Warum Innovation ein zweischneidiges Schwert ist
Alle, und allen voran wirtschaftliche Akteure, wollen Innovation. Diese häufige Vorannahme ist falsch, hieß es am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der "Kaiserschild Lectures". Denn bei Innovation gebe es oft eine Spannung zwischen Infrastruktur und Radikalität: In vielen Branchen sei die Infrastruktur so dominant aufgestellt, dass sie radikale Innovation verhindert. So gebe es beispielsweise Alternativen zu Plastik, aber die Infrastruktur der Plastikherstellung mache deren breite Nutzung unvorstellbar.
Weil Innovation meist ein global gedachter Begriff ist, hänge diese oft sogar mit geopolitischen Erwägungen zusammen. "Manche Innovationen können dann eben nicht umgesetzt werden, weil Machtstrukturen so stark sind, dass es zuerst einen großen Umbruch bräuchte", sagte Eugenia Stamboliev vom Institut für Philosophie an der Universität Wien bei der vom Postgraduate Center der Universität Wien und der Kaiserschild-Stiftung veranstalteten Expertenrunde zu "Dynamiken des Neuen: Was ist Innovation und wer treibt sie an?". Als ein weiteres Beispiel für ihren Befund nannte die Technikphilosophin die Automobilbranche.
Technologische Innovation vermehrt nicht automatisch den Wohlstand
Innovation insgesamt könne von einem neuem Produkt oder einem neuem Prozess ausgehen. "Das Wort kann sehr umfassend verstanden werden, es ist aber jedenfalls mehr als nur eine neue Idee oder Erfindung. Damit eine Innovation eine Innovation ist, muss sie angenommen und rezipiert werden", so Elisabeth Unterfrauner, wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Soziale Innovation (ZSI). Welche Innovationen sich schlussendlich durchsetzen, sei deswegen von unzähligen Faktoren abhängig und sehr schwierig vorherzusehen.
Gleichzeitig ist unser Verständnis von dem Begriff sehr technisch geprägt: "Warum denken wir nicht, dass Demokratie eine schützenswerte Innovation ist und war?", fragte Stamboliev. Das gleiche gelte für andere gesellschaftliche Neuerungen wie Arbeitsschutz, Krankenversicherung oder Schulpflicht. "Es gibt so viele gesellschaftliche Innovationen, die unser Zusammenleben besser gemacht haben. Dem stehen aktuell technische Innovationen, die diesen Fortschritt tendenziell zurückrudern, gegenüber. Dass es zwischen diesen beiden fast schon einen Konflikt gibt, finde ich absurd", sagte sie weiter.
"Technologie ist die Antwort, aber was war die Frage", zitierte Unterfrauner dazu den britischen Architekten Cedric Price. Große gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimakrise und Co. könnten eben nicht durch Technologie alleine gelöst werden. Politisch würden allerdings nur technologische Innovation stark gefördert und thematisiert. "Man glaubt, dass solche Innovationen automatisch mehr Wohlstand bedeuten - das ist viel zu kurz gegriffen", so Unterfrauner. Südkorea sei beispielsweise eine hochdigitalisierte und -technisierte Gesellschaft mit hohen durchschnittlichen Bildungsabschlüsse, die etwa auch bei den PISA-Tests regelmäßig sehr gute Werte erzielt. Gleichzeitig sei die Selbstmordrate eine der höchsten weltweit.
Empowerment und Teilhabe als Schlüsselbegriffe
Als gestalterischer Mensch, der neue Dinge erfinden will, kann man die Ökonomie bzw. den Markt aber auch nicht ganz außer Acht lassen, gab Georg Russegger, Leiter des Open Innovation in Science Center der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG), zu bedenken. Mut und Visionen seien im Markt zwar schon jetzt vorhanden, aber die Motive der Akteure sind zweifelhaft.
"Viele junge Menschen, die in den Innovationsbereich einsteigen, haben das Mindset, dass sie schnell reich werden und schnell wieder aussteigen wollen", so Russegger. Diese "Start-up-getriebene Marktwirtschaftlichkeit" könne zwar koexistieren, gehe aber nicht mit einem zielführenden Innovationsbegriff einher. Das Motiv müsse vielmehr sein, Wirkung in der Welt zu entfalten.
Dass unser System nicht mehr funktioniert, ist für Russegger dabei eine gesicherte Erkenntnis. Dann bleibe die Frage, wie wir uns angesichts dieser Erkenntnis verhalten. Die Antwort könne nur ein globales, gemeinschaftliches, von Empowerment und Teilhabe geprägtes Verhalten sein. "Nur mit so einer Grundlage kann meiner Ansicht nach mit einem wie auch immer gearteten Innovationsbegriff fruchtbar gearbeitet werden", resümierte er.
(Dieser Beitrag wird im Rahmen einer Medienkooperation durch die Kaiserschild-Stiftung unterstützt. Die Verantwortung für redaktionell erstellte Inhalte liegt bei APA-Science.)
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