen AbgängerInnen und nur wenigen RückkehrerInnen vor.

  • Österreichische Forschung nimmt in einigen Bereichen bereits einen Platz an der Weltspitze ein (z.B. Molekularbiologie, Quantenforschung, Archäologie ...) - Nachwuchsförderung ist das entscheidende Mittel, um wissenschaftliche Exzellenz nachhaltig zu halten, neu zu schaffen sowie innovative Themengebiete zu erschließen. Doch ein großes Angebot an hervorragenden jungen Wissenschaftlern (w/m/x) auf dem internationalen Markt steht einer kleinen Zahl an Dauerstellen an den heimischen Universitäten und Forschungseinrichtungen gegenüber.

  • Hier sollen die Chancen an außeruniversitären Institutionen in den Blick genommen werden, denn ein neues Konzept der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gibt in seiner Papierform Anlass zu Hoffnung. Bislang war es an der ÖAW v.a. möglich, befristete Anstellungen über Drittmittelprojekte zu bekommen - als Mitarbeiter oder auch als Projektleiter mittels beispielsweise START-Preis oder ERC-Grant. Das neue Karrieremodell für wissenschaftliche MitarbeiterInnen der ÖAW bietet nun schon nach dem PostDOC durch das Tenure Track Modell der JuniorgruppenleiterInnen Aussichten auf längerfristige Beschäftigungen. Besonders für KandidatInnen, die hochrangige Grants einwerben, soll dies eine Anerkennung und bessere Aussicht darstellen.

  • Problematisch erscheint allerdings die reale Umsetzung dieses Modells - die Anzahl solcher Laufbahnstellen wird durch die Zielvereinbarungen der jeweiligen ÖAW-Institute festgelegt und die Stellen verfügen über keine fixe Standard-Ausstattung. Leistungsorientierte Mittelvergabe ist selbstverständlich nachvollziehbar, doch benötigt Spitzenforschung von Beginn an die nötigen Ressourcen. Die nächste Stufe im ÖAW Modell, die bei positiver Evaluierung nach 5 Jahren den Übergang in ein unbefristetes Anstellungsverhältnis in der Position eines/r GruppenleitersIn, Senior Research Associates oder Senior Staff Scientists bedeutet, ist zum einen sehr positiv, lässt zum anderen aber auch Wünsche offen: mit einer (Universitäts-)Professur gleichgesetzt, verfügt beispielsweise der Gruppenleiter über keinen Titel und kann erneut nicht mit einer gesicherten Grundausstattung rechnen.

  • Ein angemessenes Maß an Startup-Finanzierung bei einer Berufung auf jeder Ebene des Tenure Track Modells kann für vielversprechende KandidatInnen den entscheidenden Unterschied machen - gewinnt man doch damit maßgeblich an Selbstständigkeit und Möglichkeiten, die eigenen Forschungen weiter auszubauen. Dies müsste schon auf dem Niveau der JuniorgruppenleiterInnen berücksichtigt werden und würde die Forschungsaktivität der Betreffenden deutlich steigern.

  • Wenn all das, was im Laufbahnmodell der ÖAW vorgesehen ist, in der Zukunft real umgesetzt wird, dann sind es wichtige erste Schritte zur Einschränkung des derzeitigen Brain Drains und ein neuer Anreiz für hochqualifizierte RückkehrerInnen. Um einen realen Brain Gain in Österreich zu erreichen, benötigt diese Neustrukturierung aber noch zwei Ergänzungen - eine höhere Wertschätzung und bessere Ausstattung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

  • Ein neuer Umgang mit den wissenschaftlichen ZukunftsträgerInnen in Österreich könnte einiges bewegen. Bei aller gewünschten Mobilität in der PostDOC Phase sollte früh mit den ForscherInnen über ihre Karriere gesprochen werden - schon bevor z.B. ein/e MitarbeiterIn nach dem Doktorat oder 2-Jahren-PostDOC Österreich verlässt, müssten ihre/seine Wünsche geklärt und mögliche Strategien diskutiert werden. Eine deutlich formulierte Wertschätzung und die offene Kommunikation von gegebenen Einschränkungen könnten mit Sicherheit dazu beitragen, dass weniger der hervorragend begabten ForscherInnen in der PostDOC Phase Österreich verlassen und dann schlicht mangels Perspektiven auch im Ausland bleiben.

  • Für die Steigerung der Attraktivität einer außeruniversitären Karriere und damit auch der Qualität der Bewerber ist eine Aufstockung der für die Laufbahnstellen vorgesehenen Mittel nötig. Zum einen ginge es darum, dass bereits auf der Stufe der JuniorgruppenleiterInnen eine angemessene Ausstattung (inklusive Personal) gewährleistet ist, besonders aber in der nächsten Stufe der entfristeten GruppenleiterInnen. Zum anderen müssten Institutionen in der Lage sein, rasch vielversprechende KandidatInnen zu halten (Rufabwehr) oder proaktiv anzuwerben - dies wäre durch die Bereitstellung eines Kontingents an Laufbahnstellen auf beiden Karrierestufen, welche nicht bereits in den Zielvereinbarungen genannt sind und keinen Instituten fix zugeordnet sind, realisierbar. Spitzenforschung erfordert neben langfristiger und ausreichender Finanzierung eben auch Flexibilität.

Zur Person

Julia Budka, Mitglied der Jungen Kurie der ÖAW und Professorin für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an der LMU München

Geboren in Wien, studierte Julia Budka Ägyptologie und Klassische Archäologie an der Universität Wien von 1995 bis 2000. Noch vor ihrer Promotion erhielt sie an der Humboldt-Universität zu Berlin eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle (2004-2012). 2007 promovierte sie in Wien im Fach Ägyptologie. Als Karenzvertretung kam sie 2011-2012 an die Universität Wien, bevor sie dank des START-Preises und eines ERC Starting Grants 2012 mit ihrem Projekt AcrossBorders an die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ans Institut für Orientalische und Europäische Archäologie wechselte. Im Rahmen des Projektes beschäftigt sie sich mit der materiellen Kultur Obernubiens im 2. Jahrtausend v. Chr. Das diesbezügliche Material liefern Ausgrabungen auf der Nilinsel Sai, einem wichtigen ägyptischen Siedlungsplatz im Nordsudan. Aspekte der Mikrohistorie und Mikroarchäologie stehen im Vordergrund. Julia Budka hat v.a. in Berlin (HU Berlin), aber auch in Leipzig und Wien gelehrt und ist seit 1997 bei internationalen Ausgrabungen in Ägypten sowie im Sudan tätig. Ihre Spezialgebiete sind Keramik und Siedlungsarchäologie sowie Analysen von Bestattungsformen und Ritualen. Im April 2015 trat Julia Budka an der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Professur für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an – dank ihres START-Projekts ist sie bis Ende 2017 auch noch an der ÖAW tätig. Zudem ist sie seit Juni 2015 Direktoriumsmitglied der Jungen Kurie der ÖAW. Kontaktdaten: Julia.Budka@assoc.oeaw.ac.at Julia.Budka@lmu.de Tel. (in Wien): +43 1 51581 6121 Tel. (in München): +49 (0) 89 / 289 27543 Projekthomepage: http://acrossborders.oeaw.ac.at/

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