"Für sich einstehen" zwischen Care-Arbeit und Bottlenecks
"Wenn ich gefragt werde, was ich am Wissenschaftsbetrieb kritisieren würde, verweise ich intuitiv auf Studien, weil ich Forscherin bin", schmunzelt Jana Köhler im Gespräch mit APA-Science. "Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass sich das Ungleichgewicht bei der unbezahlten Care-Arbeit, das man aus Beziehungen und Familien kennt, auch an den Universitäten wiederfindet." Das heißt: Weibliche Universitätsangestellte übernehmen öfter und mehr freiwillige Arbeit.
Köhler, die eine Post-Doc-Stelle am Ludwig Boltzmann Institut (LBI) für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge hat, bringt dieser Umstand auch persönlich in die Bredouille: "Ich bin ein prosozialer Mensch und sage zu solchen zusätzlichen Aufgaben gerne ja. Gleichzeitig ärgert mich, dass die Universität zu bekannten Biases beiträgt, indem sie diese Aufgaben nicht systematisch verteilt", so die 30-Jährige.
Trotzdem fühle sie sich insgesamt privilegiert, in der Forschung zu arbeiten. "Es ist eine unglaublich kreative Tätigkeit. Ich darf mich in spannende Themen einlesen und überlegen, was da noch fehlten könnte", sagt sie. Ihr aktuelles Forschungsthema ist die Wahrnehmung, die junge Menschen, die noch in der Schule sind, von der Wissenschaft haben.
Wissenschaft muss früh vermittelt werden
"Wenn man sich mit Leuten unterhält, die Wissenschaftsvermittlung betreiben, hört man immer und immer wieder: Man muss damit früh anfangen!", erzählt sie. "Deswegen und, weil die wissenschaftliche Herangehensweise an Fragestellungen eine Grundeinstellung ist, die sich in jungen Jahren entwickelt, habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun." Die Relevanz ihrer Arbeit sieht die Forscherin auch in der Aktualität des Themas: Ständig höre man, gesamtgesellschaftliche Probleme können nur wissenschaftlich gelöst werden.
Als junge Forscherin weiß Köhler aber, wie wahnsinnig komplex wissenschaftliche Prozesse sind und wie lange man braucht, um nur einige Methoden wirklich zu verstehen. Deswegen faszinieren sie die Fragen: "Wie kommt diese Komplexität genau rüber? Wie gehen Leute außerhalb des Wissenschaftsbetriebs mit dieser Komplexität um?"
Neben der Vermittlung ihrer Ergebnisse habe sie schon früh in ihrer Karriere versucht, sich ihre Forschungsfragen direkt aus der Gesellschaft zu holen. So beschäftigte sich Köhler im Rahmen des PhDs mit dem sogenannten radikalen Flankeneffekt. "Da ging es ganz einfach gesagt um die Frage, ob die radikalen Teile der Klimabewegung - also etwa die Klimakleber - dieser insgesamt eher helfen oder schaden. Die Frage habe ich eigentlich direkt aus meiner Lektüre der Medien entnommen und in einem Experiment getestet", erzählt sie. Das Ergebnis: Die Anwesenheit extremerer Aktivistinnen und Aktivisten helfe der anwesenden Gruppe von Moderaten eher, als es ihnen schadet.
Neugier zur Stärke machen
Ihr Rat an junge Menschen, die eine Karriere in der Wissenschaft interessiert: Die eigene Neugier zur Stärke machen - was auch bedeutet, sich mit Überzeugung auf die eigene Intuition zu verlassen. "Und: Wenn man früh in Kontakt mit Forschungsgruppen kommt und Beiträge leistet, muss man für sich einstehen. Wenn Research Assistants nicht mit auf die Publikation kommen, haben sie nichts vorzuweisen, wenn sie sich woanders bewerben wollen. Und das alles in einem System, das sowieso früh auf viel kostenloser Arbeit aufbaut", betont sie. "Da muss man schauen, wo man bleibt."
Für junge Frauen gilt das besonders, selbst in der Psychologie, obwohl dort in Einstiegsvorlesungen viel mehr Frauen als Männer sitzen. Denn auf Ebene der Professuren haben wiederum deutlich mehr Männer einen Posten. "Der aktuelle Trend ist zwar ein positiver, aber was es da für einen Bottleneck und für Strukturen gibt, ist einfach krass", so Köhler.
(Diese Meldung ist Teil einer Serie von Interviews mit Nachwuchsforscherinnen anlässlich des Internationalen Tages der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Alle Artikel im Überblick: https://science.apa.at/feature/nachgefragt-nachwuchsforscherinnen-im-gespraech/ )