Politologin: "Es braucht mehr politische Kommunikation auf Niveau"
Auftritte wie jene von US-Präsident Donald Trump beim World Economic Forum in Davos sind für die deutsche Wissenschafterin Astrid Séville, die sich mit politischer Sprache beschäftigt, ein Forschungsschmaus: "Mit Trump ist klar geworden, dass wirklich alles politisierbar ist." Die Möglichkeiten der Versachlichung dürften nicht überschätzt werden. Die Rhetorik des Populismus sei geprägt von Dramatisierung und Brutalisierung, der "Sound der Macht" habe sich deutlich verschoben.
Bereits in ihrem 2018 erschienenen gleichnamigen Buch präsentierte die Politikwissenschafterin, vor allem in Bezug auf Deutschland, ihre Analyse zur Sprache der Politikerinnen und Politiker. Die Zeiten der Eurozonenkrise, Finanz- und Schuldenkrise seien geprägt gewesen von einer Rhetorik der Rationalität und Beruhigung - "fast schon eine Einschläferung" der Bürgerinnen und Bürger. Man habe sich auf die schon damals auch kritisierte "Alternativlosigkeit durch die Sachzwänge" berufen.
Heute, gerade auch mit Blick auf die US-Politik, zeige sich hingegen eine Brutalisierung und Emotionalisierung der Sprache, wie man sie vom rechtsautoritären Lager her kenne und die sich z.B. in der Trump'schen "neuen Beschwörung einer protektionistischen Wirtschaftspolitik aus einem fast schon imperialautoritären Gestus heraus" manifestiere, so Séville bei einem Wien-Aufenthalt im Gespräch mit der APA. Die Professorin der Leuphana Universität Lüneburg und dortige Leiterin des Zentrums für Demokratieforschung spricht am Freitagnachmittag, im Vorfeld des elften Wissenschaftsballs, zum Thema "Kitsch und Krise. Wissenschaftskommunikation in der Gegenwart" an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Große Debatte zur Alternative der demokratischen Mitte
Abseits von der Rhetorik der Ränder stellt sich für Séville die zentrale Frage, welche kommunikativen Möglichkeiten eigentlich die liberale demokratische pluralismus-orientierte Mitte hat und wie eine antipopulistische, demokratische Mobilisierung aussehen könnte. "Hier gibt es eine große Debatte. Wenn man in die Geschichte der europäischen liberalen Demokratie guckt, dann ist eines ihrer Versprechen in ihrer parlamentarischen, rechtsstaatlich verfassten Variante ein Versprechen der Versachlichung - also, dass wir sachlich miteinander Argumente austauschen." Und hier kommt eng verknüpft auch die Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation ins Spiel.
Doch eine rein rationale Beilegung von allen Konflikten sieht Séville kritisch. Auch jene Appelle, die stets auf mehr Wissenschaftskommunikation setzen, sieht sie nicht als hilfreich. "Ein Science Slam ist nichts anderes als Unterhaltung mit ein bisschen Bildungsanspruch." Damit könne man kaum gesellschaftliche, ideologische oder politische Konflikte lösen. Man solle die Erwartungen an die Wissenschaftskommunikation nicht übertreiben: "Zum Teil ist das der sehr naive Versuch einer neuen Aufklärung für eine als aufgeklärt geltende Gesellschaft, die aber eigentlich gerade versucht, sich dessen eher zu entledigen", so Sévilles provokante These.
Wissenschaftskommunikation lebensnäher gestalten
Gerade vor diesem Hintergrund sei es wichtig, Wissenschaftskommunikation viel lebens- und alltagsnäher zu gestalten: Also anstelle für das "Theaterpublikum der Wissenschaft" und damit ohnehin schon Interessierte mehr zu machen, solle man vielmehr hinauszugehen - mit Schülern, mit Auszubildenden oder weniger wissenschaftsaffinen Menschen - und in einer Autowerkstatt im Gespräch zeigen, was hier für wissenschaftliche Errungenschaften verborgen liegen: "Wir machen mal die Motorhaube auf und gucken, was da drin' steckt. Was ist ein Kälteschutzmittel? Was hat das mit dem Klimawandel zu tun? Oder was passiert beim Haarefärben im Friseursalon und welche Chemie steckt dahinter? Oder wie sieht eine Inventur im Supermarkt aus und was haben Lieferketten mit Demokratie zu tun? Da kann man so viele Formate machen, davon bräuchte es mehr."
Doch wie kann nun Politik und Wissenschaft angesichts der großen Herausforderungen wie Krisen gedacht werden? Auch Séville teilt die vielfach geäußerte Kritik, Politik berufe sich oft genug nur auf die Wissenschaft als Feigenblatt. Gleichzeitig brauche es in der Gesellschaft ein klares Bewusstsein dafür, "dass politische Sätze oder Entscheidungen andere sind als wissenschaftliche", also dafür, was Wissenschaft beitragen kann und was die Verantwortung der Politik ist.
Bürgern mehr direkte Ansprache schenken
Doch auch angesichts des Trends zur Emotionalisierung der Politik und den Herausforderungen, Bürger und Bürgerinnen auch tatsächlich zu erreichen, ist für die Wissenschafterin auch etwas anderes wichtig: "Das mag etwas banal klingen, aber ich denke, Politikerinnen und Politiker können den Bürgerinnen und Bürgern mehr direkte Ansprache schenken und sich - abseits von Pressekonferenzen mit ihren oft schon sehr gegen Kritik immunisierten, abgesicherten Sätzen - tatsächlich einmal hinstellen, eine gute Rede halten und die Dinge auch wirklich erklären." Als Beispiel nennt sie die Instagram-Posts und YouTube-Videos des früheren deutschen Vizekanzlers und Wirtschaftsministers Robert Habeck.
"Es gibt ein großes Bedürfnis, mal ernst genommen zu werden, und in der Adressierung der Bürger liegt aber ein Mangel. Es braucht mehr politische Kommunikation auf Niveau - das ist ein harter Satz, aber ich finde, dass Wählerinnen und Wähler, Bürgerinnen und Bürger normativ politisch unterfordert werden", so Séville.
Zu guter Letzt könne es helfen, sich politischer Floskeln zu entledigen: "Die tragen nämlich nur zu einer Abstumpfung bei." Sätze wie "Europa muss erwachsen werden" oder "Trump und Putin glauben nicht an die Stärke des Rechts, sondern an das Recht des Stärkeren" - oder eben "Wir müssen besser kommunizieren" - hätten natürlich einen wahren Kern, aber brächten eben keinen Erkenntnisgewinn, so die Forscherin. In ihrem nächsten Buch begibt sie sich auf ein ganz anderes Terrain. As Co-Herausgeberin von "Semantiken des Verzichts" (erscheint am 27. März im Transcript Verlag) geht sie der gerade auch in der Klimawandel-Debatte oft geforderten Notwendigkeit des Sparens bei Konsum und Produktion nach, begrifflich, programmatisch, aus verschiedensten Fachrichtungen - "auch wenn das Thema gerade gefühlt schon wieder ganz weit weg ist".
Service: Ballvorlesung im Vorfeld des 11. Wissenschaftsballs: "Kitsch und Krise. Wissenschaftskommunikation in der Gegenwart" am Freitag, 23.1. um 16.00 Uhr Österreichische Akademie der Wissenschaften, Festsaal, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien, Anmeldung: https://www.wissenschaftsball.at/vienna-lecture-26/