Kultur & Gesellschaft

Die Forscher Helge Mooshammer (l.) und Peter Mörtenböck © APA
Die Forscher Helge Mooshammer (l.) und Peter Mörtenböck © APA

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17. Architekturbiennale: "Das Leben wird zu einer Summe von Abos"

07.01.2020

"How will we live together?" Unter diesem Motto steht die 17. Architekturbiennale, die von 23. Mai bis zum 29. November in Venedig stattfindet. Den österreichischen Beitrag liefern nach der erstmaligen öffentlichen Ausschreibung die beiden Kuratoren Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer. Den Pavillon wollen sie dabei zur Plattform machen, um die Zukunft der Städte zu erforschen.

Der Titel "Platform Austria" hat für die beiden Forscher und Gründer des "Centre for Global Architecture" einen doppelten Hintergrund, wie sie im APA-Gespräch erläutern: "Einerseits widmen wir uns sowohl in unserer Forschung als auch im Pavillon selbst dem Thema Plattformurbanismus, andererseits wird der österreichische Standort in den Giardini selbst zur Plattform", so Helge Mooshammer, Stadt- und Kulturforscher an der TU Wien sowie Research Fellow am Goldsmiths College (University of London). Untersucht werden sollen die Implikationen der herrschenden "Plattformmentalität" auf künftige Stadtarchitektur. "Das ganze Leben wird zu einer Summe von Abos, ohne die ich auch am städtischen Alltag nicht mehr teilnehmen kann", erklärt Mooshammer. Dies reiche von AirBnB über Carsharing- und E-Roller-Dienste bis hin zu Co-Living-Spaces, wie sie derzeit etwa in Los Angeles, New York oder London entstehen. "Ich muss mich um nichts mehr kümmern. Alles kommt im Paket. Dadurch verlieren wir die Kontrolle über unser Leben in der Stadt." In dieselbe Kerbe schlägt auch der Begriff "City on Demand". "Durch die Plattformen bekommen wir ein Gefühl für eine Stadt, die unsere Bedürfnisse unmittelbar und spontan erfüllt."

"Wenn man sich fragt, ob uns mit dem Plattformurbanismus das Ende der Städte, wie wir sie kennen, bevorsteht, dann würden wir sagen: Ja!" In der "Platform Austria" geht es den beiden jedoch nicht um Schwarzmalerei, sondern um Lösungsansätze. "Vor 15 Jahren hatten wir noch ganz andere Zielvorstellungen", erklärt Mörtenböck, Professor für Visuelle Kultur an der TU Wien. "Damals herrschte die Theorie, dass wir uns als Teile einer Gesellschaft in Projekten wiederfinden. Wir haben von der projektiven Stadt gesprochen", erinnert er. Nunmehr stünden nicht Menschen im Zentrum von Projekten, sondern Plattformen im Zentrum von Menschen. "Die Leute docken sich als User an die Plattformen an." In dieser "quasi neutralen" Situation würden wir aber vergessen, "dass die Plattformen nicht neutral sind", sondern von großen Konzernen kontrolliert werden.

Was irritiert, wird ausgeschlossen

Problematisch sei dabei, dass durch Plattformen wie Facebook oder Instagram Räume geschaffen würden, "in denen alles ausgeschlossen werden kann, was irritiert. Das Wesen einer Plattform ist es, sich vom Rest abzuheben. Das heißt aber auch, dass andere Dinge zurückbleiben", so Mooshammer. Der Rest, das nennen die Forscher "Urban Fabric". "Dieses städtische Gewebe wird zerrissen, weil sich die partikulären Interessen in den Vordergrund stellen. Das klingt erst mal negativ. Die Stadt bricht auseinander, jeder ist in seinem Klub." Was dabei jedoch vergessen werde, sei etwa die enorme Logistik, die hinter den Plattformen steht, etwa jene Menschen, die über Nacht E-Roller einsammeln und aufladen oder der Transitverkehr inklusive Lagerhallen. "Dieses verbindende Element wird aber derzeit nicht erlebt, es ist unsichtbar. Es gibt gleichermaßen eine Unterwelt", so Mooshammer. Hier sehen die beiden die architektonische Herausforderung: Man müsste architektonische Strukturen entwickeln, "die es ermöglichen, einen geteilten Raum der Erfahrung herzustellen".

"Wir müssen uns völlig neue Architekturen vorstellen und die sollten nicht nur rein dekorativ entwickelt werden, sondern strukturell. Es brauche neue Repräsentationsstrukturen, die partikuläre Interessen (etwa von gemeinnützigen Vereinen, etc.) wieder aufgreifen. Man müsse wieder dazu zurückfinden, "mit bestimmten Figurationen neue Formen von Stadtvierteln zu entwickeln, die wieder etwas ausdrücken können", so Mörtenböck. Im Pavillon in Venedig will man unter dem Titel "We Like" nicht nur augenzwinkernd auf die Ästhetik der "sozialen Medien" verweisen, sondern positive Beispiele für gelungene Beiträge und Ideen sammeln.

In den 27 Wochen der Biennale werden über 70 Personen aus verschiedensten Bereichen - Architekten, Planer, Architekturjournalisten oder Wissenschafter - aus verschiedenen Altersgruppen und aus aller Welt jeweils einwöchige Residenzen absolvieren, in deren Rahmen sie aus dem Pavillon bloggen. Sie sollen nicht nur das Geschehen im Pavillon spiegeln, sondern ihre Standpunkte zum Thema Plattformurbanismus artikulieren. Gemeinsam mit den Veranstaltungen, den mit "WeLike" gesammelten Eindrücken und einer Ausstellung von "analytischen Zeichnungen" von sonst im Verborgenen bleibenden Organisationsstrukturen, die "open source" zur Verfügung gestellt werden. Am Ende hofft man, das Biennale-Thema aus vielen Perspektiven beantworten zu können: "How will we live together?"

Service: Biennale Archittetura 2020: 17. Internationale Architekturausstellung, 23. Mai bis 29. November. Kommende Informationsveranstaltungen in Österreich: 16. Jänner im Architektur Haus Kärnten, 4. März im Haus der Architektur Graz, 1. April im afo architekturforum oberösterreich. Infos unter www.platform-austria.org

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