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Wie stark sich Hochschulen für regionale Entwicklung einsetzen, hängt von vielen Faktoren ab. © Barbara Mair
Wie stark sich Hochschulen für regionale Entwicklung einsetzen, hängt von vielen Faktoren ab. © Barbara Mair

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Regional ist nicht banal

13.01.2020

An Hochschulen führt regionales Engagement, das nicht gewinnorientiert ist, oft ein Schattendasein. Gleichzeitig gewinnt nachhaltige Regionalentwicklung an Bedeutung. Wie aktuelle Untersuchungen zeigen, besteht noch viel Handlungsbedarf, damit Hochschulen in der Region zu einer treibenden Kraft werden.

"Bis auf wenige Ausnahmen geschieht regionales Engagement von Hochschulen im nicht-kommerziellen Bereich meist auf freiwilliger Basis und basiert auf großer Motivation und Überzeugung auf Seiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler", stellt Verena Radinger-Peer fest. Die Wissenschaftlerin ist Raumplanerin und Regionalforscherin an der Universität für Bodenkultur Wien. Die Anerkennung oder gar Institutionalisierung dieses Engagements findet nicht statt, wodurch es an Selbstverständlichkeit und Legitimation mangelt. Diese Kritik mag überraschen, pflegen viele Hochschulen zu Wirtschaft und Industrie durchaus enge Beziehungen. Indikatoren wie die Gründung von Spin-offs, die Zahl der Patentanmeldungen oder Umsatzzuwächse durch Forschung und Entwicklung bilden diese quantitativ ab. Im Zentrum dieser Art von regionaler Mission steht jedoch die kommerzielle Funktion von Hochschulen.

Ein neueres Verständnis von regionalem Engagement bezieht mitunter auch nachhaltige Regionalentwicklung und deren soziale und ökologische Dimension mit ein. Der Bereich nicht-kommerzieller regionaler Aktivitäten wurde nun von Radinger-Peer in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekt erstmals im Detail untersucht. Damit sind etwa Leistungen der Hochschule als Beraterin, Vermittlerin zwischen regionalen Stakeholdern oder als Expertin bei lokalen Strategieprozessen gemeint. Die Diskussion um die sogenannte "Third Mission", sprich: die Leistungen einer Hochschule für die Region und die Gesellschaft, die über Lehre und Forschung hinausgehen, ist in vollem Gange, und die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verstärkt den Druck. Ob und wie sich Hochschulen regionale Herausforderungen selbst zum Inhalt geben, zählen zu den zentralen Fragen, denen die Forscherin aktuell nachgeht.

Regionales Engagement ist langer Prozess

Nicht nur der Forschungsfokus auf nicht-kommerzielle regionale Aktivitäten ist neu, sondern auch die prozessorientierte Herangehensweise sowie der länderübergreifende Vergleich anhand von drei Fallstudien. Mit Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland und den Niederlanden untersucht Verena Radinger-Peer aktuell die Entwicklungen der vergangenen dreißig Jahre von je zwei Hochschulen in den Regionen Linz-Wels (Österreich), Westpfalz (Deutschland) und Twente (Niederlande). Indem sie den Prozess von der Gründung der Hochschule bis heute analysiert, wird vieles verstehbar: Wie entwickelt eine Hochschule ihre Rolle in der Region? Welche Faktoren beeinflussen regionales Engagement? Warum funktioniert es trotz ähnlicher Voraussetzungen mal besser, mal schlechter? Zu ihren Ergebnissen gelangt sie durch die Kombination mehrerer Methoden. Bisher wurden in Summe rund 73 Tiefen-, und 15 offen erkundende Interviews mit Personen von sechs Hochschulen durchgeführt sowie mit regionalen Akteuren - von Bürgermeistern bis zu NGO's -, die sich in der Regionalentwicklung engagieren.

Fokusgruppen sind für 2020 geplant. Darüber hinaus analysiert die Forschende alle relevanten Dokumente der vergangenen drei Jahrzehnte, worin sich Informationen über die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte der Hochschulen finden. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit gibt es viel Gemeinsames: Größe, Gründungszeitpunkt nach dem 2. Weltkrieg, ein vergleichbares Fächerspektrum, dass sie nicht die einzige Hochschule in der Region sind und mit Strukturwandel konfrontiert waren.

Eigennutz steht über Regionalentwicklung

"Ich wäre damit zurückhaltend, Hochschulen per se als Treiber eines Wandels oder sie als Change Agents für ihre Region zu bezeichnen. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die regionale Rolle von vielen Faktoren beeinflusst wird. Dabei sind nicht immer regionale Problemstellungen der Ausgangspunkt, sondern Hochschulen initiieren mitunter parallele regionale Entwicklungswege", betont die Forscherin und nennt als Beispiel Arbeitslosigkeit: Die in der Studie verglichenen Hochschulen bieten Arbeitsplätze an und ziehen Studierende sowie Betriebe in die Region. Allerdings bringen sie keinen neuen Lösungsweg hervor.

Häufig erschaffen Spin-off-Gründungen zwar neue Branchen, das erreiche aber oft die Menschen in der Region nicht. Jene, die von Langzeit- oder Jugendarbeitslosigkeit betroffen sind, profitieren kaum von diesen Aktivitäten. "Es hat sich daher gezeigt, dass Hochschulen vor allem innerhalb ihrer eigenen Interessen aktiv sind und sich dort engagieren, wo es ihnen etwas bringt", erklärt Radinger-Peer und ergänzt: "Regional wurde in den Interviews zudem mehrfach mit 'provinziell' assoziiert, was im Gegensatz zum Streben der Universitäten nach Internationalität steht." Davon sei die Regionalpolitik mitunter enttäuscht.

Wandel auf allen Ebenen nötig

Was sind daher nun mit Blick auf nicht-kommerziellen Wissenstransfer die zentralen Einflussfaktoren, damit eine Hochschule aktiv wird? Es deutet vieles auf ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen Einflussfaktoren hin. Obwohl auch internationale Diskurse oder einzelne Pioniere eine Rolle spielen, sind die Ebenen Umfeld, Organisation und Individuum wesentlich. Um sich in der nachhaltigen Regionalentwicklung als Akteur zu etablieren, müssten laut der Forscherin alle Ebenen zusammenwirken.

Derzeit gibt es in punkto regionales Engagement über alle Fallbeispiele und Regionen hinweg jedoch eine lange Mängelliste: Diese reicht von fehlenden Anreizen für die wissenschaftliche Karriere, über nicht existente Schwerpunkte bei Förderprogrammen, bis zu ungünstigen Werten und Normen in den Disziplinen und einer Hochschulgesetzgebung, wo spezifische Kernthemen und -aufgaben unterbleiben. Anreize wie zum Beispiel in einer Hochschule in Kaiserslautern sind selten. "Dort besteht die Möglichkeit, die Lehrstunden zu reduzieren, wenn man an einem regionalen Strategie-/Entwicklungsprozess mitwirkt", berichtet Radinger-Peer.

Aufwertung folgt der Verantwortung

Obwohl es heute oft den Anschein hat, dass Hochschulen per se in der Region engagiert sind - an der Johannes Kepler Universität Linz wurden etwa seit den 1990ern mehrere Institute gegründet, die sich gezielt dem Thema Umwelt und Nachhaltigkeit widmen -, heißt dies nicht, dass die Hochschule selbst die alleinige treibende Kraft dahinter ist. "Der Linzer Hochschulfonds, als österreichweites Unikum für das Engagement der Stadt Linz und des Landes OÖ, ebnete den Weg für das starke Agenda-Setting der Politik in Fragen der Universitätsentwicklung", erklärt die Forscherin.

In welche Richtung es in Sachen regionale Nachhaltigkeit gehen soll, geht häufig von politischen Akteurinnen und Akteuren aus, aber auch die internationale Forschungsgemeinschaft kann eine Rolle spielen. Fakt ist, dass die untersuchten Hochschulen in ihrer Region alle eher reaktiv tätig werden. Selbst für diesen Zweck eingerichtete Organisationseinheiten hätten laut Radinger-Peer oft zur Folge, "dass die Verantwortung für regionales Engagement dorthin abgegeben werde." Die "Third Mission" erfordert jedenfalls eine ganzheitliche Herangehensweise sowie ähnliche Ziel- und Wertvorstellungen auf beiden Seiten. Bis regionales Engagement an Hochschulen zur Selbstverständlichkeit wird, ist es noch ein weiter Weg. Erste Forschungsergebnisse holen es nun aber zumindest vom Schatten ins Licht der Aufmerksamkeit.

Zur Person

Verena Radinger-Peer ist mehrfach ausgezeichnete Regionalforscherin mit Fokus auf Regionalentwicklung am Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur Wien. Zur Kooperation von Hochschulen und Region forscht sie noch bis Mitte 2021 im Rahmen des Hertha-Firnberg-Programms des Wissenschaftsfonds FWF.

Publikationen

Radinger-Peer, Verena: What influences universities‘ regional engagement? A multi-stakeholder perspective applying a Q-methodological approach, in: Regional Studies, Regional Science, 6 (1), 170-185, 2019

Pflitsch, Gesa; Radinger-Peer, Verena: Developing Boundary-Spanning Capacity for Regional Sustainability Transitions – A Comparative Case Study of the Universities of Augsburg (Germany) and Linz (Austria), in: Sustainability, 10 (4), 918, 2018

Radinger-Peer, Verena; Pflitsch, Gesa: The role of higher education institutions in regional transition paths towards sustainability. The case of Linz (Austria), in: Review of Regional Research, 37 (2), 161-187, 2017

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