Zukunftsforscherin mit Faible für das Unvorhersehbare
"AI Literacy" oder "Media Literacy" - als Ausdruck für Kompetenzen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz oder Medien - sind heute relativ oft vernommene Schlagworte. Bisher noch seltener ist von "Futures Literacy" die Rede. "Und dabei ist Futures im Plural ganz wichtig", lacht Julia Vögele. Denn es gibt eben nicht nur die eine Zukunft: "Es geht vielmehr darum, die Zukunft als Raum verschiedener Möglichkeiten zu begreifen."
Diesen Ansatz verfolgt auch die UNESCO, und so gibt es im Zuge eines entsprechenden Lehrstuhls seit 2023 an der Hochschule Management Center Innsbruck (MCI) einen "UNESCO Chair in Futures Capability for Innovation & Entrepreneurship". Hier ist die 31-Jährige als Dissertantin tätig. Sie lehrt und forscht zu den Themen Futures Literacy und Unternehmertum. Ihre Dissertation schreibt sie an der Universität Innsbruck unter Betreuung des Universitätsprofessors Johann Füller.
"An der Zukunftsforschung war ich schon interessiert, als ich vor meiner wissenschaftlichen Laufbahn in der Praxis gearbeitet habe." Vögele baute bei der Tirol Werbung "das sehr junge Feld Trend und Zukunftsforschung" mit auf. Das brachte sie auch schon in regen Austausch mit Tirolerinnen und Tirolern über ihre Perspektiven auf das Jahr 2030. "Ganz wichtig ist es, die Zukünfte als etwas zu begreifen, was wir mitgestalten können."
Podcast als Bühne für Gestaltungswillige
Ihre Neugier, Offenheit und Kommunikationsfreude lebt sie etwa auch als Host des seit Dezember des Vorjahres bestehenden MCI-UNESCO-Podcast "Vision Possible" aus: "Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie man Forschung mehr in die Breite tragen kann." Ziel sei es, "junge Menschen und insbesondere Frauen als Vorbilder vorzustellen, die aus unserer Sicht eben heute auch schon Zukunft im Kontext von Unternehmertum und Start-up-Gründungen mitgestalten. Also Leute, die sich trauen, mit dieser aktuellen Unsicherheit proaktiv umzugehen. Wir wollen damit auch Mut machen, dass mehr Menschen diesen Weg gehen."
Vögele, die ihr Masterstudium damals berufsbegleitend absolvierte, sah mit dem Wechsel von der Praxis in die Forschung eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Dabei ließ sie sich auch "von dem Punkt, der vielleicht manche abschreckt, dem geringeren Gehalt", nicht abhalten.
"Female Futures" ist ein Thema, das der Zukunftsforscherin gegen Ende ihrer Dissertationszeit - im Sommer möchte sie ihre Arbeit abschließen - besonders ans Herz gewachsen ist. "Ja, es gibt eben auch unterschiedliche Zukunftsvorstellungen zwischen Geschlechtern, und laut Studien ist bei Frauen auch häufiger die Angst vor dem Scheitern zu sehen, gerade im unternehmerischen Kontext. Ängste vor der Zukunft hemmen unsere Handlungsbereitschaft." So sei es vielleicht auch ein "kleiner Hebel", die Futures Literacy von insbesondere jungen Menschen und Frauen gezielt zu fördern.
Auslandserfahrung schärft Blick auf die Heimat
Im Zuge ihres Bachelor-Studiums lag Vögeles Schwerpunkt noch stark auf Tourismusforschung. Sie verbrachte vier Monate an der Haaga-Helia University of Applied Sciences in Finnland und ein halbes Jahr als Praktikantin im Bereich Hotel Management in einem 5-Stern Luxushotel nahe Dubai. "Das war für mich sehr horizonterweiternd." Gleichzeitig habe sich der Blick auf die eigene Heimat geschärft: "Man merkt dann erst, wie gut es einem in Österreich geht und was man an seinem Leben schätzt."
Was nach ihrer Dissertation kommt, ist offen, so die gebürtige Innsbruckerin, die in Imsterberg aufwuchs. In ihrer Forschung sei ihr der Bezug zur Praxis immer wichtig gewesen. Stellen an Hochschulen im Anschluss an die Doktorarbeit zu bekommen, sei nicht sehr einfach: "Man muss halt auch das Glück haben, dass etwas in dem eigenen Bereich frei wird." Doch auch hier bleibt sie ihrem Forschungsgrundsatz treu, den Möglichkeitsraum offen zu halten.
Service: UNESCO Chair in Futures Capability for Innovation and Entrepreneurship
(Diese Meldung ist Teil einer Serie von Interviews mit Nachwuchsforscherinnen anlässlich des Internationalen Tages der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Alle Artikel im Überblick: https://science.apa.at/feature/nachgefragt-nachwuchsforscherinnen-im-gespraech/ )