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Homeschooling auf dem Hügel: Kompliziertes Lernen in Indonesien

11.08.2020

Mit Masken und Plastikvisieren kauern Aldina und drei ihrer Freundinnen in Bogor in der Nähe der indonesischen Hauptstadt Jakarta über Schulbüchern. Die Mädchen sitzen unter freiem Himmel im Schneidersitz an einem Fluss. In der Mitte liegt ein einzelnes Smartphone.

Die Abdeckung mit Wifi und Mobilfunk ist in vielen Häusern der dicht besiedelten Gegend zu schwach, um das Online-Material für den Unterricht zuhause zu sichten. Wegen Corona sind auch im weltgrößten Inselstaat seit Monaten die Schulen geschlossen. Indonesien ist schwer von der Pandemie betroffen. Es ist weiter unklar, wann der Betrieb wieder aufgenommen wird.

Homeschooling ist selbst in größeren Städten wie Bogor auf der Hauptinsel Java kompliziert. Um Empfang zu haben, müssen die Kinder manchmal lange nach einem geeigneten Ort suchen - wie hier am seichten Ciliwung-Fluss. Tablets haben die wenigsten. Das Smartphone muss reichen, manchmal ein einziges für vier Kinder. Auf der Insel Sumatra ist es noch schlimmer. Dort müssen Schüler vielerorts kilometerweit laufen oder auf Hügel steigen, um ein Signal zu bekommen.

"Für uns ist es wirklich nicht leicht, online zu lernen", sagt die achtjährige Aldina. Und der schlechte Empfang sei nicht das einzige Problem, erzählt ihre Mutter Nur Aida (42). "Das Prepaid-Handy ständig aufzuladen ist auch eine große Belastung für uns. Dafür haben wir nicht immer Geld." Häufig müssen die Eltern die Hauptlast des Homeschoolings tragen. Kürzlich berichteten Medien über einen 42-Jährigen, der in West-Java beim Diebstahl eines Mobiltelefons erwischt wurde. Seine Verteidigung: Er habe sich gezwungen gesehen, das Gerät zu stehlen, um die Ausbildung seines Kindes zu sichern.

Bildungsminister Nadiem Makarim betont, er sei sich der Schwierigkeiten bewusst. "Die Situation ist eine Herausforderung für uns alle, und ich habe Mitgefühl - sowohl für die Eltern als auch für die Schüler, die sich abrupt an dieses unterschiedliche Lernformat anpassen mussten." Es gebe aber nur zwei Möglichkeiten - "unter schlechten Bedingungen zu lernen oder überhaupt nicht".

Vereinfachte Version nötig

Betroffen sind Studien zufolge etwa 60 Millionen Kinder und Jugendliche, die sich auf zahlreiche Inseln verteilen. Das Bildungsministerium will bald einen neuen Lehrplan vorstellen, der an die veränderten Bedingungen angepasst ist. "Es handelt sich um eine dramatisch vereinfachte Version, die sich auf die Kernkompetenz konzentriert", so Minister Makarim.

Nur etwa 65 Prozent der 265 Millionen Menschen im bevölkerungsreichsten Land Südostasiens haben offiziellen Angaben zufolge überhaupt Zugang zum Internet. Allerdings hat sich die Situation dank der Einfuhr erschwinglicher chinesischer Smartphone-Modelle und günstigerer Datentarife verbessert. Internet per Glasfaser ist aber immer noch die Ausnahme. Auf dem Land müssen Lehrer bis zu 30 Kilometer weit reisen, um ihren Schülern persönlich den Unterrichtsstoff und die Hausaufgaben zu überbringen. "E-Learning" ist hier noch eine Zukunftsvision.

"Wenn die Probleme bis zur Wiedereröffnung der Schulen weiter bestehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Schüler unter weniger günstigen Umständen einen Lernverlust erleiden", so eine Studie des renommierten Smeru-Forschungsinstituts in Jakarta. "Die Ungleichheit zwischen Schülern mit unterschiedlichem sozioökonomischen Hintergrund wird ebenfalls noch größer werden."

Seit Beginn der Pandemie sind landesweit bereits etwa 130.000 Infektionen bestätigt worden. Annähernd 6.000 Menschen sind in Verbindung mit dem Virus gestorben. Obwohl kein Abflauen der Corona-Zahlen abzusehen ist, wünschen sich Umfragen zufolge die meisten Bürger eine baldige Öffnung der Schulen. Etwa 80 Prozent sprachen sich nach einer Erhebung der Meinungsforschungsfirma Cyrus Network für einen Wiederbeginn des Regelunterrichts aus.

Von Ahmad Pathoni und Carola Frentzen/dpa

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