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100 Jahre Einsatz für Wiens Familien

19.04.2017

Am 27. April des Jahres 1917 beschloss der Wiener Gemeinderat einen großzügigen Ausbau der städtischen Jugendfürsorge. Im Vordergrund standen Maßnahmen gegen die hohe Säuglingssterblichkeit und bessere soziale und gesundheitliche Rahmenbedingungen für die Wiener Kinder.

„100 Jahre später kann die heutige ‚MAG ELF – Amt für Jugend und Familie‘ auf eine Geschichte zurückblicken, die in vielen Bereichen wichtige Verbesserungen für die Wiener Familien und Kinder gebracht hat, aber auch auf Zeiten, in denen es Rückschritte gegeben hat“, betonte heute Wiens Jugendstadtrat Jürgen Czernohorszky im Rahmen der Festveranstaltung „100 Jahre Jugendamt“ im Festsaal des Wiener Rathauses.

Bis 1919 stieg die Zahl der „befürsorgten“ Familien von 7.400 auf 16.400. Zu den zentralen Aufgaben zählte unter anderem die Fürsorge für die Mündel des Amtes, die Überwachung der Ziehkinder (der städtischen Pflegekinder) und jener Jugendlichen, für die das Jugendgericht die Erziehungsaufsicht übertragen hatte, sowie die rasche Interventionen bei Verdacht auf Kindesmisshandlung. Die Hilfe bestand allerdings besonders bei ledigen Müttern vielfach aus Bevormundung und Kontrolle, der Begriff der "Verwahrlosung" kam zum Tragen, sobald eine Familie nicht bürgerlichen Idealen entsprach.

Fürsorge als „gesellschaftliche Verantwortung“

1920 wurde der der renommierte Arzt Prof. Julius Tandler Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen: Er entwickelte ein Fürsorgesystem, in dem die Stadtverwaltung bewusst und zielgerichtet gesellschaftliche Verantwortung übernahm, die bisher nur der bürgerlichen oder kirchlichen Wohlfahrt überlassen war. Er erkannte den Kindergarten als wichtige Ergänzung zur Familienerziehung. So sollten vor allem Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen vom Kindergarten profitieren und dem von Armut geprägten Milieu entfliehen. Auch die Erziehungsmethoden entsprachen den damals modernsten pädagogischen Erkenntnissen: Kinder sollten sich durch freie Betätigung entfalten können. Die Förderung von sozialen Kompetenzen wurde als wesentlich erachtet.

1927 wurde das erste Wäschepaket für alle neugeborenen Kinder eingeführt, das bei einem Hausbesuchen der Fürsorgerinnen an Eltern übergeben wurde: „Kein Wiener Kind darf auf Zeitungspapier geboren werden”, lautete der Slogan dazu. Im selben Jahr wurde im Schloss Wilhelminenberg das Kinderheim der Stadt Wien eröffnet. Hier sollte den ärmsten Kindern Wiens wenigstens der Grundstein für die Aussicht auf eine bessere Zukunft gelegt werden. Bei einer „ungünstigen Erziehungssituation“ wurde in den 20er Jahren sehr schnell zum Mittel der Kindesabnahme, gegriffen. 1925 wurden über 6.000 Kinder ihren Eltern abgenommen.

Rückschritte und Neubeginn

In den Jahren 1934 bis 1945 stagnierte jegliche Entwicklung im sozialen Bereich. Die Wohlfahrt wurde wieder verstärkt der privaten Vereinstätigkeit überlassen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Fürsorgerinnen, Volkspflegerinnen genannt, zum Kontroll- und Vollzugsorgan des Staates. Kinder wurden in Heimen wie Gefangene gehalten, misshandelt und gequält. Die 2010 beauftragten und 2013 veröffentlichten Studien geben Zeugnis über die unwürdigen Bedingungen, die Kinder im Rahmen der Fürsorge erfahren mussten.

Nach Kriegsende wurde das Jugendamt unter neuer Leitung zur „Magistratsabteilung X/2 – Jugendfürsorge“ und ab 1.März 1946 die „Magistratsabteilung 11 – Jugendamt.“ Zwei von drei Schulkindern waren damals unterernährt. Fürsorgerinnen wurden in diversen Hilfsaktionen eingesetzt und verteilten in den Mutterberatungsstellen Lebensmittelspenden und Bekleidung. Viele unterhaltspflichtige Väter waren gefallen oder galten als vermisst, was die Sicherung von Unterhaltsansprüchen erschwerte oder verunmöglichte. Ab 1948 wurden zunächst an bedürftige, ab 1949 wieder an alle Säuglinge Wäschepakete verteilt.

Waren 1945 noch 929 Kinder wegen wirtschaftlicher Not in „Gemeindeerziehung“ gekommen, so waren es 1952, nach Einsetzen deswirtschaftlichen Aufschwungs, nur mehr sechs Kinder. Gleichzeitig stiegen die Unterbringungen wegen Erziehungsschwierigkeiten im selben Zeitraum auf über 3.000 an.

Hilfen bei der Lösung psychosozialer Probleme traten in den Vordergrund. Im Zuge der 1968er-Bewegung kam es zu dynamischen Wandlungsprozessen des Jugendamtes im Spannungsverhältnis von „Hilfe und Kontrolle“. Maßnahmen und Hilfsangebote zielten nun immer mehr auf die Reduktion von Eingriffen ins Familienleben und steigendem Augenmerk auf die Bedürfnisse der Kinder. Große Kinderheime wurden reformiert und später geschlossen. Für Kinder, die dennoch nicht von ihren Eltern versorgt werden konnten, führte der Weg von den Schlafsälen der Großheime am Rande der Stadt hin zu sozialpädagogischen Wohngemeinschaften im vertrauten Wohnumfeld als Ausdruck eines individuellen Zugangs zeitgemäßer Pädagogik.

Aufarbeitung der Nachkriegszeit

Dennoch wirkten auch in der Nachkriegszeit Methoden und Entwicklungen aus der Zeit des Nationalsozialismus nach, die in mehreren Studien aufgebarbeitet wurden und auch zu umfassender Entschädigung der Opfer führten. Zentral war dabei die Aufarbeitung der Vorkommnisse im ehemaligen Kinderheim am Wilhelminenberg, die 2013 bestätigte, dass Kinder dort über Jahrzehnte massiver physischer, psychischer Gewalt und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Eine weitere Studie brachte zutage, dass auch Pflegekinder Gewalt und Missbrauch ausgesetzt waren. Die Stadt Wien hat für die Entschädigung der Opfer bis zum Jahr 2016 insgesamt 52,53 Mio Euro zur Verfügung gestellt. 2016 wurde auch eine Gedenktafel an der ehemaligen Kinderübernahmestelle im 9. Bezirk enthüllt.

„Schutz der Kinder“ im Mittelpunkt

Ein Blick in die heutige Jugendwohlfahrt zeigt, dass sich die Strukturen in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert haben: Heuten leben Kinder und Jugendliche in kleinen Wohneinheiten. Anstelle von Überwachung und Kontrolle steht die Zusammenarbeit mit Eltern und Kindern, die Beratung und psychologische Unterstützung sowie der „Schutz der Kinder“ im Mittelpunkt.

Die Veränderungen von der städtischen Jugendfürsorge zur „Wiener Kinder- und Jugendhilfe“ wurden auch im Namen sichtbar gemacht. „Die Stärkung der Kinderrechte, die Beteiligung der Kinder und Eltern bei der Planung und Umsetzung von Erziehungshilfen und größtmögliche Transparenz sind aktuelle Leitlinien im Kinderschutz“, betont Abteilungsleiter Johannes Köhler.

Heute sorgen 1.600 gut ausgebildete, engagierte und multiprofessionelle MitarbeiterInnen nach dem Motto „Kinder schützen - Eltern unterstützen“ für ein gutes und sicheres Aufwachsen der Kinder in Wien.

Pressebilder zu dieser Aussendung sind in Kürze unter www.wien.gv.at/pressebilder abrufbar. (Schluss)

Rückfragehinweis:
   Michaela Zlamal
   Mediensprecherin StR Jürgen Czernohorszky
   +43 1 4000 81446
   michaela.zlamal@wien.gv.at
   
   Herta Staffa
   Öffentlichkeitsarbeiterin MA 11 – Amt für Jugend und Familie
   +43 1 4000 90614
   herta.staffa@wien.gv.at

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/174/aom

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