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Feinschliff aus dem "skills.lab" © skills.lab
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"skills.lab": Wenn analoge Bälle auf virtuelle Tore treffen

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27.02.2017
  • Von Mario Wasserfaller / APA-Science

  • Wien/Graz (APA-Science) - Der moderne Fußball ist schnell, athletisch und nicht mehr mit dem gemütlich anmutenden Kick der "Stehgeiger" früherer Zeiten zu vergleichen. Um individuelle Fähigkeiten zu verbessern und die Handlungsschnelligkeit zu erhöhen, halten zunehmend moderne Technologien Einzug in das Training: Im "skills.lab" des Grazer Messtechnologie-Unternehmens Anton Paar treffen "analoge" Bälle auf virtuelle Tore.

  • Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung sind auch die Spezialgebiete des sportwissenschaftlichen Labors der Fachhochschule (FH) Joanneum in Bad Gleichenberg. Der Schwerpunkt liegt auf Fußball, kooperiert wird etwa mit dem SK Sturm Graz oder mit der Steirischen Tormannakademie. Geachtet wird besonders auf die Bereiche Sprungkraft, Schnelligkeit und Ausdauer. Zahlreiche Tests ergeben dabei ein Spielerprofil über körperliche Stärken und Schwächen und darauf aufbauend eine Trainingsempfehlung für den Trainerstab der Vereine, heißt es seitens der FH.

  • "Wir haben uns etappenweise alle leistungsbestimmenden Komponenten im Fußball, vor allem im körperlichen Bereich, vorgenommen. Dann haben wir uns mit Trainern zusammengesetzt und sie gefragt, was sie brauchen, um Trainings effizienter zu gestalten", erklärte der Leiter des Labors, Dietmar Wallner, zum forschungsleitenden Konzept. Zum Einsatz kommt beispielsweise die australische Entwicklung "Catapult", ein Athleten-Tracking-System, das via GPS und Beschleunigungssensoren laufend Daten sammelt, die schon am Trainingsplatz ausgewertet werden können.

  • Ordnung für die Datenflut

  • Eine wesentliche Problematik, auch für Spieler und Trainer, bestehe in der großen Datenflut, die anfällt. "Die Aufbereitung der Daten, dass man auf einen Blick erkennt, was gut und weniger gut ist, ist die Herausforderung", so Wallner. Daraufhin hat man begonnen, gemeinsam mit dem Studiengang Healthcare Engineering der FH Joanneum eine webbasierte Datenbank zu entwickeln, die Spielerdaten grafisch aufbereitet.

  • "Grundsätzlich haben wir die fünf motorischen Hauptbeanspruchungsformen abgebildet: Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Es hat sich gezeigt, dass bestimmte Parameter leistungsentscheidend waren", sagte der Sportwissenschafter. Die Frage sei: Inwiefern unterscheiden sich ein Zlatko Junuzovic oder Marcel Sabitzer, die international Karriere machten, von anderen? "Das sind die Informationen, die für uns als Wissenschafter interessant sind. Ziel ist es, möglichst früh zu erkennen, wer ein Talent ist und in welchen Parametern er mit 15, wenn er in die Steirische Fußballakademie kommt, gut sein muss, wenn er Profi werden will."

  • Welche besonderen Parameter ein Talent verraten könnten, will Wallner noch nicht preisgeben, denn die entsprechenden Daten werden gerade erst publiziert. So viel könne aber schon gesagt werden: "Es geht sehr stark in Richtung Technik- und Schnelligkeitsfähigkeiten." So etwas wie Spielintelligenz, etwa das rasche Erkennen von Spielsituationen, könne man mit den derzeit zur Verfügung stehenden Mitteln noch nicht abtesten. "Der nächste Schritt für die Leistungsdiagnostik im Fußball ist in der Lage zu sein, die Reaktion von Spielern auf bestimmte Spielsituationen objektiv zu interpretieren."

  • Zukunftshoffnung "skills.lab"

  • Hier liegen die Hoffnungen auf dem "skills.lab", einem von der Anton Paar GmbH entwickelten Fußballtrainings-Simulator (Youtube-Channel: http://go.apa.at/NZd7ybDB). Das Grazer Unternehmen produziert im Kerngeschäft Präzisionslaborgeräte, liefert maßgeschneiderte Automations- und Robotik-Lösungen - und ist damit nach eigenen Angaben Weltmarktführer in gewissen Bereichen der Messtechnologie. In der für skills.lab eigens errichteten Halle in Wundschuh bei Graz will man unter anderem auch Testmethodiken entwickeln, um Technik mit körperlichen Fähigkeiten in Beziehung zu setzen. Etwa soll im Frühjahr mit Profi-Spielern aus der Region ermittelt werden, wie sich die Ballverarbeitungszeit und die Passgenauigkeit mit steigender Ermüdung an der Ausdauerleistungsgrenze verändert.

  • Entstanden ist das skills.lab 2013 als Start-up von Anton Paar, Projektleiter ist der ehemalige Tormann-Profi Roland Goriupp. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um ein Trainings-System in einem sechseckigen Grundriss von elf Metern Seitenlänge, mit einem Kunstrasenfeld in der Mitte und 6,5 Meter hohen Seitenwänden, auf die mit Beamern Spielsituationen projiziert werden. Computergesteuerte Ballmaschinen schießen dem Spieler die Bälle zu und der muss dann in verschiedenen Spielsituationen darauf reagieren. Schießt er etwa auf ein virtuelles Tor, leuchtet wie bei einem Computerspiel ein Treffer auf. Je präziser, desto mehr Punkte werden vergeben.

  • Footbonaut als Initialzündung

  • Als Grundidee diente der Footbonaut (Youtube-Video: http://go.apa.at/kEsfjeL9), den zum Beispiel die deutschen Bundesligavereine Borussia Dortmund und Hoffenheim verwenden. Acht speziell programmierte Maschinen sorgen für eine schweißtreibende Ballzufuhr. 72 von Lichtleisten umfasste und 1,40 Meter große Felder umgeben den Platz in einem Gitterwerk. Der Spieler muss das aufleuchtende Feld treffen. Beim Passieren der Lichtschranke ertönt ein Geräusch, und der nächste Ball wird aus einer der Wurfmaschinen befördert. Tempi und Spins der Bälle sind individuell regulierbar.

  • "Wir haben gesagt, wir wollen das viel ganzheitlicher und spielnäher machen und einen richtigen Fußballtrainingssimulator haben, wo man alle individualtechnischen, individualtaktischen sowie alle sportwissenschaftlichen und -psychologischen Parameter mit einbauen kann", erklärte Goriupp gegenüber APA-Science. 2014 wurde ein erster Prototyp in einer gemieteten Halle in Graz und 2015 eine eigene Halle auf dem Firmengelände von Anton Paar aufgebaut.

  • Wissenschaftliche Ergebnisse bis Sommer

  • In ihrer heutigen Form hat die "rein österreichische Entwicklung" ein Alleinstellungsmerkmal. "Wir haben weltweit die einzige Anlage, wo man Torabschlüsse - egal ob mit Kopf oder volley - machen kann, wo die Geschwindigkeit ausgewertet wird und natürlich auch alle anderen Trainingssimulationen durchgeführt werden", so der ehemalige Nationaltorhüter. Bisher habe es keinen Simulator gegeben, mit dem man Spielsituationen mit einer Bewertung in Echtzeit nachspielen kann. Die Halle ist im Sommer 2016 fertig geworden, in Zusammenarbeit mit Dietmar Wallner werden nun wissenschaftliche Papers erstellt. Über Diplomarbeiten soll nicht nur der Nachweis über die Funktionalität der Anlage, sondern auch der sportlichen Entwicklung und Verbesserung durch dieses Training erbracht werden. Erste vorzeigbare Ergebnisse erwartet Goriupp bis zum heurigen Sommer.

  • Konkret geht es um die Anzahl der Passwiederholungen, Trainings, Verbesserungen der Pass- und Schussqualität, der Pass- und Schussgenauigkeit, und die Qualität der Ballverarbeitung. "Wie schnell ein Spieler in der Lage ist, einen Ball, den er zugespielt bekommt, präzise mit einer hohen Qualität weiterzuspielen, das lässt sich unter Laborbedingungen testen, messen und bewerten."

  • Aber auch die Performance bei Schüssen, speziell auch bei Volleyschüssen, lässt sich so erstmals nachvollziehbar vergleichen. Den Unterschied zu menschlichen Trainingspartnern macht vor allem die Präzision aus, weil Flanken nun "25 Mal von der rechten und der linken Seite kommen - immer wieder reproduzierbar". Vergleichbarkeit ist künftig dann auch für die Spieler gegeben. Geplant ist, Tabellen zu erstellen mit den Performances von Spielern aus der österreichischen Bundesliga, aus internationalen Ligen oder auch im Amateurbereich oder von Jugendspielern.

  • Talentprognose wichtiges Thema

  • Interesse von internationalen Vereinen ist jedenfalls vorhanden. "Von allen deutschen Bundesligavereinen, die sich für die Anlage interessiert haben, war auch immer der Nachwuchsleiter dabei. Talentprognose ist ein irrsinniges Thema", so Goriupp, der sich im Konzept bestätigt sieht: "Die Grundidee war ein Hightech-Trainingssystem für internationale Profivereine zu entwickeln mit dem Ziel, es auch an diese für die individuelle Entwicklung ihrer Spieler zu verkaufen."

  • Wissenschaftlicher Austausch im Fußball findet vor allem bei diversen Kongressen statt. Die aktuellen Daten des sportwissenschaftlichen Labors werden dieses Jahr beim "World Congress of Science in Soccer" (31. Mai bis 2. Juni) vorgestellt. Bei der vorherigen Ausgabe des Kongresses vor zwei Jahren in Portland (USA) war Wallner übrigens der einzige Österreicher, der dort Publikationen vorgestellt hat.

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