Gastkommentar

Heinz Oberhummer © Priv.
4
Dossier

"Was ich immer schon machen wollte"

Gastkommentar

25.04.2013
  • Wien (Gastkommentar) - Leider ist es so, dass viele Menschen oft der Naturwissenschaft und Technik uninteressiert oder sogar feindlich gegenüber stehen. Das hängt auch damit zusammen, dass naturwissenschaftliche Schulfächer oftmals zu den unbeliebtesten Stunden zählen. Es ist aber wichtig, junge Leute und die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass diese Bereiche unsere Zukunft sind. Denn nur so können wir unseren Wohlstand aufrechterhalten. Politiker machen nämlich hauptsächlich nur das, was auch Wähler für sinnvoll empfinden. Und wenn die Öffentlichkeit an naturwissenschaftlich-technischem Fortschritt desinteressiert ist oder ihm gar mit Misstrauen begegnet, werden sich auch Politiker nicht dafür einsetzen. Glücklicherweise scheint es ein Märchen zu sein, dass die Menschen sich nicht für diese Themen interessieren. Man muss diese Gebiete nur spannend, interessant und vor allem verständlich präsentieren. Als ein Beispiel möchte ich etwas über die von mir gegründeten „Science Busters“ erzählen.

  • Fast 40 Jahre war ich an der Technischen Universität Wien tätig. Während dieser Zeit hatte ich immer einen großen heimlichen Wunsch. Nämlich den Menschen und insbesondere der jungen Generation zu erzählen, wie fantastisch Naturwissenschaft und Technik sind. Während meiner aktiven Zeit an der Universität konnte ich mir diesen Wunschtraum aber noch nicht erfüllen, weil einfach neben Forschung und Lehre nicht genügend Zeit dafür übrig war. Erst als ich vor fünf Jahren in Rente ging, konnte ich mir durch die Gründung des Wissenschaftskabaretts „Science Busters“, zusammen mit dem Physiker Werner Gruber und dem Kabarettisten Martin Puntigam, mein großes Ziel erfüllen. Ganz klein angefangen, in einem mittleren Hörsaal, erreichen die Science Busters heute über Theater, Radio, Podcasts, Bücher und Fernsehen hunderttausende von Menschen. Die Science Busters begeistern dabei aber nicht nur die an Naturwissenschaft und Technik interessierte Schicht, sondern auch den Mann und die Frau von der Straße und vor allem Jugendliche. Warum ist es so wichtig, dass sich in Europa junge Menschen für Naturwissenschaft und Technik interessieren? Es kann nur damit dem Fachkräftemangel in fast allen naturwissenschaftlich-technischen Berufen begegnet werden. Es ist daher unbedingt notwendig, junge Menschen zu einem Studium oder einer Ausbildung in diesen Bereichen zu animieren.

  • Unsere heutige Gesellschaft ist nur zum Teil aufgeklärt, denn viele hängen nach wie vor an vorwissenschaftlichen esoterischen oder religiösen Glaubensinhalten. Die Science Busters wollen dem etwas entgegensetzen und den Menschen nahe bringen, dass Wissen nicht nur interessant und spannend ist, sondern auch für die Zukunft der Menschen etwas Wesentliches ist. Die Science Busters wollen auch den Menschen zeigen, dass es in unserer heutigen Gesellschaft auf Wissen und nicht auf Glauben ankommt. Und das unter der Devise des großartigen Zitats von Marie von Ebner-Eschenbach: „Wer nichts weiß, muss alles glauben“. In diesem Sinne reiten die Science Busters auch für die Aufklärung.

  • Aber was unterscheidet Wissen und Glauben? Beide sind im menschlichen Gehirn beheimatet, unterscheiden sich aber fundamental und haben nicht viel miteinander zu tun. Wissenschaft ist das, was "Wissen schafft", also die Methode mit der man Wissen gewinnt. Wissen ist grundverschieden vom Glauben. Die wichtigsten Tugenden der Wissenschaft sind Selbstkritik und Kritik. Wissen wird von allen beteiligten Wissenschaftlerinnen und Beteiligten ununterbrochen überprüft, modifiziert, und verbessert. Viele glauben ja, der Erfolg der Naturwissenschaften kommt von Genies, die alle revolutionieren, aber es sind nicht die Genies, es ist die Methode, die alles ständig hinterfragt, prüft, checkt, weiter untersucht, verändert. Wissenschaft ist ständig im Fluss: Was vor zehn Jahren noch gegolten hat, wird in zehn Jahren vielleicht nicht mehr gelten. Wissenschaft ist dynamisch. Glaube hingegen beruht nicht auf Fortschritt, sondern auf unsichtbaren Feldern, nicht existierenden Dingen und Geisterwesen oder auf irgendwelchen göttlichen Offenbarungen. Glaube ist fundamentalistisch dogmatisch, unveränderlich und starr.

  • Die Programme der Science Busters sind immer eine Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Klamauk. Zu wissenschaftlich bedeutet unverständlich und langweilig, aber bei einem zu großen humoristischen Anteil verschwindet die Wissenschaft. Mit anderen Worten, man soll sich bei unseren Programmen unterhalten, dabei aber trotzdem etwas lernen. Besonders freut mich, dass wir höchste Quoten im Fernsehen bei Jugendlichen erreichen. Seit die „Science Busters“ im Fernsehen laufen, werde ich praktisch bei jeder Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln angesprochen, was mir früher als Professor an der Universität nie passiert ist. Dann rufen mir Jugendliche auch zu: „Professor, Supercool, Science Busters!“

Zur Person

Heinz Oberhummer, "Science Buster"

Heinz Oberhummer war fast 20 Jahre Professor für Theoretische Physik an der TU Wien. Nach seiner Emeritierung im Jahre 2006 gründete er die „Science Busters“. Zusammen mit dem Kabarettisten Martin Puntigam und dem Physiker Werner Gruber ist er Gestalter und Mitwirkender dieses Wissenschaftskabaretts. Die Science Busters versuchen Naturwissenschaft in verständlicher, unterhaltsamer und spannender Weise darzustellen. Sie treten im Rabenhof Theater in Wien auf und gastieren in vielen verschiedenen Theatern und bei Veranstaltungen im deutschen Sprachraum. Sie haben eine wöchentliche Radiokolumne inklusive Podcast im Jugendradiosender FM4 des ORF. Seit 2011 werden ihre Kabarett-Programme als TV-Sendung im Rahmen der Donnerstag Nacht und Die.Nacht in ORF eins gesendet. Die Science Busters wurden 2010 zum Kommunikator des Jahres gewählt und erhielten 2012 den Preis der Stadt Wien für Volksbildung. Die Bücher der Science Busters „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ und „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ wurden Bestseller. Überdies wurde das Buch „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ zum Buchliebling der ÖsterreicherInnen gewählt. Neben den gemeinsamen Science-Busters Büchern ist Heinz Oberhummer Autor des Buches "Kann das alles Zufall sein?", das 2009 zum Wissenschaftsbuch des Jahres gewählt wurde. Heinz Oberhummer ist Obmann der Initiative "Religion ist Privatsache" und im wissenschaftlichen Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und des Freidenkerbunds Österreich.

STICHWÖRTER
Dossier  | Gastkommentar  | Wissenschaft  | Pseudowissenschaft  |

Dossier

„Wissen ist grundverschieden vom Glauben", sagt der Physiker Heinz Oberhummer in seinem Gastkommentar für dieses Dossier. Damit markiert der "Science Buster" bereits eine zentrale Trennlinie ...

Gastkommentare

"Wem schaden pseudowissenschaftliche Therapien?"
von Ulrike Schiesser
Mitarbeiterin der Bundesstelle für Sektenfragen
"Was ich immer schon machen wollte"
von Heinz Oberhummer
"Science Buster"
"Ignorieren bringt nichts"
von Florian Freistetter
Astronom
Wissenschaftsblogger und Autor
"Schmähpreis vom Brettverleih?"
von Michael Horak
Initiator und Organisator des Goldenen Bretts

Hintergrundmeldungen

Quantenexperimente werden nicht ohne Grund unter sehr speziellen Bedingungen durchgeführt © APA (Gindl)

Handauflegen mit Quanten - Die Physik als Feigenblatt

Quantenphysikalische Erkenntnisse lassen sich oft nur schwer mit dem ...
Verschwörungstheorien um die Mondlandung sollen kritisch betrachtet weren © APA (dpa/Nasa)

Wissenschaft mit Pseudowissenschaft erklären

Ein gewisses Verständnis dafür, was Wissenschaft ausmacht, welcher Methoden sie ...
Freuds Psychoanalyse zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft © APA/RS

Auf der Suche nach der Wissenschaft

Was macht Wissenschaften aus und warum scheint es manchen Disziplinen, wie ...
Astrologie bedient Bedürfnis nach "klaren Antworten" © APA (dpa)

Unbeantwortetes öffnet Raum für Pseudowissenschaften

Mit der Beantwortung einiger existenzieller Fragen tun sich die ...
Esoterik will mit Antworten auf fast alle Fragen punkten © APA (dpa)

Das Weltbild aus dem Bastelkasten

Während sich die klassischen Werte der Wissenschaft relativ einfach auf die ...

Glossar

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit finden Sie anschließend einige Begriffe, die im Rahmen dieses Dossiers verwendet wurden:Angewandte Kinesiologie: Diagnose- und ...

Alternativmedizin - "Der große Bluff"

Dieses Buch könnte für Aufsehen sorgen: "Der große Bluff - Irrwege und Lügen der Alternativmedizin", heißt ein rund 290 Seiten dicker Band (Goldegg Verlag), den der ...
Allergien gegen Milchprodukte sind weit verbreitet © APA (dpa)

Bioresonanz gegen Allergie: Bei Test durchgefallen

Bis zu fünf Prozent der Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge an ...