Gastkommentar

Manfred Kleidorfer © Universität Innsbruck, privat
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Dossier

"Wasser in der Stadt: Unsichtbares sichtbar machen"

Gastkommentar

27.06.2019
  • Innsbruck (Gastkommentar) - Der Erfolg von Ingenieurinnen und Ingenieure in der Siedlungswasserwirtschaft liegt in der Unsichtbarkeit der Infrastruktur, die sie bauen. Wasserversorgungsleitungen und Kanalisationsrohre liegen vergraben unter der Erde, versorgen die Menschen rund um die Uhr mit sauberem Trinkwasser und transportieren Abwasser und Regenwasser ab. Solange Wasserhahn und Toilettenspülung reibungslos funktionieren und die Häuser trocken bleiben, erkennen wir höchstens einmal im Urlaub in Ländern, in denen all dies nicht so selbstverständlich ist, den Wert dieser Versorgungs- und Entsorgungsqualität. Dabei ist es gar nicht so selbstverständlich, dass dies alles dauerhaft so bleibt.

  • Der Klimawandel hat Österreich erreicht. Die Auswirkungen bestehen unter anderem aus einer Zunahme von Starkniederschlagsereignissen bei längeren Trockenwetterperioden dazwischen. Das bedeutet, dass Starkregen immer intensiver und häufiger werden, genauso aber Trockenzeiten länger. Unsere bestehende Entwässerungsinfrastruktur ist auf bestimmte Regenwasserabflüsse bemessen, welche sich als Mittelweg zwischen Kosten für die Infrastruktur und möglichen Schadenskosten ergeben. Ändern sich die Niederschlagsabflüsse, weil Regen intensiver werden oder aber auch weil wir zunehmend Flächen versiegeln, führt dies zu einem höheren Überflutungsrisiko und mehr Schadensereignissen. Dadurch wird die Anpassung der bestehenden Kanalisationsrohre und Speicherbecken erforderlich.

  • Zumindest wäre dies bis vor einigen Jahren noch die bevorzugte Lösung gewesen. Inzwischen hat man erkannt, dass im besten Fall Niederschlagswasser gar nicht bis zur Kanalisation geleitet werden sollte. Eine Vielzahl moderner Methoden der Regenwasserbewirtschaftung wie Versickerungsanlagen, Gründächer, Regengärten oder -teiche ermöglichen eine Speicherung, Verdunstung und Versickerung des Regenwassers direkt an dem Ort an dem es fällt. Dies hat natürlich den Vorteil, dass die bestehende Infrastruktur entlastet wird, das Überflutungsrisiko sinkt und Klimawandelauswirkungen und Flächenversiegelung kompensiert werden können.

  • Mehr und mehr wird dabei auch auf die Erhaltung der natürlichen Wasserbilanz Wert gelegt. So soll auf einem bebauten Grundstück die Versickerung und die Verdunstung annähernd gleich dem natürlichen Zustand bleiben. Es fließt also nicht mehr Wasser als im unbebauten Zustand ab. Der Grundwasserspiegel bleibt so langfristig konstant und steht als Wasserressource zur Verfügung. Dies lässt sich am besten durch Kombinationen unterschiedlicher Maßnahmen erreichen. Über Gründächer kann Niederschlagswasser verdunstet werden. Nach Erreichen der maximalen Speicherkapazität am Dach wird das Niederschlagswasser in Regenwasserteiche oder - für eine spätere Nutzung - in Regenwasserspeicher eingeleitet oder versickert.

  • Plötzlich dient die Entwässerungsinfrastruktur nicht mehr nur dem Zweck, den Regen verschwinden zu lassen, sondern es wird zusehends interessanter, den Mehrfachnutzen genauer zu betrachten. Wir nennen unsere Anlagen auf einmal "grüne Infrastruktur" oder "naturnahe Lösungen". Wenn Wasser verdunstet, reduziert das nicht nur den Abfluss, sondern verbessert auch das Stadtmikroklima und reduziert die Belastung durch urbane Hitzeinseln. Regenwasserteiche und Grünflächen bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere und erhöhen dadurch die Biodiversität. Und nicht zuletzt dienen natürlich Wasser- und Grünflächen als städteplanerische Elemente, um die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum zu erhöhen.

  • Durch diese grundlegende Änderung wird die Regenwasserinfrastruktur nun plötzlich auf der Oberfläche sichtbar und Planung, Entscheidungsfindung und Umsetzung entsprechend komplexer. Unterschiedliche Interessen müssen laufend abgewogen werden. Offene Wasserflächen von Regenwasserteichen mag nicht jeder, sind sie doch auch potenzielle Gefahrenmomente für Kleinkinder und bieten Brutraum für Gelsen & Co. Gründächer müssen so ausgeführt werden, dass die Pflanzen auch längere Trockenperioden überstehen. Zudem werden dezentrale Behandlungsanlagen oft auf privatem Grund errichtet, was die Frage der Verantwortlichkeiten für die Wartung aufwirft. So werden Errichtung und Wartung grüner Infrastruktur zu einer kommunalen Gemeinschaftsaufgabe von Ingenieuren, Raum- und Stadtplanern, Hydrologen und Architekten.

  • Und als Gemeinschaftsaufgabe muss auch der Fall gelöst werden, wenn sich das Wasser zu sehr zeigt, wenn die errichteten Anlagen bei Extremereignissen überlastet sind und es zu Überflutungen kommt. Notwasserwege würden helfen, Regenwasser möglichst schadlos abzuführen und Speicherbecken können oberirdisch so ausgeführt werden, dass sie außerhalb der Regenzeiten als öffentlicher Raum dienen. Computermodelle unterstützen dabei, das Überflutungsrisiko abzubilden, gefährdete Gebiete zu identifizieren und Maßnahmen zu planen. Durch die Koppelung mit Stadtentwicklungs- und Klimamodellen können Zukunftsszenarien untersucht werden, um den Umgang mit Regenwasser in der Stadt nachhaltig und sicher zu gestalten. Sichtbar, aber nicht zu sehr.

Zur Person

Manfred Kleidorfer, Universität Innsbruck

DI Dr. Manfred Kleidorfer ist Assoziierter Professor an der Fakultät für technische Wissenschaften der Universität Innsbruck. Er hat Bauingenieurwesen studiert, anschließend promoviert und sich im Fach Siedlungswasserwirtschaft habilitiert. Als Österreichs Vertreter im IWA/IAHR Joint Committee on Urban Drainage ist er international sehr gut vernetzt und beschäftigt sich derzeit insbesondere mit Regenwasserbewirtschaftung und naturnahen Lösungen um die Auswirkungen von Klimawandel und Flächenversiegelung zu vermindern. Im Projekt „CONQUAD - Consequences of Adaptation“ untersucht Dr. Kleidorfer mit Förderung des Klima- und Energiefonds den Mehrfachnutzen von Regenwasserbehandlungsanlagen wie beispielsweise die positive Wirkung auf das Stadtklima. Für Österreich hat er kürzlich gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität für Bodenkultur und der Technischen Universität Graz mit Förderung des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus einen Leitfaden zur Regenwasserbewirtschaftung erstellt.

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