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1914/2014 - Italien setzte im Krieg auf "sacro egoismo"

03.06.2014

Als die Schüsse von Sarajevo im Sommer 1914 die verhängnisvolle Bündnisautomatik zwischen den europäischen Großmächten auslösten, die zur "Urkatastrophe" des Ersten Weltkriegs führte, hielt Italien sich vorerst abseits. Zwar hatte sich das erst 20 Jahre vorher entstandene Königreich 1882 den beiden Mittelmächten Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich im sogenannten Dreibund angeschlossen.

Doch das Verhältnis zu Wien war von Anfang an durch die Ansprüche Italiens auf die "Irredenta-Gebiete" Trient und Triest (die "unerlösten" Gebiete, Anm.) mit ihrer mehrheitlich italienischsprachigen Bevölkerung belastet. Die Donaumonarchie wurde immer noch als Besatzer im eigenen Land gesehen.

Am 3. August 1914 erklärte sich Rom für neutral. Wenige Tage zuvor, am 28. Juli, hatte Österreich-Ungarn mit der "Blankovollmacht" des Deutschen Reiches im Rücken Serbien den Krieg erklärt. Als Antwort erfolgte die Generalmobilmachung Russlands, auf die Wien mit der eigenen Generalmobilmachung reagierte. Am 1. August schloss sich Deutschland an, das Frankreich am 3. August 1914 den Krieg erklärte und ins neutrale Belgien einfiel. Damit war der Flächenbrand gezündet, der Europa mehr als vier Jahre lang verheeren und Millionen Menschenleben fordern sollte.

Kein Bündnisfall gegeben

Italien rechtfertigte sein Abseitsstehen zu Kriegsbeginn zunächst mit dem "sacro egoismo". Offiziell begründete es seine Neutralität damit, dass es nicht rechtzeitig über das österreichische Ultimatum an Serbien informiert wurde. Der Bündnisfall sei daher nicht gegeben. Als Preis für einen Kriegseintritt aufseiten der Mittelmächte versuchte Rom, Wien zunächst Gebietsabtretungen abzuringen.

Österreich-Ungarn war allerdings nur bereit, Italien das italienischsprachige Welschtirol gegen das Versprechen "wohlwollender Neutralität" bis zum Kriegsende und "voller Handlungsfreiheit" für Österreich am Balkan zu überlassen. Damit gab sich Rom nicht zufrieden. Der italienische Außenminister Sidney Sonnino verlangte zusätzlich die Abtretung ganz Südtirols bis zum Brenner, Grenzberichtigungen im Isonzo-Tal mit Einbezug von Görz. Außerdem sollte Triest, der wichtigste Handelshafen Österreichs, samt Hinterland zum Freistaat erklärt werden. Schließlich sollte die österreichische Adriaküste an Italien fallen.

Anschluss Italiens an Entente

Da Wien zunächst nicht auf diese weitgehenden Forderungen eingehen wollte, beschloss Italien noch während der Verhandlungen mit Österreich, sich der Entente (Frankreich, England und Russland) anzuschließen, die es schon seit Kriegsbeginn umworben hatte. Im Geheimvertrag von London vom 26. April 1915 verpflichtete sich Italien, auf der Seite der Entente in den Krieg einzutreten. Im Gegenzug war ihm die Erfüllung aller seiner Gebietswünsche in Europa und eine Aufteilung der Türkei zu "gleichen Teilen" zugesagt worden.

Auch das Drängen Deutschlands, Österreich zur Annahme der italienischen Forderungen zu bewegen, konnte die Kündigung des Dreibundes durch Rom am 4. Mai nicht mehr verhindern. Am 23. Mai erklärte das Königreich Italien Österreich-Ungarn den Krieg. Zwar war Italien nur ein Nebenkriegsschauplatz im Ersten Weltkrieg. Das k. u. k. Heer, das durch die hohen Verluste an der Ostfront in Galizien und den Karpaten bereits stark geschwächt war, wurde damit jedoch gezwungen, eine neue Südfront von den Dolomiten bis zum Isonzo zu eröffnen. So trug der Beschluss Italiens, an der Seite der Ententemächte in den Krieg einzutreten, entscheidend zum Zusammenbruch des habsburgischen Vielvölkerstaates bei.

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