Gastkommentar

Gabriele Fröschl © Mediathek
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Dossier

"Wissenschaftlicher Film als 'optisches Dauerpräparat'"

Gastkommentar

18.12.2015
  • Wien (Gastkommentar) - Das bewegte Bild blickt auf eine lange Historie zurück, in der es zu unterschiedlichen Anschauungen und Ansichten über den Einsatz dieses Mediums gekommen ist. Die theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Medium Film begleiten seine Wirkungsgeschichte - und dies in allen Filmgenres. Die beiden hauptsächlichen Entwicklungslinien des Films, die dokumentarisch-realistische und die fiktiv-illusionistische Richtung, sind von Anfang an miteinander verknüpft und haben sich über Jahrzehnte hinweg beeinflusst, aber auch methodisch differenziert.

  • In Ihren Beständen bewahrt die Österreichische Mediathek einen für die Forschung interessanten geschlossenen Quellenbestand zum historischen Wissenschaftsfilm, der 2014 in das Österreichische Nationale Memory of the World Register der UNESCO aufgenommen wurde: Die Sammlung des Österreichischen Bundesinstituts für den wissenschaftlichen Film (ÖWF). Die Filme der Sammlung decken sowohl ein breites zeitliches (von 1904 bis 1997) wie auch thematisches Spektrum ab: die Schwerpunkte liegen bei europäischer und außereuropäischer Ethnologie sowie Medizin und Biologie, daneben finden sich aber auch Filme aus den Bereichen Chemie, Physik, Technik, Kulturgeschichte, Archäologie, Zeitgeschichte, Architektur, Religion sowie Psychologie. Historische Pionierarbeiten im Bereich der wissenschaftlichen Kinematographie sind in der Sammlung ebenso vertreten wie Forschungsdokumentationen, Lehrfilme und populärwissenschaftliche Filme.

  • Die Aufgaben des 1962 gegründeten ÖWF umfassten die Produktion, Sammlung, Dokumentation und den Verleih wissenschaftlicher Filme aus dem In- und Ausland.

  • Die besondere Qualität der wissenschaftlichen Filme des ÖWF liegt darin, dass sie nicht nur die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung filmisch umsetzten, sondern vor allem in der Tatsache, dass diese Filme wissenschaftshistorische Dokumente darstellen und den Stand des wissenschaftlichen Films sowie der wissenschaftlichen Methodik vergangener Jahrzehnte konservieren.

  • Was macht einen Film zum "wissenschaftlichen Film"?

  • In den 1950er Jahren wurde in Deutschland die Encyclopaedia Cinematographica ins Leben gerufen, ein strengen Regeln unterworfenes Großprojekt für die Produktion von Wissenschaftsfilmen. Der zentrale methodische Ansatz dieser Filmenzyklopädie war, anstelle von langen, umfassenden Filmen, kurze monothematische Sequenzen zu erstellen. Diese Sequenzen bzw. Ausschnitte aus einem größeren Themenkreis sollten der Vergleichbarkeit der in den Filmen dargestellten Sachverhalte dienen und sich in weiterer Folge zu einer weltweiten Enzyklopädie zusammensetzen.

  • Die Filme der Encyclopaedia Cinematographica setzten sich aus drei wissenschaftlichen Sektionen zusammen: Biologie (mit den Untersektionen Zoologie, Botanik, Mikrobiologie), Technische Wissenschaften sowie Ethnologie. Die Filme sollten streng "wissenschaftlich" sein, ein hohes Maß an "Wirklichkeitsgehalt" aufweisen und der Erfassung und Fixierung der wissenschaftlich bedeutungsvollen Bewegungsvorgänge und Verhaltensweisen bei Tieren, Pflanzen, Stoffen und schließlich auch beim Menschen dienen. Die Wissenschaftlichkeit wurde anhand von Leitsätzen definiert, vorangestellt folgender Einleitungssatz: Wissenschaftlicher Film ist ein "optisches Dauerpräparat von Bewegungsvorgängen".

  • Dieses Regelwerk war grundlegend für die Produktion von Wissenschaftsfilmen; die Vorgaben waren jedoch nicht für alle Wissenschaftsdisziplinen gleichermaßen geeignet. In den naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen leichter umsetzbar, war dieser, den Wissenschaftsfilmen der 1960er Jahre zugrunde liegende Anspruch wissenschaftlicher "Objektivität" in der Realität vor allem im Bereich der Sozialwissenschaften meist zum Scheitern verurteilt. Die entstandenen Filme waren immer auch ein Konstrukt und keine "Realitätskonserve", wie konzeptionell gedacht.

  • Die wissenschaftlichen Filme des ÖWF wurden im Rahmen eines vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank geförderten Projektes aufgearbeitet und zum Großteil digitalisiert. Rund 400 dieser Filme sind online auf der Website der Österreichischen Mediathek abrufbar: http://www.oesterreich-am-wort.at/sammlung/idn/35/

Zur Person

Gabriele Fröschl, Leiterin der Österreichischen Mediathek

Studium der Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Soziologie in Wien, Doktoratsstudium Geschichte. Seit 1999 an der Österreichischen Mediathek des Technischen Museums Wien, Mitarbeit an der Digitalisierung und Langzeitarchivierung von audiovisuellen Medien mit dem Schwerpunkt Metadatenerfassung, Benutzung, Internetprojekte, wissenschaftliche Projekte. Seit 2006 im Bereich der Ausbildung tätig: Lektorin an der Fachhochschule Eisenstadt / Informationsberufe und Lektorin im Lehrgang „Library and Information Studies“ der Österreichischen Nationalbibliothek sowie der Universitätsbibliothek Wien. Seit 2011 Leitung der Österreichischen Mediathek. Vorsitzende der maa – Medien Archive Austria

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