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Verena Aichholzer zeigt alternative Karrierewege auf © LBG/Johannes Brunnbauer
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Wenn Forscher der Unsicherheit strukturiert begegnen

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01.03.2018
  • Von Nikolaus Täuber / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Die Welt der Wissenschaft ist ein durchaus hartes Geschäft, das für viele Jungforscher trotz bester Ausbildung keine durchgehenden Karriereoptionen bietet. Für manche haftet dem Weg aus der Forschung in andere Gebiete immer noch ein Hauch von Scheitern an. Vor allem Jungforscher gehen mit dem Thema mittlerweile aber recht offen und pragmatisch um, sagte die Leiterin des "Career Center" der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG), Verena Aichholzer, im Gespräch mit APA-Science.

  • Laut internationalen Studien kann im Schnitt nur etwa ein Viertel aller Nachwuchsforscher in der Wissenschaft bleiben. Eine dauerhafte Professorenstelle winkt gar nur 0,5 Prozent. Obwohl es sich bei Jungwissenschaftern um durchwegs sehr fähige Menschen handelt, sei vielen nicht klar, welche alternativen Karrierewege sie einschlagen könnten, so Aichholzer. Aus diesem Grund hat die LBG im vergangenen Jahr das "Career Center" gegründet, mit dem man Betroffenen aktiv unter die Arme greifen möchte.

  • Fokus auf Wege in die Wirtschaft

  • Die erste Herausforderung für Aichholzer und Kollegen war es, die Angebote in der Zielgruppe bekannt zu machen. Immerhin rund 200 LBG-Mitarbeiter sind Pre- oder Post-Docs mit größtenteils zeitlich befristeten Verträgen. Wie groß die Nachfrage für die Services ist, zeigte sich darin, dass bisher schon rund 100 Personen darauf zurückgegriffen haben. Bei ungefähr 80 Prozent der Beratungen oder Trainings liege der Fokus auf einer Zukunft außerhalb der Wissenschaft.

  • Eine erste Erkenntnis aus den Gesprächen war, dass man geduldig sein müsse und die Jungforscher nicht mit Angeboten überfordern sollte. "Denn die Forscher widmen sich vorrangig ihrer Forschung und denken natürlich nicht vorrangig über ihre Karriereentwicklung nach", so Aichholzer. Dass man trotzdem mit so vielen in Kontakt treten konnte, zeige aber, das solche Fragen nicht nur im Hinterkopf präsent sind.

  • Vielfältige Nachfrage

  • "Was mich überrascht hat, ist, dass auch viele Männer gekommen sind", sagte Aichholzer, angesichts der Erfahrung, dass Angebote wie Coaching tendenziell eher von Frauen wahrgenommen werden. Außerdem seien auch relativ viele Leute gekommen, die auf der wissenschaftlichen Karriereleiter bereits etwas weiter sind.

  • "Auffällig ist aber, dass mehr Forscher aus dem 'Health Sciences'-Bereich kommen als etwa aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften (GSK)", so die "Career Center"-Leiterin. Das sei verwunderlich, da anzunehmen ist, dass Leute aus den Lebenswissenschaften mehr Anbindung an die Wirtschaft haben, auch weil es hier große Industriezweige gibt, die als Arbeitgeber in Fragen kommen. Für Wissenschafter aus den GSK seien "alternative Karrierewege" viel weniger klar vorgezeichnet.

  • "Für viele gibt es wirklich nur die Wissenschaft"

  • Aus den Gesprächen mit den Jungforschern könne man den Eindruck gewinnen, dass der Wissenschaftsbetrieb oft noch "sehr hierarchisch" organisiert und der Umgangston mancherorts wenig wertschätzend sei. Hilfestellung in punkto Karriereentwicklung sei mancherorts rar. Das liege auch daran, dass vielen Vorgesetzten Erfahrungen außerhalb der Welt der Wissenschaft schlichtweg fehlen. Dass jemand eine Auseinandersetzung mit Alternativen anstrebt, sei für manch älteren Wissenschafter gewissermaßen mit einem "Scheitern" gleichzusetzen. "Für viele gibt es da wirklich nur die Wissenschaft. Das wird manchen Jungen vielleicht auch so mitgegeben", so Aichholzer.

  • "Was kann und will ich denn eigentlich?", um diese Frage drehe sich die Auseinandersetzung dann meistens. Viele hätten sehr wohl schon über andere Wege nachgedacht, "trauen sich aber oft nicht, den nächsten Schritt durchzuziehen". Bei vielen gehe es also eher darum, sozusagen beim Weiterdenken, -planen und beim Umsetzen zu helfen.

  • Unterschätzte Fähigkeiten

  • Beim Blick in Richtung Wirtschaft schwinge oft die Furcht mit, die nötigen Fähigkeiten nicht mitzubringen. Laut Aichholzer hätten Jungforscher eher die Tendenz dazu, sich selbst zu unterschätzen. Das liege auch daran, dass in der Welt der Wissenschaft ein anderes Wording gefragt ist. Was in der Wirtschaft ganz normal ist, könne in der Forschung "übertrieben herüberkommen". Sich gut zu verkaufen sehe in der Wissenschaft etwas anders aus als in der Wirtschaft, die Mechanismen dahinter seien im Grunde genommen aber sehr ähnlich.

  • Interessant sei auch, wie unterschiedlich die Bilder vom Wissenschafter und jemandem aus der Wirtschaft seien. Bei genauerem Hinsehen zeige sich aber oft, dass es sehr viele Parallelen gibt, hier brauche es "Übersetzer", so Aichholzer.

  • Kaum Angst vor Einbahnstraße, aber vor Autonomieverlust

  • Das Bild der Einbahnstraße in die Wirtschaft, die einem sozusagen den Rückweg in die Forschung verunmöglicht, würde von Betroffenen überraschenderweise kaum gezeichnet. Es gebe auch bereits einige Leute, die in beiden Welten Erfahrungen gesammelt haben, "das Switchen ist bei uns aber noch nicht so geläufig".

  • Es sei vor allem der vermeintlich drohende Verlust der Autonomie, über den sich Jungforscher viele Gedanken machen. In Gesprächen mit "Role Models" ließe sich diese Befürchtung aber relativ schnell zerstreuen. Aichholzer: "Es gibt auch Studien, die zeigen, dass die Arbeitszufriedenheit in der Wirtschaft sogar höher ist."

  • Vielseitigkeit statt Orientierungslosigkeit

  • Viele Unternehmen zeigen sich heute "sehr offen" auch Leute aus der Wissenschaft aufzunehmen, ist die Expertin überzeugt. Oft wissen diese allerdings nicht, wo sie diese Leute rekrutieren können. Den Pre- und Post-Docs fehlen umgekehrt Möglichkeiten zum Kennenlernen von Firmen. Von mehr Austausch könnten beide Seiten stark profitieren, zeigte sich Aichholzer überzeugt. Strebe hier jemand einen Wechsel an, sollte das nicht als "Orientierungslosigkeit, sondern als Vielseitigkeit gesehen werden".

  • Da es auch bereits viele Anfragen von außerhalb der LBG an das "Career Center" gab, zeige, dass es wirklich einer Plattform bedürfe, die hier eine Brücke schlägt. Die Angebote sollen zukünftig auch für Forscher anderer Organisationen geöffnet werden.

  • Service: http://cc.lbg.ac.at

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