Gastkommentar

Günter Blöschl © Foto Wilke
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Dossier

"Wasser: Lebenselixier oder Bedrohung?"

Gastkommentar

31.03.2015
  • Wien (Gastkommentar) - Noch sind uns die Überflutungen im Juni 2013 in reger Erinnerung. Ganze Landstriche unter Wasser, Häuser vernichtet, Betroffenheit bei den Anliegern. Dramatische Auswirkungen zerstörerischer Wassermassen. Doch das ist nur eines der beiden Gesichter des Wassers. Das andere ist viel fragiler - eine Ressource, die mit viel Umsicht zu schützen ist, damit wir sie erhalten, für unseren eigenen Gebrauch und für eine nachhaltige Zukunft, empfindlich wie eine Mimose und zerbrechlich wie Glas.

  • Warum die Überflutungen? und Wie das Wasser schützen? - Das sind zwei Kernfragen der Hydrologie, der Wissenschaft vom Wasser. Bei der Jahreskonferenz der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) vom 12. - 17. April 2015 in Wien diskutieren 12 000 Expertinnen und Experten ihre neuesten Forschungsergebnisse.

  • Eine groß angelegte, europäische Studie, die durch einen Advanced Grant des European Research Councils (ERC) finanziert wird, kommt zu erstaunlichen Ergebnissen zur Frage ob Hochwässer in Europa größer und häufiger werden, und was die auslösenden Mechanismen von eventuellen Veränderungen sind. In den atlantisch beeinflussten Gebieten Westeuropas etwa haben die Hochwässer in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, und das hängt mit einer Verschiebung der Wetterlagen zusammen. In Skandinavien und den Alpinen Regionen Europas verschiebt sich wegen der höheren Lufttemperaturen der Zeitpunkt der Hochwässer vom Frühjahr in den Winter, und die Hochwässer werden meistens etwas kleiner. Flächenversiegelung durch Bautätigkeit können die Hochwässer in sehr kleinen Gebieten erhöhen und auch Wasserbauten und Flussregulierungen haben einen Einfluss, der sich vor allem auf die weniger extremen Hochwässer auswirkt. Die Studie untersuchte die Hochwässer in den letzten 500 Jahren auf Basis von Chroniken und anderen historischen Belegen, und es zeigte sich, dass die Hochwässer nicht gleichmäßig im Laufe der Geschichte aufgetreten sind, sondern in Clustern hochwasserarmer und hochwasserreiche Perioden. Vieles spricht dafür, dass wir uns derzeit in einer hochwasserreichen Periode befinden und damit auch in der nahen Zukunft mit überdurchschnittlich vielen und großen Hochwässern zu rechnen ist. Die neuesten Ergebnisse dieser von der TU Wien koordinierten Studie werden bei der EGU Tagung präsentiert.

  • Bei dem anderen, fragilen Gesicht der Ressource Wasser geht es darum, wie viel Wasser vorhanden ist, um den Wasserbedarf der Menschheit zu decken. Derzeit sind fast eine Milliarde Menschen ohne zuverlässige Wasserversorgung, man spricht bereits von einer globalen Wasserkrise. Die Schwierigkeiten liegen sowohl bei der Menge als auch bei der Qualität des zur Verfügung stehenden Wassers. Eine neue eigene Disziplin, die sich genau mit dieser Frage beschäftigt ist die Soziohydrologie. Der bisherige Ansatz bestand darin, den Einfluss der Menschen auf das Wasser durch Verunreinigungen wie Nitrat, Pestizide oder Fäkalien zu untersuchen. Das Neue an der Soziohydrologie besteht darin, die gegenseitigen Wechselwirkungen - Menschen beeinflussen das Wasser, Wasser beeinflusst die Menschen - wissenschaftlich zu untersuchen. Im vom FWF geförderten Wiener Doktoratskolleg "Wasserwirtschaftliche Systeme" werden solche Zusammenhänge durchleuchtet. Bei der EGU Tagung präsentierte Ergebnisse zeigen deutlich die Rolle von Rückkoppelungen zwischen den beiden Systemen, Mensch und Wasser. Durch Fallbeispiele von der Antike über die Mayas Mittelamerikas bis hin zu den modernen Industrienationen lässt sich gut zeigen, dass viele Länder zuerst einen wirtschaftlichen Aufschwung nehmen, der Schutz der Ressource Wasser aber erst viel später folgt. Die Prognosemodelle der Soziohydrologie lassen beispielsweise für China erwarten, dass der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung in wenigen Jahrzehnten ein Niveau des Wasserschutzes ähnlich wie in Europa folgen wird.

  • Die Forschungsergebnisse fließen auch konkret in der Wasserbewirtschaftung in Österreich ein. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie, sieht einen integrierten Ansatz zum Schutz, zur Verbesserung und zur nachhaltigen Nutzung der Gewässer vor. Die EU-Hochwasserrichtlinie fordert Hochwasserrisikomanagementpläne zur Reduktion der Hochwasserrisiken. Im Projekt HOchwasserRisikozonierung Austria (HORA) wurden von der TU Wien, dem BMLFUW und anderen Projektpartnern die Überflutungsflächen mit Hochwasserrisiko für das österreichische Flussnetz mit einer Gesamtlänge von etwa 26 000 km berechnet und die Pläne der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. In einem anderen Projekt wurden von der TU Wien die Auswirkungen des Klimawandels auf Hochwässer und die Gewässergüte untersucht, die wiederum Basis für eine verbesserte Bewirtschaftung der Wasserressourcen sind.

  • Der Kongress der Europäischen Geowissenschaftlichen Union im April in Wien ist eine Plattform des internationalen Austausches zu beiden Gesichtern des Wassers - Bedrohung und Lebenselixier. Die Wasserforschung ist Österreich trägt damit durch ihre Expertise "made in Austria" auch bei zu verbesserten Konzepten der Wasserwirtschaft in der gesamten Europäischen Union.

Zur Person

Günter Blöschl, Vorstand des Institutes für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der TU Wien

Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Günter Blöschl ist Vorstand des Institutes für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der Technischen Universität Wien und leitet das vom FWF geförderte Doktoratskolleg Wasserwirtschaftliche Systeme (www.waterresources.at ). Er verfasste zahlreiche Publikationen zur Hydrologie und Wasserwirtschaft, insbesondere zum Thema Hochwasser. Er ist Herausgeber mehrerer internationaler Fachzeitschriften und wurde vor kurzem mit dem renommierten Advanced Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) ausgezeichnet. Als Präsidenten der European Geosciences Union (EGU) verfasste er, gemeinsam mit Mitautoren, "A Voyage Through Scales: The Earth System in Space and Time", das bei Edition Lammerhuber im April 2015 erscheint.

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