Gastkommentar

Ursula Pachl © Ludovic Thysebaert
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Dossier

"Welche Impulse brauchen Verbraucher von der EU?"

Gastkommentar

31.03.2017
  • Brüssel (Gastkommentar) - Europäische Verbraucher haben von einer gut gemachten Kreislaufwirtschaft, in der Strategien zur Verlängerung der Produktlebensdauer eine zentrale Rolle spielen, viel zu gewinnen. Verbraucherprodukte wie z.B. Mobiltelefone und Haushaltsgeräte sollten so gestaltet sein, dass sie langfristig nutzbar sind.

  • Das bedeutet, Produkte müssen so gebaut sein, dass sie verlässlich funktionieren, leicht zu unterhalten und reparierbar sind und zudem erweiterungsfähig sind, um technische Neuerungen sinnvoll integrieren zu können. Außerdem müssen Hersteller Software für Computer und Smartphones auf den neuesten Stand bringen, damit auch diese schnelllebigen Produkte nicht nach einigen Monaten im Keller landen. Damit Verbraucher sich für langlebige Produkte entscheiden können, brauchen sie auch bessere Informationen darüber, wie lange ein Produkt hält und ob sie reparierbar sind. Die EU sollte auch die Gewährleistungsrechte verbessern, um Verbraucher besser vor kurzlebigen Gütern zu schützen.

  • Unser Konsumverhalten ist von zwei Trends gekennzeichnet: Verbraucher besitzen mehr Produkte als in der Vergangenheit und sie werden kürzer genutzt. Kurze Nutzungszeiten und schnellere Ersatzkäufe führen zu Ressourcenverschwendung und einem wachsenden Abfallberg (1). Man könnte jetzt berechtigterweise die Frage stellen, ob diese Entwicklung in erster Linie im Verantwortungsbereich der Verbraucher liegt, die immer die besten und neuesten Produkte haben wollen. Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Erzeugung, sind jedoch zwei Seiten derselben Medaille und die gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen versetzen wenige Menschen in die Lage einen nachhaltigeren Lebensstil zu führen.

  • Unsere Mitgliedsverbände in ganz Europa erhalten viele Verbraucherbeschwerden über Produkte, die schon kurz nach dem Ende der Gewährleistungszeit nicht mehr funktionieren und/oder nicht repariert werden können (2). Oftmals können Geräte nicht einmal geöffnet werden oder Ersatzteile sind zu teuer, gar nicht erhältlich oder haben (zu) lange Lieferzeiten. Nicht wenige Verbraucher denken, dass diese missliche Situation nicht von ungefähr kommt, sondern System hat (3). Viele Verbraucher möchten aber, dass Produkte länger halten (4).

  • In Brüssel macht seit einigen Jahren das Schlagwort der "circular economy", die Runde, das heißt eine neue, bessere Kreislaufwirtschaft soll etabliert werden. Während eine Abfallpolitik, die zu mehr Recycling führt, wichtig ist, muss eine zukunftsorientierte europäische Politik auch viel mehr auf Abfallvermeidung setzen. Integraler Bestandteil muss daher auch eine bessere Produktpolitik sein, die den Verbrauchererwartungen entspricht. Die Institutionen und ihre Entscheidungsträger sollten sich dafür engagieren, Verbesserungen in vier Bereichen zu erzielen:

  • - Produktdesign

  • - Verbraucherinformation

  • - Gewährleistungsrechte

  • - Gute Reparaturbetriebe vor Ort

  • Das Maßnahmenpaket der EU Kommission zur Kreislaufwirtschaft hat das Potenzial, den Verbrauchern, der Umwelt und der Wirtschaft zu nützen und dem Ziel des nachhaltigen Konsums und der nachhaltigen Produktion einen großen Schritt näherzukommen. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern werden wir als BEUC darauf drängen, dass die dementsprechenden Maßnahmen auch ergriffen und umgesetzt werden.

  • -------

  • (1) Ein Bericht der Vereinten Nationen zeigt, dass der Abfallberg von elektrischen und elektronischen Geräten im Jahr 2014 einen neuen Höchstestand erreicht hat. Siehe: http://go.apa.at/2bzR9zWt. Seitdem ist der Abfallberg weiter angewachsen. Neue Daten für 2017 liegen für den Raum Asien vor in dem der Abfallberg an Elektronikmüll innerhalb von 5 Jahren um 63% angestiegen ist. http://go.apa.at/KXVSEpE0.

  • (2) Unser belgischer Mitgliedsverband Test Achats in Belgien hat im November 2016 eine Internetplatform für Verbraucher eingerichtet, auf der bis März 2017 bereits rund 5.000 Mal Produkte gemeldet wurden.

  • (3) Eine Umfrage unseres österreichischen Mitglieds "Verein für Konsumenteninformation" (VKI) aus dem Jahr 2013 hat ergeben, dass 55% von 800 Befragten denken, dass eine Verkürzung der Produktlebensdauer absichtlich und systematisch von Herstellern herbeigeführt wird.

  • (4) Unser österreichisches Mitglied Arbeiterkammer Wien hat in einer Studie ermittelt, dass die Verbraucher oftmals - möglicherweise durch schlechte Erfahrungen - keine hohen Erwartungen an die Produktlebensdauer haben, aber dass sie möchten, dass Produkte länger halten. Siehe Tröger, Nina, Wieser, Harald und Hübner, Renate. 2017. Smartphones werden häufiger ersetzt als T-Shirts: Die Nutzungsmuster und Ersatzgründe von KonsumentInnen bei Gebrauchsgütern. In: Pack ein, schmeiß' weg? Wegwerfkultur und Wertschätzung von Konsumgütern, hg. von Christian Bala und Wolfgang Schuldzinski, 79-102. Beiträge zur Verbraucherforschung 6. Düsseldorf: Verbraucherzentrale NRW. doi:10.15501/978-3-86336-914-9_5.

Zur Person

Ursula Pachl, Stellvertretende Generaldirektorin der europäischen Verbraucherorganisation BEUC

Ursula Pachl kam im Oktober 1997 zu BEUC und arbeitete zunächst als Rechtreferentin, übernahm dann die Stelle des Senior Policy Advisor und seit 2010 ist sie stellvertretende Generaldirektorin. BEUC repräsentiert als Europäische Dachorganisation 43 unabhängige nationale Verbraucherverbände aus 31 europäischen Ländern. Die primäre Aufgabe des BEUC ist es, den Europäischen Verbrauchern eine starke Stimme in Brüssel zu geben, um sicherzustellen, dass ihre Interessen bei der Entwicklung aller Unionspolitiken und insbesondere der Rechtssetzung auf EU-Ebene entsprechend eingebracht und berücksichtigt werden. In ihrer Rolle nimmt Frau Pachl Managementaufgaben der Organisation wahr, vertritt die Generaldirektorin, leitet BEUCs Arbeit am Verbraucherrechts-Besitzstand (‚acquis‘) und ist für horizontale und strategische Fragen der EU Verbraucherpolitik zuständig. Vor der Tätigkeit bei BEUC arbeitete Frau Pachl beim österreichischen Bundesministerium für Gesundheit und Verbraucherschutz in Wien und beim österreichischen Verein für Konsumenteninformation. Frau Pachl ist Autorin zahlreicher Artikel zur EU Verbraucherpolitik und zu Rechtsthemen in juristischen Fachzeitschriften.

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