FTI-Expertin für mehr Mut: "Gibt in dieser Welt keinen Lehrer mehr"
"Österreich sollte mehr darauf vertrauen, dass es bei Forschung wirklich gut ist." Anstelle aber weiterhin das Streben nach Innovationsführerschaft als "Aufholjagd" zu begreifen, müsse man sich mutig und kreativ der Frage stellen, wie man dieses Ziel erreicht, sagt die international renommierte Innovationsexpertin Sylvia Schwaag Serger (58) zur APA. Zehn Jahre begleitete die gebürtige Deutsche Österreichs FTI-Politik, Ende März verlässt sie den Forschungsrat FORWIT.
Die heimische Politik wird nicht müde, sich der EU-weit durchaus überdurchschnittlichen Forschungsquote von zuletzt 3,35 Prozent wie auch der Platzierung Österreichs als "Strong Innovator" zu rühmen und zugleich von der Fortsetzung einer Aufholjagd mit dem Ziel "Innovation Leader" in Europa zu sprechen. Wie dieser Weg ausschauen könne, "da fehlt ein bisschen die Vorstellungskraft", meint die scheidende stellvertretende Vorsitzende des Rats für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT): "Österreich ist quasi ein Schüler, der von der Note Drei auf Zwei kommen möchte", und sei fleißig. Es brauche aber Schüler, die sich fragen, wie sie neue Lösungen finden, die es noch gar nicht im Lehrbuch gibt. "In dieser Welt gibt es keinen Lehrer mehr - keinen, der vorgibt, wie das ideale Innovationssystem aussieht." Alle Länder seien herausgefordert, einen eigenen Weg zu finden.
Vergleich mit europäischen Ländern ist überholt
Die Metapher der "Aufholjagd" habe vermutlich eine Zeit lang ihre psychologische Funktion erfüllt. Das europäische Innovationsranking (European Innovation Scoreboard) beziehe sich in erster Linie aber darauf, wie viel man in F&E investiert: "Doch Österreich scheitert nicht unbedingt an den Inputs, sondern an den Outputs." Also an den messbaren Leistungen, die über die Mittel entstanden sind. "Und wenn sich die ganze Welt viel schneller bewegt und die Innovationsdynamik hauptsächlich in Asien und zum Teil in Amerika so viel rasanter ist, dann haben wir einfach einen falschen Referenzrahmen", so die Expertin, die seit vielen Jahren in Schweden lebt, an der Universität Lund als Professorin forscht und lehrt, und seit 2024 der Königlichen Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften (IVA) vorsteht.
Zudem müsse man sich auch bewusst sein und damit umgehen, dass in Europa "der öffentliche Sektor einen größeren Anteil am Bruttosozialprodukt ausmacht als etwa in den USA oder in vielen asiatischen Ländern mit mehr privatwirtschaftlichen Kunden und großen Tech-Unternehmen". Ein Großteil der Innovationsnachfrage sei daher "nicht so mutig, dynamisch oder risikofreudig".
"Reicht nicht, sich nur auf die Förderlogik zu berufen"
Jüngst wurde der FTI-Pakt für die Jahre 2027 bis 2029 als Fördertopf für zentrale Forschungseinrichtungen des Landes präsentiert. Die in Summe wachstumsorientierte Budgetierung wie auch die jüngst vorgestellte Industriestrategie 2035 für Österreich begrüßt die Expertin. Aber: "Wir sind uns in der Diagnose einig: Es fehlt an Output bzw. Return of Investment." Als Antwort darauf falle man immer wieder darauf zurück, einfach ein neues Förderprogramm mit denselben Prozessen zu schaffen. "Jedoch reicht es nicht, sich nur auf die Förderlogik zu berufen."
Österreich oder Europa müssten sich überlegen: "Wie können wir die Nachfrage ankurbeln?" Hier können etwa eine dynamische Unternehmensszene und erfolgreiche Start-up-Szene helfen, wie das Beispiel Schweden zeigt. Ob es in Österreich aber einen ernsthaften Willen zu mehr Innovationsdynamik gibt, bezweifelt die Expertin. So gebe es etwa auch bei der nun auch in Europa fokussierten Technologieentwicklung für mehr Sicherheit und Verteidigung Chancen, darüber Innovationsdynamik zu erzeugen. Schweden, bis 2024 ein neutrales Land, habe immer "eine beeindruckende Verteidigung und dazugehörige Industrie" gehabt. "Aber hier hat man jetzt auch viel bewusster gesagt: Wenn wir es ernst meinen mit globalem Wettbewerb und Innovationsdynamik, müssen wir auch bereit sein, ein paar heilige Kühe zu schlachten."
Als Beispiele nennt die Expertin Fragen wie, was an den Unis passieren müsste, damit sie sich ernsthaft mit "Dual-Use-Forschung" und damit für Forschung zu militärischem Zweck öffnen. Oder wie Verteidigungsbudgets Innovationen antreiben können. Österreichs Industriestrategie erwähne Verteidigung, "aber viel zu unkonkret". Bei der Fokussierung auf neun neue Schlüsseltechnologien habe man eher auf jene Felder gesetzt, auf die auch fast alle anderen OECD-Länder setzen. Schwaag Serger würde sich auch offensiveres Denken in puncto Allianzen wünschen: "Mit wem können wir uns zusammentun? Mit welchen Firmen, mit welchen anderen Ländern? Wie können wir kleinen Länder gemeinsam mit anderen unsere Kräfte effektiver bündeln, damit wir nicht mehr unterkritisch sind."
Rivalität und technologische Vorherrschaft
"Was unsere Welt heutzutage, abgesehen von der Klimakrise, prägt, ist ja wirklich die Rivalität." Eine aufstrebende Supermacht, China, fordere eine etablierte Supermacht, die USA, heraus - und das bringe Instabilität mit sich. Beide Nationen hätten die Technologieentwicklung und -vorherrschaft als Schlüsselfaktor identifiziert. Hier sei Europa eher ein Zuschauer. Die Herausforderung für Europa sei, einen Weg zu finden, die Technologieentwicklung und Nutzung wie etwa Künstliche Intelligenz (KI) aktiv mitzugestalten und gleichzeitig sicherzustellen, dass sie für eine lebenswerte Gesellschaft und Umwelt genutzt werde. "Und das kann man natürlich nur machen, wenn man technologisch mithalten kann."
Wie "Kapitalismus, Nachhaltigkeit und Demokratie" als Ecken eines Dreiecks gewinnbringend miteinander verbunden werden können, beschäftigte die Expertin mit Kollegen im Rahmen eines gleichnamigen Buches, das Ende März in Brüssel vorgestellt wird. "China hat sich für eine aggressive Form des Kapitalismus entschieden und setzt auch auf Nachhaltigkeit, die USA fahren einen Rohkapitalismus-Kurs auf Kosten von Nachhaltigkeit und Demokratie, wir haben immer noch den Anspruch, den wir auch haben sollten, dass wir diese drei Dinge miteinander verbinden wollen."
Eine Lehre aus dem Buch: "Wir sollten KI wirklich offensiv nutzen. Wir nennen das 'GovTech', also Government Technology. Wie können wir weltführend sein, wenn es darum geht, KI in den Dienst des Volkes oder des Landes, der Bildung, der Gesundheit, der Verwaltung zu stellen? Hier können wir uns nicht auf die USA oder auf China beziehen. Hier haben wir keine Vorbilder."
"Kein Mensch ist unersetzlich"
Bevor Schwaag Serger als Ratsmitglied in Österreich tätig wurde, lebte und arbeitete sie als "Botschaftsrätin für Technologie" der Schwedischen Botschaft und Gastprofessorin in China. Zu ihrem bevorstehenden Ausscheiden meint sie: "Ich finde, kein Mensch ist unersetzlich. Und ich glaube, dass nach zehn Jahren der Marginalwert meines Beitrags abnimmt." Es sei an der Zeit, dass frisches Blut reinkomme.
Künftig will sie sich voll und ganz auf ihre Tätigkeit bei der IVA konzentrieren. "Aber mir geht es auch nicht nur um Schweden. Ich mache mir Sorgen um Europa." Sie sehe das Potenzial: "Wenn wir diese Beziehung hinkriegen zwischen Kapitalismus, Nachhaltigkeit und Demokratie, dann haben wir wirklich etwas für die Menschheit getan." Dazu müsse aber auch etwas überwunden werden, was sie lange unterschätzt habe: Schweden wie auch Österreich seien "extrem auf Harmonie bedacht". Doch: "Wir müssen uns mehr trauen!" Mehr Klartext zu reden und mehr über Tabuthemen wie Aufrüstung, Einwanderung zu reden oder etwa auch, ob die Universitäten zukunftsfit sind. Hier gebe es noch einiges an Spielraum.
Service:https://forwit.at/ ; https://www.iva.se/en/ ; "Capitalism, Sustainability and Democracy - Future-proofing the European model", European Commission, Autoren: Luc Soete, Sylvia Schwaag Serger, Johan Stierna, Mikel Landabaso, Präsentation am 27. März bei der Europäischen Kommission in Brüssel