"Archäologie? Nein, lass das lieber ..."
Beeindruckt hat dieser anscheinend wohlgemeinte Rat Caroline Posch nicht, im Gegenteil. "Ich war schon als Kind davon fasziniert, dass die Vergangenheit durch Archäologie im wahrsten Sinne begreifbar und fühlbar wird. Der Rest war pure Sturheit", fasst die gebürtige Tirolerin ihre Motivation für ihren Weg in die Wissenschaft gegenüber APA-Science zusammen.
"Mir wurde, als ich klein war, immer erklärt, dass nur die Archäologen hinter die Absperrungen im Museum dürfen. Also musste ich diesen Weg einschlagen", sagt die 36-Jährige, die heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin der Sammlung Steinzeit im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) fungiert. Ohne großes Durchhaltevermögen hätten die ursprünglichen Ratgeber aber möglicherweise Recht behalten.
Gymnasium, Bachelor- und Masterstudium an der Universität Innsbruck, nebenbei schon diverse Forschungsprojekte und schließlich die Dissertation, unter anderem finanziert durch ein Stipendium der Akademie der Wissenschaften - soweit, so zielstrebig: "Aber irgendwann ist die Finanzierung aus und man muss sich über Wasser halten, wenn man in diesem Bereich bleiben will", beschreibt Posch. Es folgten einige Jahre als freischaffende Archäologin, also verschiedene Projekte über diverse Träger, mal zwei Monate, mal ein Jahr.
Von Fund-Dokumentation bis Kommunikation
"Ich habe unter anderem Wissenschaftskommunikation für die Stadtarchäologie Hall gemacht, Funde dokumentiert, Berichte geschrieben, Vorträge gehalten oder bei Grabungen mitgearbeitet", so die Forscherin. Dann folgte die erfolgreiche Bewerbung auf den "wunderbaren Schatz, auf dem man dann sitzen darf". Seit vier Jahren ist Posch nun Kuratorin der Sammlung Steinzeit im NHM. Das umfasst den Zeitraum zwischen 500.000 und 7.000 Jahren vor heute, also Altsteinzeit, Mittelsteinzeit und die beginnende Jungsteinzeit.
Ungewöhnlich für Museen ist die Ausrichtung des NHM: "Wir dürfen nach wie vor eigene Forschungen durchführen, weil wir Doppelverträge haben, sowohl einen Kuratoren- als auch einen wissenschaftlichen Mitarbeitervertrag. Neben der Arbeit mit unserer eigenen Sammlung können wir nach wie vor ins Feld gehen", erklärt Posch. Aktuell arbeite sie unter anderem am Thema "Alpine Steinzeit", das sie quasi aus Tirol mitgenommen hat. Dabei untersucht sie, wie die Alpen während der Steinzeit genutzt wurden, woher die Menschen kamen, welche Kontakte es gab oder welche Gerätschaften sie verwendeten.
Herausforderung als Wissenschaftsbotschafterin
Ein größeres Projekt war auch die Konzeption und Mitgestaltung der Ausstellung "Eiszeitkinder und ihre Welt" im Saal 16 des NHM. Dabei ging es darum, wie Kinder der Eiszeit-Menschen gelebt und wie sie ihre Umwelt wahrgenommen haben. Didaktik ist auch in ihrer Rolle als Wissenschaftsbotschafterin gefragt. In dieser von der Bildungsagentur OeAD umgesetzten Initiative engagieren sich mittlerweile rund 600 Forscherinnen und Forscher an Schulen in ganz Österreich. Diese Aufgabe sei sehr schön, aber auch herausfordernd, so Posch: "Es gibt nichts Schwierigeres, als eine Gruppe Zehnjähriger von seinem Thema zu überzeugen."
Archäologie sei die Möglichkeit, sehr nahe an Menschen aus der Vergangenheit heranzukommen. "Es gibt eine winzige Barriere, also einen minimalen Abstand, aber man kommt nicht drüber und das ist frustrierend und toll gleichzeitig." Es gebe zehntausende Jahre alte Keramikstücke mit Fingerabdrücken von Menschen darauf: "Das ist begreifbare Geschichte", meint Posch. Es sei faszinierend, hier weitergehen zu können, das Objekt zu durchleuchten, das Material zu untersuchen und sich einen Reim auf die Arbeitsabläufe und die Motivation zu machen.
Mehr Wertschätzung als Frau in der Wissenschaft
Im Gegensatz zu vielen Vorgängerinnen, "die da wirklich Vorarbeit geleistet haben", sei ihre Generation "schon in einer privilegierten Position", was die Rolle von Frauen in der Wissenschaft betrifft. "Ich glaube, dass wir jetzt zumindest bei männlichen Kollegen meiner Generation wertgeschätzt und als vollwertige Partner in der Wissenschaft gesehen werden." Bei archäologischen Grabungen werde man als Grabungsleiterin aber noch immer gefragt, ob man die Studentin sei "und die Kollegen sind immer die fertigen Archäologen".
Jungen Forscherinnen würde sie gerne auf den Weg mitgeben, "dass eure Einschätzungen und Meinungen wichtig und wertvoll sind und es verdienen, dass man sie hört und ernst nimmt." Männliche Kollegen würden sich ihre Bühnen meist mit viel größerer Selbstverständlichkeit nehmen und davon ausgehen, dass man ihnen zuhört.
Der Kindheitstraum scheint für Caroline Posch jedenfalls erfüllt: "Mir wurde immer erklärt, ich dürfe nichts angreifen, weil das nur Archäologen erlaubt sei. Jetzt kann ich hinter die Absperrungen im Museum, Dinge herausnehmen und hineinlegen, das ist eine sehr schöne Sache."
(Diese Meldung ist Teil einer Serie von Interviews mit Nachwuchsforscherinnen anlässlich des Internationalen Tages der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Alle Artikel im Überblick: https://science.apa.at/feature/nachgefragt-nachwuchsforscherinnen-im-gespraech/ )