"Unglücksfälle in der Familie motivieren meine Krebsforschung"
Mit vierzehn Jahren hat Daria Kholodniuk Krebs den Kampf angesagt. "Damals traf er leider meine Familie", erklärt sie gegenüber APA Science: "Ich verlor meine Tante, sie starb an einer sehr aggressiven Krebsart." Nach dem Besuch eines Gymnasiums mit medizinischem Schwerpunkt studierte sie Genetik und Biotechnologie an der Universität Tartu in Estland. "Ich habe beschlossen, nicht Ärztin, sondern Wissenschafterin zu werden, um dem Problem wirklich auf den Grund zu gehen", sagt sie.
Nun erforscht die Biologin an der Medizinischen Universität Wien, wie bestimmte Bindegewebezellen, sogenannte Fibroblasten, Krebs in seiner Entstehung und dem Fortschreiten unterstützen, und was man medizinisch dagegen tun könnte. "Wir haben im Labor von Beate Lichtenberger kürzlich herausgefunden, dass es drei Untergruppen von Krebs-assoziierten Fibroblasten (englisch: Cancer associated Fibroblasts - CAFs; Anm.) gibt", berichtet sie: "Eine davon beeinflusst Zellen des Immunsystems, und das sehe ich mir bei Melanomen genauer an."
Die Welt und Krebsbehandlungen verbessern
"Vielleicht finde ich dabei neue Angriffspunkte gegen die Tumorzellen, um etwa Immuntherapien gegen Melanome zu verbessern", erklärt die 25-jährige Forscherin: "Es wäre wirklich ein Traum für mich, wenn ich irgendwie einen Beitrag zur Krebsbehandlung leisten kann." Ihre persönliche Motivation dazu sind Unglücksfälle in der Familie. "Ich habe schon einige Verwandte durch diese verheerende Krankheit verloren."
An der Wissenschaft gefällt ihr, dass frau damit die Möglichkeit bekommt, die Welt positiv zu beeinflussen. "Allerdings auf etwas unvorhersehbare Art", sagt sie: "Manchmal funktionieren Experimente überhaupt nicht, oder man lernt davon etwas vollkommen Unerwartetes." "Neulingen" in der Forschung rät sie deshalb: "Seid auf Misserfolge vorbereitet. Das ist nichts, wovor man Angst haben sollte, sondern einfach die Realität." Keinesfalls dürfe man sich davon entmutigen oder verunsichern lassen. "Ich glaube sogar, dass genau dies den Menschen zu sehr guten Ergebnissen verhilft", erklärt Kholodniuk. Als Forscherin und Forscher müsse man demnach "wirklich hartnäckig sein, aufgeschlossen und kreativ".
Komplexe Mechanismen aufklären
Speziell in ihrem Forschungsfeld findet sie es faszinierend, wie die Mechanismen, die sie untersucht, immer komplexer erscheinen, je tiefer sie in die Materie eindringt. "Es ist im Grunde wie das Lösen eines Puzzles", sagt die Biologin: "Und ich bin sehr neugierig darauf, was ich aufdecken kann."
"Junge Frauen sind in der Forschung sehr aktiv", berichtet Kholodniuk: "Aber es ist schon ein bisschen anders, ein Mädchen, eine Dame und eine Frau in der Wissenschaft zu sein, als ein Mann. Denn irgendwann müssen wir mal eine Auszeit nehmen, wenn wir Kinder bekommen und betreuen wollen." Das wirke sich natürlich auf Arbeit, Forschung und Karriere aus. "Aber ich denke, im Allgemeinen gleichen wir Frauen dies mit ein bisschen extra Motivation aus." Und organisieren etwa quasi nebenher in der Young Scientist Association (YSA) der Meduni wissenschaftliche Vorträge und Symposien, um junge Wissenschafterinnen und Wissenschafter zu fördern. Dort stellt Kholodniuk derzeit die Präsidentin: "Und unser Board ist aktuell, wahrscheinlich rein zufällig, nur mit Frauen besetzt."
(Diese Meldung ist Teil einer Serie von Interviews mit Nachwuchsforscherinnen anlässlich des Internationalen Tages der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Alle Artikel im Überblick: https://science.apa.at/feature/nachgefragt-nachwuchsforscherinnen-im-gespraech/ )