Prominenter Widerstand gegen Kürzungen beim Lateinunterricht
Prominenz aus Kultur und Wissenschaft macht gegen den Plan von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) mobil, in der AHS den Unterricht zu KI auszubauen und dafür einen Teil der Stunden für Latein bzw. die zweite lebende Fremdsprache zu kürzen. In einer u.a. von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek unterstützten Petition wird vor einem "grundsätzlichen Angriff auf die geistige Substanz" des Bildungssystems gewarnt. Wiederkehr hat die Initiatoren zum Gespräch eingeladen.
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"Wer Latein marginalisiert, schwächt bewusst jene Fähigkeiten, die eine demokratische Gesellschaft dringend braucht: strukturiertes Denken, sprachliche Präzision, historische Urteilskraft", heißt es in dem Aufruf, unter dem sich neben den beiden Nobelpreisträgern Peter Handke, Anton Zeilinger und Alt-Bundespräsident Heinz Fischer Dutzende weitere prominente Namen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft finden. Mit den Lateinstunden werde nicht Stoff gestrichen, sondern Denkfähigkeit - und das sei gerade im Zeitalter Künstlicher Intelligenz fatal. Ohne ein historisch und logisch geschultes Denken werde KI "zur Black Box für Unmündige".
Bildung nicht auf Verwertbarkeit reduzieren
Die Ankündigung des Bildungsministers, an den Gymnasien den Lateinunterricht über alle vier Oberstufenjahre hinweg von zwölf auf acht Stunden zu reduzieren, ist für die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Aufrufs zur Petition "pädagogisch unhaltbar und fachlich unredlich". In dieser Zeit könne man "das lateinische Denken" nicht vermitteln.
Für sie sei das Erlernen der alten Sprachen, auf deren Denken und Logik unsere ganze Zivilisation aufbaue, Basis für das spätere Leben, wird Jelinek zitiert. "Wenn man in der Schule das alles einfach einstellt, dann fallen wir vielleicht nicht gerade ins Bodenlose, aber auf einen sehr harten Boden, der uns das Kreuz brechen könnte." Denken werde so zu Gedankenlosigkeit.
Bildung dürfe nicht auf bloße Verwertbarkeit reduziert werden, wird im Petitionstext gewarnt. Latein müsse uneingeschränkt als vollwertiges Unterrichtsfach erhalten bleiben und außerdem die Literatur in Lehrplänen und Sprachunterricht wieder ausgebaut werden, so die Forderungen der Petition.
Wiederkehr lud Initiative zu Dialog ein
Der Bildungsminister reagierte auf die Petition am Mittwoch mit einer Einladung der Initiatoren Nina Hoppe und Gerhard Ruiss (IG Autorinnen Autoren) zu "einem offenen Dialog". "Denn genau das ist für mich gelebter Humanismus", so Wiederkehr laut Stellungnahme. Erneut verteidigte er die angekündigten Kürzungen bei Latein bzw. der zweiten lebenden Fremdsprache zugunsten von mehr Beschäftigung mit Themen wie KI, Medien und Demokratiebildung als gezielte Reaktion auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen und digitalen Veränderungen unserer Zeit. "Der geäußerte Kritikpunkt - die Schwächung der Literatur - dürfte ein Missverständnis sein", meinte Wiederkehr, denn Deutschunterricht werde künftig verstärkt auf Gegenwartsliteratur setzen, auch klassische Sprachen und Literatur weiterhin wichtiger Teil des Fächerkanons bleiben, versicherte er. Die Initiatoren haben für das kommende Woche geplante Gespräch bereits zugesagt.
Von der Änderung direkt betroffen sind laut Bildungsressort geschätzte 20 Prozent der rund 360 AHS-Standorte, die keine autonomen Stundentafeln nutzen. Grundsätzlich hat laut Ministerium jedes Gymnasium weiter die Möglichkeit, mit drei bis vier Unterrichtsstunden pro Jahrgang eigene Schwerpunkte zu setzen und so etwa weiterhin mehr Lateinstunden anzubieten.
Minister sieht breiten Wunsch nach "Entrümpelung"
Bildungsminister Wiederkehr hatte sich schon bei der Ankündigung seines "Plan Z" für einen umfangreichen Umbau des Bildungssystems Ende 2025 auf intensive Diskussionen zum Thema Lehrpläne und (Allgemein-)Bildung versus Ausbildung eingestellt. Die angekündigten Kürzungen bei Latein bzw. der zweiten lebenden Fremdsprache zugunsten von mehr Beschäftigung mit Themen wie KI, Medien und Demokratiebildung hat er erst am gestrigen Dienstag bei einer Pressekonferenz einmal mehr verteidigt. Man müsse die Schülerinnen und Schüler fit für die Zukunft machen, könne sie aber nicht mit immer mehr Inhalten überfordern. Er habe hier eine "Schutzfunktion".
In einer Umfrage mit 45.000 Befragten, die im Jänner noch vor Bekanntwerden der Latein-Pläne durchgeführt wurde, haben sich 83 Prozent der Schüler und 74 Prozent der Eltern dafür ausgesprochen, durch Kürzungen bei bestehenden Lehrinhalten Platz für neue Unterrichtsthemen zu schaffen. Auch unter den Lehrkräften war die Zustimmung mit 71 Prozent hoch, auch wenn es laut Meinungsforscher Peter Hajek gerade unter den AHS-Oberstufenlehrkräften vergleichsweise viele Stimmen für ein Aufstocken der Stunden gibt.
Stichwort: Lateinunterricht an Österreichs und Europas Schulen
Der Plan von NEOS-Bildungsminister Christoph Wiederkehr, in der AHS-Oberstufe die Lateinstunden zugunsten von Unterricht zu KI zu kürzen, ist unter anderem der Lehrervertretung sauer aufgestoßen. Ein Blick in die Statistik zeigt: Zuletzt (Schuljahr 2023/24) hat dort knapp die Hälfte der Jugendlichen (43.124) Latein als Fremdsprache gewählt. In der Unterstufe waren es gerade einmal sieben Prozent. Ganz unterschiedlich wird Lateinunterricht im europäischen Ausland behandelt.
Zumindest für einen Teil der Schüler verpflichtend ist der Unterricht in Latein in der Oberstufe in der Schweiz, Slowenien, den Niederlanden, Italien, Spanien, Griechenland, Deutschland und Belgien. Rumänische Schulen müssen als einzige schon in der Unterstufe Latein anbieten. In den Balkanstaaten Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Serbien ist Latein in der Allgemeinen Oberstufe grundsätzlich verpflichtend. In Belgien soll Latein künftig mehr werden: Nach einer Lehrplanreform soll der Unterricht in den ersten zwei bis drei Jahren der Unterstufe ab 2028 verpflichtend werden, heißt es in dem Bericht "Key data on teaching languages at school in Europe" der Europäischen Kommission.
Keine Latein-Pflicht, sondern eine Wahlmöglichkeit wie in Österreich haben die Schülerinnen und Schüler auch in Dänemark, Deutschland, Spanien, Luxemburg, Portugal, Slowenien, Liechtenstein und Norwegen. Über das Stundenausmaß in den jeweiligen Ländern liegen keine Daten vor.
Jeder zweite AHS-Oberstufler lernt Latein
In noch deutlich weniger Ländern wird übrigens Altgriechisch angeboten. Neben Englisch, Französisch und Deutsch sind die am häufigsten gelernten Fremdsprachen an Europas Schulen Spanisch, Italienisch und Russisch, gefolgt von Chinesisch, Latein, Arabisch, Türkisch und Japanisch. Erst dann folgen Altgriechisch und Portugiesisch. Altgriechisch wird in Österreich von rund 600 AHS-Oberstufenschülern belegt.
Von den knapp 90.000 AHS-Oberstufenschülern und -schülerinnen in Österreich besuchten im Schuljahr 2023/24 laut Zahlen der Statistik Austria konkret 48 Prozent den Lateinunterricht. Sie bilden damit den mit Abstand größten Teil der knapp 51.600 Lateinlernenden. Rund 8.300 haben Latein schon in der Unterstufe gelernt. Ganz anders sieht das Bild in den Berufsbildenden höheren Schulen (BHS; etwa HTL oder HAK) aus: Von den knapp 135.000 Schülern und Schülerinnen besuchten dort gerade einmal 95 den Lateinunterricht. Von all jenen, die auf eine Matura zusteuern, hat also jeder Fünfte auf dem Weg dorthin Latein.
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