Gastkommentar

Melanie Stefan © Chris Coe
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Dossier

"Wie Enten im Teich - Sprechen wir über das Scheitern in der wissenschaftlichen Karriere"

Gastkommentar

01.03.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Die Ente. Mühelos und elegant gleitet sie über die Wasseroberfläche. Genauso mühelos und elegant erscheinen mir oft die Karrierewege von Kolleginnen und Kollegen. Und so muss mein eigener Karriereweg von außen betrachtet erscheinen: erfolgreiches Studium inklusive Doktorat, Postdoc-Erfahrung im Ausland, hier ein Preis, da ein Stipendium, Fachpublikationen, Vorträge.

  • Es ist die klassische Biografie einer Person, die in der universitären Wissenschaft einigermaßen erfolgreich ist. Junge Menschen, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, die in diesem System sozialisiert werden, sehen solche Biografien die ganze Zeit. Und sie wissen, dass diese Art von Biografie notwendig ist, um in der Wissenschaft erfolgreich zu sein. Sie streben eine ähnliche Laufbahn an.

  • Das Problem ist nun, dass unsere Biografien nur eine Seite der Geschichte erzählen, die Seite der Erfolge. Was nicht dort steht, ist das Scheitern, die vielen, vielen Misserfolge auf dem Weg. Was nicht in meiner Biografie steht ist, dass ich meinen Mathematik-Master 2012 gemacht habe, ganze 13 (dreizehn!) Jahre, nachdem ich mit dem Studium angefangen habe. Was nicht darin steht ist, dass der Postdoc, der meine Genetik-Diplomarbeit betreut hat, mir nahegelegt hat, ich sollte mich nach einer Karriere außerhalb der Wissenschaft umschauen. Was nicht dort steht ist, dass ich mich für sicher mehr als fünfzig Jobs, Stipendien und Preise beworben habe, die ich nicht bekommen habe. Auch damit bin ich nicht allein, auch das ist Teil der wissenschaftlichen Laufbahn. Hier der Kollege, der seine Doktorarbeit nach einem Jahr abgebrochen hat und an einer anderen Institution neu starten musste. Da die Kollegin, deren Bewerbung für ein Stipendium abgelehnt wurde, und der dabei gesagt wurde, dass sie keinerlei besondere Talente hat.

  • Aber all das sagen wir nicht. Wir sprechen nur von unseren Erfolgen und lassen es so aussehen, als hätte unsere ganze Laufbahn stromlinienförmig zu dem Punkt geführt, an dem wir jetzt sind. Studierende in Stanford nennen es das "Stanford Duck Syndrome": Von außen betrachtet gleitet die Ente elegant und scheinbar mühelos über das Wasser. Aber unter der Oberfläche muss sie ganz schön mit den Füßen treten - Schwimmen ist harte Arbeit.

  • Wenn wir anderen Menschen nur die Oberseite der Ente zeigen und nicht die Füße, dann vermitteln wir damit ein falsches Bild von der wissenschaftlichen Karriere. Wir tun so, als wäre es einfach, als wäre Scheitern die Ausnahme, nicht die Regel. Und das führt dazu, dass junge Menschen in der Wissenschaft verunsichert sind, wenn sie scheitern, wenn sie Umwege machen müssen, wenn sich die wissenschaftliche Karriere als nicht so einfach herausstellt.

  • Die Lösung ist einfach: Lasst uns über das Scheitern sprechen. Im Jahr 2010 habe ich in einem Kommentar in "Nature" dazu aufgerufen, einen "CV of failures" zu veröffentlichen, einen alternativen Lebenslauf, der alle Misserfolge und Scheiter-Erlebnisse auflistet. Einige Jahre später beschloss Princeton-Professor Johannes Haushofer, seinen "CV of failures" im Internet öffentlich zu machen, und machte die Idee damit für ein breiteres Publikum interessant. Es gab ein Echo in den Medien, und vor allem auch unter jungen Menschen in der Wissenschaft.

  • Ohne es geplant zu haben, bin ich zum "Gesicht des Scheiterns" geworden. Das ist nicht immer einfach. Denn lieber wäre ich natürlich das Gesicht der (übrigens höchst interessanten) computergestützten Neurobiochemie. Aber es ist auch schön, denn es hat dazu geführt, dass Leute mich ansprechen, dass sie ihre Geschichte mir teilen. Und dass ich dadurch an einem größeren Dialog teilhabe, in dem Menschen sich überlegen, was man tun könnte, um das Scheitern in der Wissenschaft zu normalisieren. Dazu gehört eine größere Offenheit über die eigenen Misserfolge und ein Bekenntnis dazu, großzügig mit uns und anderen umzugehen und einander zu unterstützen (der Hashtag #academickindness ist ein Ausdruck davon).

  • Es muss aber auch eine Diskussion darüber stattfinden, was Scheitern überhaupt bedeutet. Die klassische akademische wissenschaftliche Karriere hat als Ziel die Professur. Und oft wird das als die einzig gültige wissenschaftliche Laufbahn angesehen. Das liegt unter anderem daran, dass diejenigen, die den wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden, ja oft Professorinnen und Professoren sind und deshalb ein verzerrtes Bild davon haben, welche Karrieren in der Wissenschaft möglich sind. Und lange Zeit war es ja auch so, dass ein Doktorat mehrheitlich zu einer Forschungslaufbahn an der Uni und schließlich zur Professur geführt hat. Heute ist das anders. Laut einer kürzlich erschienenen Studie der Royal Society of London erlangen weniger als 0.5 Prozent derer, die in Großbritannien ein Doktorat in den MINT-Fächern absolvieren, eine permanente Professur. Jugendspieler in Fußball-Akademien großer Vereine haben eine größere Chance auf eine Profi-Karriere. Aber sind die anderen deswegen gescheitert? Ist es überhaupt glaubwürdig, mehr als 99 Prozent der Leute in unserer Branche als "Gescheiterte" zu bezeichnen? Ganz zu schweigen davon, dass wissenschaftliche Karrieren außerhalb der Universität spannend, vielfältig und oftmals besser bezahlt sind. Wer definiert also Scheitern? Und warum?

  • Deshalb sollten wir nicht nur unser Scheitern sichtbar machen, sondern auch unsere alternativen Lebenswege, unsere Entscheidungen, unsere Talente und Fähigkeiten anders einzusetzen, unsere Erfolge abseits des klassischen akademischen Karrierewegs, der einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Es ist wichtig, jungen Menschen aufzuzeigen, was man mit einer wissenschaftlichen Ausbildung machen kann, welche Wege offen stehen. Denn es gibt mehr als nur Enten im Teich.

Zur Person

Melanie Stefan, University of Edinburgh

Melanie Stefan leitet eine Arbeitsgruppe, die Computermodelle verwendet, um die Grundlagen von Lernen und Gedächtnis zu verstehen. Als Edinburgh-Zhejiang Lecturer forscht sie neun Monate pro Jahr an der University of Edinburgh in Großbritannien und lehrt drei Monate im Jahr an der Zhejiang Universität in China. Nach einem Studium der Genetik und Mathematik promovierte Melanie Stefan 2009 am European Bioinformatics Institute in Cambridge. Es folgten Postdoc-Aufenthalte an der Universität Tokyo und (mit einem EMBO-Stipendium) am California Institute of Technology. Von 2013 bis 2014 war Melanie Stefan Curriculum Fellow für quantitative Biologie an der Harvard Medical School. Ihre Fachpublikationen befassen sich mit der Modellierung der molekularen Grundlagen von Lernen und Gedächtnis, mit der Entwicklung biochemischer Theorien und Simulationsmethoden und mit Entwicklungen in der universitären Forschung und Lehre. Ihre Arbeit wurde mit dem Christian-Doppler-Preis des Landes Salzburg ausgezeichnet. Im Jahr 2010 führte Melanie Stefan für Nature Tagebuch über das Leben als Postdoc, und rief während dieser Zeit in einem Kommentar zur Publikation des "CV of Failures" auf.

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