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Arbeit und Sprache ermöglichen Teilhabe © APA (dpa)
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Wie misst man Integration?

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27.10.2016
  • Wien (APA-Science) - Bedeutet Integration nun Assimilation, die Beibehaltung des "Fremden" oder doch etwas ganz anderes? Um diese teils stark ideologischen Diskussionen hinter sich zu lassen, hat sich die Wissenschaft im Großen und Ganzen darauf geeinigt, Integration als Teilhabe an gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen zu sehen, sagte Heinz Faßmann, Vizerektor der Universität Wien und Obmann der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), im Gespräch mit APA-Science. Gemessen wird der Integrationsgrad hierzulande mithilfe von 25 Indikatoren.

  • "Im Vordergrund des Teilhabebegriffes steht die Erwerbstätigkeit. Mit einem Job hat man eine Wohnung und nimmt am gesellschaftlichen Leben teil. Ganz wichtig ist auch Sprache", so Faßmann. Diese Definition habe nicht unmittelbar mit Kultur zu tun und lasse "softe" Faktoren, wie Gebräuche oder Kleidung, aus dem Spiel. Desintegration heiße im Gegenzug die Nicht-Teilhabe an diesen Strukturen und Prozessen, also beispielsweise eine Parallelgesellschaft, geprägt von einer hohen Arbeitslosigkeit, der Konzentration in bestimmten Stadtteilen und Interaktion überwiegend in der eigenen Gruppe.

  • Basierend auf Konzepten des Soziologen Hartmut Esser, der vier Integrationsdimensionen (kognitiv, strukturell, sozial, identifikativ) definiert hat, wurden von Faßmann im Rahmen des Nationalen Aktionsplans für Integration (NAP.I) Indikatoren entwickelt, um das Thema greifbarer und vor allem messbarer zu machen. Dadurch soll ein langfristiges Monitoring ermöglicht werden. Ein Integrationsgremium erstellt zwar seit 2011 kontinuierlich Optimierungsvorschläge, die Vergleichbarkeit der Ergebnisse ist aber aufrechterhalten worden.

  • Insgesamt gibt es laut dem Statistischen Jahrbuch "Migration & Integration 2016" 25 Integrationsindikatoren (und fünf Kernindikatoren) in sieben Handlungsfeldern, mittels derer der Integrationsprozess laufend analysiert wird. Nachfolgend ein Überblick mit einzelnen Detailergebnissen.

  • Sieben Handlungsfelder

  • Sprache und Bildung

  • - Rund acht Prozent der nichtdeutschsprachigen Schüler, die mit 14 Jahren über keinen Schulabschluss verfügten, hatten auch zwei Jahre später noch keinen. Bei Gleichaltrigen mit deutscher Umgangssprache waren es dagegen nur zwei Prozent.

  • Erwerbsarbeit und Arbeitslosigkeit

  • - Die Erwerbstätigenquote von Migrantinnen lag 2015 bei 57 Prozent, bei Frauen ohne Migrationshintergrund betrug sie 70 Prozent. Interessanterweise ist die Langzeitarbeitslosigkeit bei ausländischen Staatsangehörigen mit 6,8 Prozent geringer als bei Österreichern (10,9 Prozent).

  • Soziales und Gesundheit

  • - Ganzjährig erwerbstätige ausländische Staatsangehörige verdienten 2014 netto 19.143 Euro und erreichten damit rund 82 Prozent des Medianeinkommens in Österreich.

  • Sicherheit: Zugewanderte als Opfer und Täter

  • - Der Anteil ausländischer Staatsangehöriger an den Verurteilungen legte von 37 (2014) auf 40 Prozent (2015) zu. Opfer von Straftaten waren im Jahr 2014 zu 25,8 Prozent ausländische Staatsangehörige, 2015 gab es einen Anstieg auf 28,5 Prozent.

  • Wohnverhältnisse und Segregation

  • - Rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber 37 Prozent der im Ausland Geborenen müssen mehr als ein Viertel ihres Haushaltseinkommens für Wohnkosten aufwenden.

  • Familienformen

  • - Rund 17 Prozent der Eheschließungen im Jahr 2014 wurden zwischen österreichischen und ausländischen Partnern geschlossen.

  • Einbürgerungen

  • - Die Zahl der Einbürgerungen stieg von 6.135 im Jahr 2010 kontinuierlich auf 8.144 im Jahr 2015.

  • Fünf Kernindikatoren

  • - Bildungsstand nach Migrationshintergrund

  • - Erwerbstätigenquote nach Alter und Migrationshintergrund

  • - Arbeitslosenquote nach Staatsangehörigkeit und Ausbildung

  • - Netto-Jahreseinkommen nach Staatsangehörigkeit

  • - Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung nach Geburtsland

  • Nachdem die meisten Indikatoren strukturelle Eigenschaften der Bevölkerung (Bildungsstand,...) messen, gibt es hier nur graduelle Veränderungen. Bei anderen (Schulbesuch, Zuwanderung,...) geht das naturgemäß dynamischer.

  • Integrationsklima wieder verbessert

  • Ergänzt werden diese objektiven Daten im Statistischen Jahrbuch mit subjektiven Sichtweisen zum Integrationsklima in der Gesellschaft: Die aktuellste Umfrage dazu wurde von der GfK Austria im Frühjahr durchgeführt. Es zeigte sich, dass sich der integrationspessimistische Eindruck in der Bevölkerung im vergangenen Jahr wieder reduzierte. Während im Jahr 2010 noch 69 Prozent meinten, dass die Integration von Migranten eher schlecht oder sehr schlecht funktioniert, reduzierte sich dieser Wert bis 2014 auf 51 Prozent. 2015 waren es wieder knapp 60 Prozent, 2016 nur mehr 52 Prozent. Diese doch überraschende Entwicklung nach einem Rückschlag im Jahr 2015 wird darauf zurückgeführt, "dass der Integrationsprozess der langanwesenden Zugewanderten stärker als ein anderer Vorgang wahrgenommen wird als die Zuwanderung von Asylwerbern aus dem Nahen Osten, Nordafrika und den Kaukasusrepubliken".

  • Seit 2010 verstärkt sich auch das Gefühl der Personen mit Migrationshintergrund in Österreich heimisch zu sein. Rund 91 Prozent bejahen das völlig oder eher, allerdings meint ein Drittel, eher oder meistens benachteiligt zu werden. Kontakte mit der zugewanderten Bevölkerung sind inzwischen Alltag: Mehr als jeder zweite österreichische Staatsangehörige gab an, Kontakt mit Migranten zu haben. Mehrheitlich gefordert wird "eine bessere Anpassung des Lebensstils an den der Österreicher". Die Migranten selbst sind zu 88 Prozent mit dem "österreichischen Lebensstil" sehr oder im Großen und Ganzen einverstanden. Das Bekenntnis dazu nimmt demnach generell zu. Ein paar Grundmuster zeigen sich allerdings: Niedrige formelle Bildung machen sowohl inländische und zugewanderte Bevölkerung für eine gegenseitige Ablehnung empfänglicher. Ältere "Österreicher" sind fremdenskeptischer, ältere Zugewanderte fühlen sich heimischer.

  • Die Kombination der 25 Integrationsindikatoren und der subjektiven Sichtweisen könnte langfristig jedenfalls die Messbarkeit von Integration deutlich erleichtern und ein klareres Bild über den Stand der gelebten Integration in Österreich ermöglichen.

  • Service: Details zu den Integrationsindikatoren sind hier abrufbar: http://go.apa.at/ODKMKxBr

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