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Mehr zum Thema / Mario Wasserfaller / Dienstag 24.08.21

„Alles außer Hören kann man schaffen“

Mit der kom­men­den Eta­blie­rung der Öster­rei­chi­schen Gebär­den­spra­che (ÖGS) in die Lehr­plä­ne der hei­mi­schen Schu­len sieht Hele­ne Jar­mer eine seit lan­gem bestehen­de For­de­rung gehör­lo­ser Men­schen erfüllt. Die­sem Mei­len­stein müss­ten noch vie­le wei­te­re fol­gen, wie etwa eine 24-Stun­den-Tele­fon­ver­mitt­lungs­zen­tra­le für gehör­lo­se Men­schen, for­dert die Prä­si­den­tin des Öster­rei­chi­schen Gehör­lo­sen­bun­des (ÖGLB) und ehe­ma­li­ge Behin­der­ten­spre­che­rin der Grünen.
Foto: ÖGLB/Martin Juen Hele­ne Jar­mer ist seit ihrem zwei­ten Lebens­jahr gehörlos.

Dol­met­schung: Delil Yil­maz (simul­tan via Zoom)

APA-Sci­ence: Was sind momen­tan die wich­tigs­ten gesell­schafts­po­li­ti­schen The­men, die die Gehör­lo­sen-Com­mu­ni­ty beschäf­ti­gen und die höchs­te Prio­ri­tät in der Umset­zung haben?

Jar­mer: Ich ver­su­che mich da kurz zu hal­ten. Es soll nun ein ÖGS-Lehr­plan kom­men für alle Schü­ler und Schü­le­rin­nen in ganz Öster­reich. Es soll ein Frei­fach, ein Wahl­pflicht­fach oder ein Haupt­fach geben in ÖGS. Das zwei­te gro­ße The­ma ist, dass gehör­lo­se Men­schen natür­lich einer­seits in den Bereich Men­schen mit Behin­de­run­gen fal­len, aber gleich­zei­tig auch in den Bereich der Sprach­min­der­hei­ten. Sprach­min­der­hei­ten haben hier auch gewis­se Rech­te, die wir ver­su­chen umzu­set­zen bzw. denen wir nach­ge­hen und auch hier gibt es Gesprä­che, um einen Weg zu fin­den, auch da einen Platz zu haben. Wir hät­ten eigent­lich am 10. Dezem­ber eine Ver­an­stal­tung geplant mit dem Insti­tut für Men­schen­rech­te. Wir hof­fen, dass das die­ses Jahr klappt. Das wur­de lei­der schon ein, zwei Mal abge­sagt wegen Coro­na. Außer­dem möch­ten wir eine Tele­fon­ver­mitt­lungs­zen­tra­le für gehör­lo­se Men­schen in Öster­reich haben. Wir haben jetzt einen Not­ruf, das nennt sich DEC 110. Das ist zwar ein gutes Pro­jekt, wo man einen Not­ruf täti­gen kann, aber eine Tele­fon­ver­mitt­lungs­zen­tra­le in einem grö­ße­ren Aus­maß für die Gehör­lo­sen-Com­mu­ni­ty ist unser gro­ßes Ziel. Beim natio­na­len Akti­ons­plan, der von 2021 bis 2030 geht, sind wir natür­lich ganz aktiv dabei und ver­su­chen die­se Din­ge auch umzusetzen.

Ich hake beim neu­en ÖGS-Lehr­plan ein, der ab 2023/24 einen Unter­richt ermög­li­chen soll, der gehör­lo­se Kin­der und Jugend­li­che bes­ser in den Unter­richt mit ein­bin­det. Wie beur­tei­len Sie die­se Entwicklung?

Es gibt kei­nen Lehr­plan für gehör­lo­se Schü­le­rin­nen und Schü­ler in ganz Öster­reich. Das muss man sich ein­mal auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen. Sie müs­sen sich vor­stel­len, dass die Schü­ler und Schü­le­rin­nen hier nicht in ihrer Mut­ter­spra­che, also in der Spra­che mit der sie kom­mu­ni­zie­ren, unter­rich­tet wer­den, son­dern in einer Fremd­spra­che. ÖGS hat ja eine eige­ne Gram­ma­tik, eine eige­ne Syn­tax, eine eige­ne Struk­tur und das muss ein­mal gelernt wer­den, damit Bil­dung über­haupt gesche­hen kann. Das wird erst jetzt nach­ge­holt. In den Schu­len in Süd­ti­rol wird ja bei­spiels­wei­se in bei­den Spra­chen, Deutsch und Ita­lie­nisch, gleich viel unter­rich­tet, sodass die Kin­der bei­de Spra­chen genie­ßen und in den Spra­chen eine Aus­bil­dung machen können.

Es ist so, dass gehör­lo­se Kin­der nun abge­holt wer­den, aber auch hören­de Kin­der, deren Eltern gehör­los sind und deren Mut­ter­spra­che auch die ÖGS ist. Es wird auch ein Frei­fach ÖGS für ande­re Schü­ler und Schü­le­rin­nen ange­bo­ten, sodass die Mög­lich­keit besteht, dass auch inter­es­sier­te Schü­le­rin­nen und Schü­ler statt Fran­zö­sisch oder auch zusätz­lich zu Fran­zö­sisch die ÖGS ler­nen kön­nen. Das hat einen gro­ßen Mehr­wert für die Gesell­schaft und spie­gelt auch die Plu­ra­li­tät der Gesell­schaft in den Schu­len wider. Auch dem kom­men wir einen Schritt näher.

Sie sind jetzt schon lan­ge aktiv, um die Rech­te von gehör­lo­sen oder gehör­be­hin­der­ten Men­schen ein­zu­for­dern. Bei allen noch offe­nen For­de­run­gen, was hat sich im Posi­ti­ven getan?

Ich habe manch­mal den Ein­druck, es geht eigent­lich gar nichts wei­ter, aber wie Sie sagen, wenn man dann zurück­schaut auf die letz­ten 20 Jah­re und da mal genau­er hin­schaut, hat sich schon eini­ges getan. Unter­ti­tel sind zum Bei­spiel ein The­ma. Frü­her gab es kei­ne Unter­ti­tel. Da war der ORF auch nicht gesetz­lich ver­pflich­tet die Unter­ti­tel zu maxi­mie­ren. Anstatt qua­si jedes Jahr die Zah­len gleich zu hal­ten, muss es immer eine Stei­ge­rung geben. Also Unter­ti­tel gibt es sehr, sehr weni­ge. Auch bei­spiels­wei­se jetzt bei den Olym­pi­schen Spie­len ist noch immer nicht alles unter­ti­telt. Da regen sich auch sehr vie­le Men­schen auf. Die Aner­ken­nung der Taub­blind­heit als eige­ne Behin­de­rungs­form gab es nicht. Damals muss­ten sich taub­blin­de Men­schen ent­schei­den zwi­schen der Unter­stüt­zung bzw. För­de­rung für ihre Taub­heit oder Blind­heit. Also wenn man bei­des hat­te, hat man ent­we­der auf die eine oder die ande­re För­de­rung ver­zich­ten müs­sen. Durch die recht­li­che Aner­ken­nung bekommt man natür­lich die För­de­rung für beides.

Auch die Prü­fungs­form der Zen­tral­ma­tu­ra kann für gehör­lo­se und schwer­hö­ri­ge Men­schen ange­passt wer­den, sodass die­se Per­so­nen auch mehr Zeit haben, um die Prü­fung zu absol­vie­ren. Wenn es mit der Aus­spra­che zu Pro­ble­men kommt, dann wird das mit der Hör­be­ein­träch­ti­gung begrün­det bzw. im Vor­hin­ein schon geklärt. Also es braucht hier ein­fach Rege­lun­gen und Geset­ze und kei­ne inter­nen Aus­nah­men. So etwas braucht natür­lich viel Zeit. Die Aner­ken­nung der ÖGS ist weder posi­tiv noch nega­tiv, sag ich jetzt ein­mal, weil die Aus­wir­kun­gen das sind, was zählt. Die Aus­wir­kun­gen sind so mar­gi­nal, dass man das so nicht ste­hen las­sen kann.

Sie waren acht Jah­re in der Poli­tik für die Grü­nen tätig. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Wor­in liegt der größ­te Unter­schied zu Ihrer Tätig­keit als Prä­si­den­tin des ÖGLB, auch in dem Sin­ne, Din­ge umzusetzen?

All die­se Din­ge, die ich Ihnen vor­hin erzählt habe, das ORF-Gesetz, die Aner­ken­nung der Taub­blind­heit, etc., das sind alles mei­ne Erfol­ge und auch mei­ne Akti­vi­tä­ten als Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te gewe­sen. Spe­zi­ell für den ÖGLB haben wir natür­lich auch ande­re Din­ge zu tun. Initia­ti­ven, die auf einer ganz ande­ren Ebe­ne statt­fin­den. Mobi­li­sie­run­gen der Zivil­ge­sell­schaft, und und und. Ich als Behin­der­ten­spre­che­rin habe natür­lich auch sehr vie­le Gesprä­che mit ande­ren Men­schen mit Behin­de­run­gen geführt, um das dann auch in Anträ­ge zu gie­ßen und in den Aus­schüs­sen Inter­es­sen aller Behin­de­rungs­for­men zu vertreten.

Als ÖGLB-Prä­si­den­tin ist es dann mei­ne Auf­ga­be gewe­sen, die­se Anträ­ge in der Zivil­ge­sell­schaft dem­entspre­chend zu erklä­ren und auch im Par­la­ment vor­zu­stel­len und zu erklä­ren, wie das Gan­ze funk­tio­niert. Also das sind schon vie­le Unter­schie­de, aber auch vie­le Gemein­sam­kei­ten. Selbst­be­stimm­tes Leben oder Par­ti­zi­pa­ti­on, was bedeu­tet das? All die­se The­men wer­den selbst­ver­ständ­lich in bei­den Funk­tio­nen, sowohl in der Poli­tik als auch als ÖGLB-Prä­si­den­tin, ange­spro­chen und auch erklärt.

Das Gan­ze wird natür­lich auch kri­tisch betrach­tet. Was bedeu­tet das, ein selbst­be­stimm­tes Leben? Es müs­sen Men­schen, die betrof­fen sind, für Men­schen, die auch betrof­fen sind, spre­chen. Wir hat­ten zum Bei­spiel im ORF-Publi­kums­bei­rat den Fall, dass ein Jugend­li­cher für Jugend­li­che spricht, eine Frau für Frau­en und dann haben wir einen nicht-behin­der­ten Men­schen, der für behin­der­te Men­schen spricht. Wir haben das dann noch mit einem Antrag geschafft, dass hier ein Mensch mit einer Behin­de­rung Men­schen mit Behin­de­run­gen ver­tritt. Hier geht es ein­fach dar­um, dass zum Bei­spiel auch nicht ein Mann Frau­en ver­tritt, son­dern ein Mann Män­ner und eine Frau Frauen.

Um die­se Augen­hö­he zu errei­chen, braucht es das poli­ti­sche Genau­er-Hin­schau­en und auch das poli­ti­sche Aktiv-Wer­den. Um genau die­se Din­ge dann eben auch rich­tig zu beset­zen, in die­sem Fall aber auch rich­tig umzu­set­zen. Es braucht viel Zeit, es braucht den Druck, es braucht auch die­se Funk­ti­on, um über­haupt etwas wei­ter­zu­be­kom­men und auch natür­lich Unter­stüt­zung von der Gesell­schaft und von Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen und so wei­ter. Jetzt haben wir zum Bei­spiel auch in den Zei­ten von Coro­na vie­le Sachen erlebt.

Sie haben trotz vie­ler Hür­den die Matu­ra geschafft und stu­diert und auch an einer Uni­ver­si­tät unter­rich­tet. Was wür­den Sie heu­te jun­gen gehör­lo­sen Men­schen mit­ge­ben wol­len, die eine ähn­li­che Kar­rie­re oder einen ähn­li­chen Weg anstre­ben wie Sie?

Das was ich mit­ge­ben kann ist, dass man alles außer Hören schaf­fen kann. Alles kann man errei­chen außer Hören. Wenn Men­schen zu einem sagen, du kannst die­ses oder jenes nicht schaf­fen, soll man nicht dar­an glau­ben, son­dern an sich glau­ben. Ein Selbst­ver­trau­en haben und ent­wi­ckeln, und nicht das was ande­re sagen oder von sich geben, ernst neh­men. Man hat mir auch sehr viel gesagt. Du wirst nicht stu­die­ren. Und das mit dem Stu­di­um kannst du ver­ges­sen.  Mein Vater hat stu­diert. Ich hat­te ein Vor­bild bei mir zu Hau­se und hab somit dann auch nicht auf ande­re gehört.

Wel­che Rol­le spie­len For­schung und neue Tech­no­lo­gien für gehör­lo­se und schwer­hö­ri­ge Men­schen? Wo gibt es viel­leicht auch noch viel Bedarf an Forschung?

For­schung ist immer wich­tig, aber halt mit den Per­so­nen zusam­men. Es ist wich­tig, nicht über Men­schen zu for­schen, sodass sie nur For­schungs­ob­jekt sind, son­dern sie sol­len auch dabei sein. Das heißt, sie sol­len nicht nur Stu­di­en­teil­neh­mer, son­dern auch For­scher sein. Es braucht For­schung in der ÖGS, das haben wir in Öster­reich kaum. Gebär­den­sprach­for­schung gibt es in Deutsch­land viel, viel mehr als in Öster­reich. Dem­entspre­chend könn­te man anhand die­ser For­schungs­er­geb­nis­se Unter­richts­ma­te­ria­li­en und För­der­ma­te­ria­li­en ent­wi­ckeln. Da braucht es unend­lich viel. Wir haben da einen gro­ßen Man­gel. Es braucht eine dem­entspre­chen­de Finan­zie­rung. In dem Bereich ist Öster­reich nicht finan­zie­rungs­freu­dig. Es sind meis­tens irgend­wel­che Pro­jek­te oder Anträ­ge, die dann hof­fent­lich hier und da durch­kom­men, um dann klei­ne Din­ge wirk­lich auf die Bei­ne zu stellen.

Wel­che Tech­no­lo­gien hel­fen Ihnen denn jetzt schon im Alltag?

Also es ist ein­mal ganz sim­pel das Han­dy sehr essen­zi­ell. Als Bell damals das Tele­fon ent­wi­ckelt hat, hat er über­legt, wie er mit sei­ner gehör­lo­sen Frau irgend­wie kom­mu­ni­zie­ren kann. Da hat er also das Tele­fon ent­wi­ckelt, was natür­lich auch dem­entspre­chend eine sehr nega­ti­ve Fol­ge hat­te für die Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft all­ge­mein. Also das war eher nicht so die bes­te Idee. Das Tele­fon hat dann  in vie­len Berei­chen domi­niert. Frü­her hat man ein­fach gesagt, um 14 Uhr hier. Dann kam das Tele­fon und man konn­te plötz­lich die Din­ge ein­fach schnell ver­schie­ben. Das war für Gehör­lo­se eine gro­ße Ver­än­de­rung und ein Stress, der sich auch lan­ge Zeit im Beruf und so wei­ter fort­ge­setzt hat.

Jetzt, durch das Smart­pho­ne, und durch die vie­len Apps, die es gibt, kann man schon viel bes­ser mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Es gibt jetzt zum Bei­spiel auch die­se App für den Not­ruf. Das war frü­her alles über­haupt nicht der Fall. Man konn­te die Feu­er­wehr nur über das Tele­fon errei­chen und das ist jetzt Gott sei Dank anders mög­lich. Es sind schon Din­ge, die mit Smart­pho­ne sehr hilf­reich sind und da kann ich Ihnen jetzt natür­lich ganz vie­le Apps nen­nen, aber man bekommt jetzt schon sehr vie­le Infor­ma­tio­nen, sei es über Twit­ter oder ande­re Nach­rich­ten­por­ta­le, wo man ein­fach sehr schnell auch die Infor­ma­tio­nen schrift­lich erhält.

Gehör­lo­se Men­schen brau­chen die Infor­ma­tio­nen, die ande­ren Men­schen akus­tisch gege­ben wer­den, ein­fach in einer schrift­li­chen Form. Ich nen­ne hier ein­mal als Bei­spiel die ÖBB. Wenn es einen Zug­aus­fall gibt, brau­chen wir das schrift­lich in Form einer Mel­dung. Wenn man im Zug sitzt, dann braucht es ein Tran­skript oder eine Schrift, die das Gan­ze dann auch erklärt. Wich­tig ist, dass hier nicht irgend­wel­che Robo­ter ein­ge­setzt wer­den, also irgend­wel­che Ava­tare, das ist ja auch eine Zukunfts­sa­che, son­dern, dass ein ech­ter Mensch für ech­te Men­schen dient. Um noch ein kur­zes ande­res Bei­spiel zu nen­nen: Das, was wir jetzt gera­de erle­ben, Zoom. Herr­lich. Also das funk­tio­niert groß­ar­tig und das ist natür­lich auch von Vorteil.

Im Zen­trum steht über­all die mög­lichst rei­bungs­lo­se Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen gehör­lo­sen und hören­den Men­schen. Was wür­den Sie sagen, was da die auf­fäl­ligs­ten Miss­ver­ständ­nis­se sind?

Es fehlt das Wis­sen. Es gibt zu wenig Infor­ma­ti­on, und wenig Wis­sen führt zu Miss­ver­ständ­nis­sen. Zum Bei­spiel gibt es in Ame­ri­ka sehr vie­le Spiel­fil­me, wo auch Men­schen mit Behin­de­run­gen, ob das jetzt gehör­lo­se Men­schen sind oder ande­re, eine Rol­le haben. Da wird das the­ma­ti­siert, wie ein gehör­lo­ser Mensch zum Bei­spiel in der Früh auf­ge­weckt wird mit dem Wecker. Da ist es ganz klar, dass es einen Licht­we­cker gibt und fer­tig. Das wird ein­fach im Fern­se­hen gezeigt. Die Leu­te wis­sen das und fra­gen dann nicht mehr nach.

Aber wie gesagt: Das muss in der Schul­bil­dung ganz, ganz früh begin­nen. So wie bei­spiels­wei­se in Süd­ti­rol, wo Kin­der mit Behin­de­run­gen mit Kin­dern ohne Behin­de­rung gemein­sam beschult wer­den. Die Sicht­bar­keit von klein auf, das ist wich­tig. Dadurch kann man die Kul­tur­welt der gehör­lo­sen Men­schen ken­nen­ler­nen, der Men­schen, die halt in unse­rer Kul­tur und in unse­rer Gesell­schaft einen Platz haben. Dann gäbe es nicht sol­che Miss­ver­ständ­nis­se oder Berührungsängste.

Am 23. Sep­tem­ber ist wie­der der Inter­na­tio­na­le Tag der Gebär­den­spra­che. Ich ver­mu­te, Sie möch­ten sich da auch öffent­lich äußern. Kön­nen Sie schon einen Aus­blick auf Ihre Kern­punk­te geben?

Ja, ger­ne. Die­sen Tag gibt es noch nicht so lan­ge. Seit zwei oder drei Jah­ren ist er aner­kannt. Da wird allen Gebär­den­spra­chen welt­weit eine Aner­ken­nung zuge­spro­chen. Wir kon­zen­trie­ren uns in Öster­reich an die­sem Tag und in die­ser Woche auf den Schwer­punkt Bil­dung. Das ist unab­hän­gig von dem Inter­na­tio­na­len Tag, son­dern das ist unse­re natio­na­le Ent­schei­dung. Wir möch­ten uns für die Bil­dung ein­set­zen von Kin­dern bis hin zu den Senio­ren, dass hier das The­ma Bil­dung wirk­lich in den Fokus gerückt wird. Und wir wer­den natür­lich hier ganz klar Stel­lung bezie­hen zu all die­sen Bil­dungs­the­men von den ver­schie­de­nen Ziel­grup­pen. Sogar Pen­sio­nis­tin­nen und Pen­sio­nis­ten bekom­men zum Bei­spiel kein Bud­get für eine Wei­ter­bil­dung, ob das jetzt irgend­ein Kurs für die­se Ziel­grup­pe ist. Das ist auch Bil­dung und das wird einem auch nicht gewährt und das möch­ten wir thematisieren.

Was steht für Sie per­sön­lich in nächs­ter Zeit auf der Agen­da? Womit beschäf­ti­gen Sie sich ver­stärkt in den nächs­ten Wochen und Monaten?

Momen­tan haben wir mit Coro­na viel zu tun, das erschwert eini­ges. Bil­dung ist unser gro­ßes The­ma. Auch jetzt im Sep­tem­ber, die­se Woche ist wie erwähnt ein gro­ßes Pro­jekt. Außer­dem beschäf­ti­gen wir uns mit Dis­kri­mi­nie­run­gen in Form eines Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs­por­tals bzw. ‑berich­tes, wo wir auch die­se Din­ge sicht­bar machen möch­ten, wo es eben zu Dis­kri­mi­nie­run­gen kommt, weil irgend­wie die Welt jetzt nicht so groß­ar­tig ist für jeden. Wir wol­len das ein­fach ein­mal klar­stel­len mit Fall­bei­spie­len. Wir sam­meln die­se und möch­ten sie auch in eine gewis­se Form gießen.

Wir möch­ten auch mit Role­mo­dels arbei­ten und Vor­bil­der für Schü­le­rin­nen und Schü­ler, für Jugend­li­che auf­ar­bei­ten, sam­meln, damit ein­fach auch die­se ein Iden­ti­täts­ge­fühl bekom­men kön­nen im Rah­men ihres Schul­un­ter­richts oder im pri­va­ten Kon­text. Damit sie auch erken­nen, dass es auch erfolg­rei­che gehör­lo­se Men­schen gibt, um auch eine gewis­se Iden­ti­fi­ka­ti­on mit die­sen Per­so­nen auf­bau­en zu kön­nen. Es soll die­ses Opfer­tum, das ihnen auf­ge­stülpt wird, ein­fach auf­hö­ren und ein Empower­ment statt­fin­den. Das sind ganz vie­le The­men, die ich Ihnen da jetzt auf­zäh­len kann. Auch das The­ma Min­der­hei­ten zum Bei­spiel ist ein The­ma, das in unse­ren Bereich fällt. Das wird dann auch im Dezem­ber im Rah­men die­ser Ver­an­stal­tung abge­deckt. Aber das wird sich zei­gen wegen Corona.

Möch­ten Sie abschlie­ßend noch einen wich­ti­gen Punkt anbringen?

Viel­leicht noch eine Sache, die ganz wich­tig ist: Wir haben kei­ne 24-Stun­den-Tele­fon­ver­mitt­lungs­zen­tra­le in Öster­reich. Wir haben nur eine 30-Stun­den-Woche. Da kön­nen die Per­so­nen tele­fo­nie­ren, sich Ter­mi­ne aus­ma­chen etc. Das ist sehr, sehr, sehr wenig. Also ein­ein­halb Tage in der Woche, wenn man es hoch­rech­net, kann man bar­rie­re­frei tele­fo­nie­ren. Da geht es nicht ums Plau­dern, son­dern da geht es ums Ter­mi­ne aus­ma­chen, Arbeit, usw. Auch das ist not­wen­dig, da braucht es eine Finan­zie­rung und da gibt es ganz vie­le „abers“ von den zustän­di­gen Minis­te­ri­en. Das ist eine gro­ße For­de­rung von uns.

Zur Per­son

Hele­ne Jar­mer wur­de 1971 in Wien gebo­ren. Sie hat zwei gehör­lo­se Eltern und ist selbst im Alter von zwei Jah­ren ertaubt. Frau Jar­mer hat in der Inte­gra­ti­ons­klas­se einer Wie­ner HTL im Bereich Maschi­nen­bau-Betriebs­tech­nik matu­riert. Sie hat dar­auf­hin die aka­de­mi­sche Aus­bil­dung zur Haupt­schul­leh­re­rin absol­viert und an der Uni­ver­si­tät Wien Päd­ago­gik mit dem Schwer­punkt Son­der- und Heil­päd­ago­gik stu­diert. Danach folg­ten etli­che Wei­ter­bil­dungs­pro­gram­me. Sie bekam Lehr­auf­trä­ge unter ande­rem an den Uni­ver­si­tä­ten Wien und Graz. Bereits seit 2001 ist sie die Prä­si­den­tin des öster­rei­chi­schen Gehör­lo­sen­bun­des (ÖGLB). Sie lei­tet außer­dem seit 2001 die Redak­ti­on der öster­rei­chi­schen Gehör­lo­sen­zei­tung, seit 2005 das Ser­vice­cen­ter ÖGS.barrierefrei und seit 2008 das Nach­rich­ten­por­tal Gebär­den­welt. Frau Jar­mer war über­dies als Poli­ti­ke­rin der Grü­nen von 2009 bis 2017 Abge­ord­ne­te im öster­rei­chi­schen Natio­nal­rat und Behin­der­ten­spre­che­rin. Damit war sie die ers­te gehör­lo­se Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te in Öster­reich und die drit­te international.

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