Gastkommentar

Ferdinand Schmatz © Dirk Skiba
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Dossier

"Zu den möglichen Aufgaben einer Sprachkunst heute"

Gastkommentar

02.08.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Der Dichter der Gegenwart, schreibt Ossip Mandelstam, ist ein "synthetischer Dichter", in ihm "singen Ideen, wissenschaftliche Systeme und Staatstheorien ebenso präzise, wie in seinen Vorgängern die Nachtigallen und die Rosen gesungen haben" - um 1920 waren diese Systeme jene der Technik, der Medizin, der Ökonomie und jene der neuen Medien, der sich abzeichnenden revolutionären Entwicklungen in der Kommunikation.

  • Mandelstam war einer jener Sprachkünstler der modernen Literatur, die Dichtung als nach Erkenntnis forschendes und in dialogische Praxis umsetzendes Modell verstanden.

  • Wie aber sieht es heute aus? In unserer Gegenwart? Mit ihren Systemen? In der Wissenschaft, der Politik, der Kultur, der Kunst? Und vor allem: In der Sprachkunst heute - in unserer?!

  • Wir stehen in einem sich ständig in Umbruch und Aufbruch befindlichen Spannungsfeld eines kommunikativen Paradigmenwechsels. In diesen ist die Sprache - noch - eingebettet und will sich dort als Kunst behaupten oder zumindest zu Wort melden. Durch: Beobachten, Aufnehmen, sich Einbringen.

  • Sie muss das. Sie kann das. Wo und wie? Zunächst in ihrem angestammten Ort der sinnlich-abstrakten Herausbildung von Dichtung. Und im Fall der Wiener Sprachkunst in einer Universität, die sich als angewandte versteht: eine Universität, die also etwas macht mit dem, was sie denkt, was sie erfasst, geistig wie manuell, ja: angewandt!

  • In dieses Feld des Angewandten bindet sie die Sprachkunst mit ein, um ihr einen Raum, einen Grund zur Verfügung zu stellen, auf dem die Sprachkunst jene sie heute mitbestimmenden Systeme zum Singen bringen kann. Gleichermaßen in einem geschützten Labor der Erprobung und Anwendung, das dann seine Türen in die Gesellschaft öffnet, um dort präsent zu sein.

  • Dieser zur Bebauung freigegebene Grund bildet die Basis einer Praxis, die auf Erweiterung vor allem ihrer Darstellungsmittel drängt. In einen medial verzahnten Raum hinein und über jenen hinaus, auf dem sie, die Dichtkunst herkömmlicherweise verortet wird.

  • Wir suchen und finden und gestalten diesen dichterisch-forschenden Weg und versuchen, darauf sprachlich zu bauen - dieses angewandt eben-uneben: in Form einer praxisorientierten Lehre, eines Dialogs zwischen Beratung und Kritik an inner- wie außerpoetischen Formen.

  • Der Dialog gilt als Leitprinzip eines Austausches zwischen den sprachlichen und künstlerisch-medialen und alltäglich-kulturellen Formen: ein Dialog mit der digitalen und transmedialen Kunst, der Bühnengestaltung, der Malerei, der Fotografie, der skulpturalen Raumkunst, der Architektur.

  • Und ein Dialog innerhalb der dichterischen Gattungen selbst - der Lyrik, der Dramatik, der Prosa, dem Essay. Wissend, dass diese Gattungen, was ihre herkömmlichen Zuschreibungen betrifft, infrage zu stellen und zu erweitern sind.

  • Aufgabe der Sprachkunst ist dabei, ihre Darstellungsmittel medial zu transponieren und gleichzeitig ihre Basis, jene der Schrift und des Gesprochenen, zu verstärken. Die Unmittelbarkeit der poetischen Sprache soll dabei immer wieder experimentell schöpferisch hervorgebracht werden und nicht verloren gehen.

  • Was uns dabei mit feiner Feder die Hand und das Auge führt, ist einerseits die dynamische Einbindung der dichterischen und künstlerischen Traditionen und die bereits angesprochenen gegenwärtigen Ausgangspunkte der medialen Erweiterungen - in der Dichtung, in der Kunst und im soziökonomischen wie politischen Feld. Und andererseits ist es die Pranke der Kritik an den verheerenden und verlogenen medialen Manipulationsmaschinen im Dienste machtbesessener Ideologien, mit der wir uns in Stellung bringen.

  • Mit ihr wollen wir den "wahren" Paradigmenwechsel in der Kommunikation aufzeigen und verwirklichen helfen - das sich verkehrende Verhältnis von Sender und Empfänger hinsichtlich der Botschaftsfestlegung, das Verfransen der Künste und das Behaupten ihrer medialen Authentizität wider jedes beliebige Durchmischen und Vermengen.

  • Dabei ist es wesentlich, die mediale Differenz von Bild zu Wort von Bild zu Konzept und von Bild zum Kontext zu beachten und zu versuchen, einerseits die Unterschiede zu behaupten und andererseits, diese in der dichterischen Arbeit spielerisch ernst zusammenzuführen.

  • Da gibt es Formen, die Inhalte mit erzeugen, und Inhalte, die sich entsprechende Formen suchen, erobern, sich verschwistern, entzweien, um wieder zusammenzuwachsen. Was dabei entsteht, entspringt einem kreativen Schaffen, das den kommunikativen, suggestiven, analytischen und performativen Charakter der Sprache nützt und zum Erfahrungs- und Wissensgewinn anbietet.

  • Ein Gewinn für alle Seiten allemal. Sollten es gewagte, noch ungesicherte Visionen der Sprachkunst sein, dann bringen sie dennoch Wissen mit, das ein kreativ imaginäres sein mag, sich aber der Wissensproduktion des Realen nicht verweigert.

  • In der Geschichte. In der Gegenwart. Der Sprache. Der Kunst. Der Gesellschaft. Vor uns. In uns. Um uns.

  • Wir sind das angegangen und haben einiges erreicht, wenn auch nicht endgültige Antworten, um die es ja gar nicht gehen kann, auf die oben und hier noch einmal gestellten Fragen: Welche Sprache muss und vor allem, welche will die Sprachkunst im Konzert des medialen Dröhnens sprechen? Welche Sprachen sprechen und "singen" in ihr? Allein die künstlerischen, dichterischen - mit Sicherheit nicht allein.

  • Die Sicherheit an sich stellt sie, die Sprachkunst, infrage, indem sie die abgesicherten Fach- wie Umgangssprachen in ihr ästhetisches Forschen einbindet und analysiert - nicht rein wissenschaftlich, sondern praktisch, ANGEWANDT: im Analysieren und durch Zeigen dessen, was in diesen repräsentativen Sprachsystemen an Aussagen und an sozialer Praxis steckt. Positiv wie negativ.

  • Nämlich:

  • Was leisten Sprachformen in Bezug auf menschliche und dingliche Kommunikation, und was ermöglichen sie und verhindern sie an Verständigung durch festgefahrene Muster und Verhaltensformen?!

  • Dieses Steckenbleiben in Bewegung zu setzen, sahen und sehen wir als vorrangiges Ziel einer Sprachkunst, die Kommunikationsweisen mit künstlerisch forschender Kraft wieder in Gang setzt und die Sprache darin neu positioniert.

  • Ausschwärmend und einwandernd in das Bewusstsein und in die Handlungsweisen der sie Lesenden, Hörenden und Erfahrenden.

  • Wenn es nötig ist, auch in den gesellschaftlichen sozialen, ökonomischen und politischen Raum

  • - als poetisch angewandte Intervention, von einer der Stille und des beredten Schweigens bis hin zum körperlich ausstoßenden Schrei

  • - indem sie den Sprachkunst-Begriff beim Wort nimmt. Wo Sprache und Kunst als ein Ganzes in Teilen begriffen werden, die aufeinander zustreben und sich auch zerstreuen können:

  • In den diversen künstlerischen wie kulturellen Kontexten - angewandt und angewandt.

  • Hannah Arendts Unterscheidung zwischen Erkennen und Denken hinsichtlich des Handlungsprozesses, sagt es: ein Denken, das die Materialität der Sprache mit-denkt, überwindet das reine Denken. Ohne diese bedeutungsstiftende Arbeit am Material der Sprache wäre es ein Denken ohne "Nutzen", auch wenn diese Zweckfreiheit die Poesie an sich positiv kennzeichnet.

  • Das Erkennen aber, das die Wissenschaften ausweist, ist laut Arendt ein Verbinden des Denkens mit der Logik des jeweiligen Systems. Was zu positiven wie negativen Entwicklungen führt.

  • Dieses Verbinden kann von der Sprachkunst aufgegriffen, aber auch zurückgewiesen werden. Zumindest aber, und das ist viel: in ungewohnter Form das üblich Logische verwandeln.

  • Also verknüpfen wir in der Sprachkunst unser Denken und unser Erkennen mit anderen zum angewandten Tun der Sprache, die sich so zur tätigen Kunst entwickelt, deren Setzungen gesellschaftlich verhandelbar sind.

  • Um einen Unruhe bewahrenden Gesang im Chor der Kommunikationssysteme bilden zu können, um diesen in die Ohren der Gegenwart zu senden, auf dass er sich dort als handlungsstiftend entpuppen möchte: Auf die Verwandlung!

Zur Person

Ferdinand Schmatz, Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien

Ferdinand Schmatz, Dichter und Essayist, geb. in Korneuburg/Niederösterreich, lebt in Wien. Studium der Germanistik und Philosophie. Lehrtätigkeit in Tokyo an der Nihon-Universität, seit 2012 Univ. Prof. und Leiter des Instituts für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Herausgeber des Nachlasses von Reinhard Priessnitz. 1995-1996 Juror beim Bachmann-Wettbewerb. Preise: Christine Lavant Lyrik-Preis 1999 , Österreichischer Förderungs-Staatspreis für Literatur 2001, Buch.Preis der Arbeiterkammer OÖ 2002, Anton Wildgans Preis 2002, Georg Trakl-Preis 2004, H.C.Artmann-Preis 2006, Heimrad Bäcker-Preis 2006, Ernst Jandl-Preis 2009, Preis der Stadt Wien für Literatur 2009, Preis des Landes Niederösterreich für Literatur 2010

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