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1914/2014 - Kärnten: Die Frontstadt Kötschach-Mauthen

18.03.2014

Die Kärntner Gemeinde Kötschach-Mauthen war aus österreichischer Sicht einer der Brennpunkte des Ersten Weltkriegs. Sie liegt an der Nordseite des Plöckenpasses, über den die Italiener nach ihrer Kriegserklärung 1915 in Österreich einmarschieren wollten. Mit einer List schreckte die überrumpelte Armee die Italiener damals ab. Es folgte ein Gebirgskrieg samt Artilleriebeschuss im Tal.

Der Karnische Kamm, wo noch heute die Grenze zu Italien verläuft, war damals die Frontlinie. "Wer den Berg beherrscht, beherrscht das Tal, hat es früher geheißen", sagt Karin Schmid vom Museum Kötschach-Mauthen. 2.000 Soldaten der Doppelmonarchie standen den Truppen des Königreichs Italien gegenüber. Doch zur Jahreswende 1915/16 war die Natur der härtere Gegner. Der Winter war ähnlich streng wie der heurige "Jahrhundertwinter", als das Tal von der Außenwelt abgeschnitten war. Nur im März 1916 starben 350 österreichische Soldaten durch Lawinen, 44 Soldaten fielen im Kampf.

Dass damals überhaupt noch im Gebirge gekämpft wurde, war auch einer List zu verdanken. Die Kriegserklärung Italiens am 23. Mai 1915 hatte Österreich-Ungarn nämlich überrumpelt. Die steirische Schützentruppe im Gailtal - dem Landsturmbataillon 10 - konnte die Italiener von einem Einmarsch abhalten, indem sie durch inszenierte Aufmärsche größere Truppenstärke simulierte.

Täuschungsmanöver

Die Schützen trafen jeden Tag von Hermagor aus in Kötschach-Mauthen ein, um in der Nacht über den Gailberg und das Drautal wieder zu verschwinden und am nächsten Tag als vermeintlich neue Truppe durch das Gailtal in Kötschach anzukommen. Das Täuschungsmanöver gelang, weil der Feind nur einen bestimmten Bereich um Kötschach einsehen konnte. Erst Ende Mai traf dann die reguläre k. u. k. Armee in dem Gebiet ein.

Nach der italienischen Kriegerklärung wurde die Gailtalbahn bis nach Kötschach ausgebaut. 6.000 russische und serbische Kriegsgefangene bauten die gut 23 Kilometer Gleisstrecke in drei Monaten. "Das war ein Gewaltakt", sagt Schmid. Der erste Zug fuhr am 14. Dezember 1915. Bis dahin musste der Nachschub für die Truppen an der Front - Waffen, Munition, Verpflegung - mit einer Seilbahn über den Gailberg aus dem Drautal herangeschafft werden.

Nun fuhr auch nach Kötschach eine Bahn, auch wenn die meisten Transporte nur bis Dellach gingen. Der Nachbarort war nämlich von den italienischen Stellungen anders als Kötschach nicht zu sehen. "Bis Kötschach fuhr die Bahn nur in der Nacht - und das ohne Licht. Die Italiener hätten den Zug bombardiert." Vom Tal wurden Verpflegung inklusive Wasser, Waffen und Munition mit Seilbahnen, Maultieren oder Menschenkraft auf den Berg gebracht.

Sechs Schuss pro Minute

Im Tal und vom Tal aus gab es massiven Artilleriebeschuss. Ein paar Tage war eine 42-Zentimeter Haubitze in der Nähe von Kötschach stationiert. Mit dem 110 Tonnen schweren Geschütz wurden die italienischen Ortschaften beschossen. Vier bis sechs Schuss pro Minute konnte das Kriegsmonstrum abfeuern, die Granaten waren 700 bis 900 Kilogramm schwer und flogen über 15 Kilometer weit.

Die Italiener antworteten auf die Waffe mit verstärktem Artilleriefeuer. Die Schule im Ort wurde nachhaltig zerstört, an einen Wiederaufbau war auch später nicht zu denken. Das Postamt wurde getroffen. Postfräulein Anna Glantschnig überlebte. Die junge Frau hatte schon zu Beginn des Kriegs mit Italien gute Dienste geleistet. Als sie am Telegraph das Codewort "Schwarzer Fall" hörte, alarmierte sie den Abschnittkommandanten. Dieser wusste dann, dass die Italiener anrückten. Glantschnig bekam "in Anerkennung tapferen Verhaltens und vorzüglicher Dienstleistung vor dem Feinde" das "Silberne Verdienstkreuz mit der Krone am Band" verliehen - für eine Frau eine ganz außergewöhnliche Ehre, wie die Kustodin erklärt.

Die Grenze am Karnischen Kamm wurde den ganzen Krieg über gehalten. Im Sommer 1917 verschob sich dann die Front nach Süden. Die deutsch-österreichischen Truppen waren mit einem Gasangriff in drei Wochen bis an den oberitalienischen Fluss Piave vorgerückt. Kötschach-Mauthen war damit kein unmittelbares Kriegsgebiet mehr.

Kirchturm mit Granaten-Mal

Der Kirchturm von Kötschach trägt bis heute ein Mal des Artilleriebeschusses. Auf halber Höhe des Turms ist in eine Kante eine Nische eingelassen. Darin steht eine Granate. Neben ihr sind die Daten der Bombardements angeschrieben, die den Kirchturm beschädigt haben. 3. September 16 - 3. Oktober 16 - 25. November 16."Es gibt nichts Schlimmeres als einen Gebirgskrieg", sagt Museumskustodin Karin Schmid. Während sie erzählt und Fotografien vorlegt, lässt sie die Asche ihrer Zigarette in einen aus Originalmaterialien gefertigten Aschenbecher fallen. Ein Stück eines Artillerierohres bildet den Rand, in der Mitte ist eine kleine Granate platziert, zum Ausdrücken.

Das "Museum 1915-18" in Kötschach-Mauthen wird vom Verein "Dolomitenfreunde" geführt. Es hat den Anspruch, den Krieg an der Gebirgsfront aus Sicht der Soldaten zu zeigen. Und das Bild, das gezeichnet wird, lässt wahrlich erschaudern. Die Kustodin führt durch "ihre" Ausstellung und erzählt, wie es war, damals. "Kavernen" - in den Fels getriebene Höhlen, in denen die Soldaten in Dunkelheit, geplagt von Hunger, Kälte, Feuchtigkeit und Flöhen mehr überlebten als lebten - sind nachgebaut. Unzählige rostige Fundstücke zeigen, was geblieben ist vom Krieg: Kämme, Rasiermesser, Taschenuhren, zerbrochene "Odol"-Fläschchen - und ganz viel Kriegsgerät.

Unmenschliche Fallen

Das Niemandsland zwischen den Linien war mit Stacheldraht und Fallen weitgehend unpassierbar gemacht. Ein "Schlageisen" (gebräuchlicher: Tellereisen, Anm.) liegt aufgespannt in einer Vitrine des Museums. Dazu ein Auszug aus dem Kriegstagebuch eines Landsturm-Ingenieurs: "Von dem Schlageisen, das beim Drauftreten losschlug, führte ein dünnes Drahtseil bis in unsere Stellung und war dort verankert. Wenn sich jemand in dem verblendeten Schlageisen fing, wurde er an dem Drahtseil in unsere Stellung gezogen. Mit welchen Martern dies für den Unglücklichen verbunden war, kann man sich denken." Für die Jagd waren Fallen dieser Art damals schon verboten - sie seien nämlich Tierquälerei.

Wie sich der Alltag in den Stellungen für die Soldaten anfühlte, macht die Post an Zuhause deutlich. "Heini" erklärt seinen Eltern in einem Brief, "was Pech und Schicksal ist": Er habe Feldwebel Schnabel und Waffenmeister Breme getroffen. "Ich spreche einige Worte mit ihnen. Dann gehen sie weiter und ich sehe ihnen nach. Auf einmal das bekannte, fast unhörbare Sausen einer Mine, ein furchtbarer Krach, eine undurchsichtige Rauchwolke (...). Feldwebel Schnabl liegt bewusstlos da, beide Beine vom Oberschenkel ab, eine tiefe Brustwunde." Schnabl stirbt wenige Sekunden später, Bremes zerfetzter Leichnam wird 100 Meter bergabwärts gefunden. "Vom Kopf ist nicht viel übrig und selbst der beste Freund würde ihn nicht erkannt haben. (...) Und solche Bilder vergisst die Seele nicht so leicht. Sie bleiben für's Leben."

Ein anderer Soldat schreibt: "Eine mörderische Hitze, die herumliegenden Leichen verbreiten einen bestialischen Gestank." Der nächste Frontkämpfer berichtet vom Regenwasser, das in die Kaverne eindringt: "Überall stürzten kleine Bäche auf unsere Köpfe, wir sitzen einige Zentimeter im Dreck und so verbringen wir den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag." Wieder einer freut sich, dass es am Abend Gulasch geben werde: "Bekommen heute Zubuße bei der Küche, der Italiener hat uns ein Maultier mit einer Granate erschlagen."

Gipfel gesprengt

Eine Taktik zur Vernichtung möglichst vieler Feinde war es, einen besetzten Gipfel wegzusprengen. Schmid erzählt vom Col di Lana. Die Kaiserjäger am Gipfel hörten über Tage das Bohren unter sich. Sie schrieben an die Vorgesetzten, dass eine Minensprengung bevorstehe. Zurück kam ein letztlich tödlicher Befehl: "Der Berg wird gehalten."

Schmid berichtet auch über die "Kriegszitterer". Vielen Soldaten setzte das Trommelfeuer an der Front so zu, dass sie nicht mehr aufhören konnten zu zittern. Sie galten zunächst als feige Kriegsverweigerer und wurden mit Elektroschocks behandelt. Später erst hat man eingesehen, dass es die psychische Belastung war, die die Männer fortwährend zittern ließ.

Die Versorgung der Soldaten am Berg war schwierig. Ein Soldat benötigte neun Träger, um mit Wasser, Lebensmitteln und militärischem Nachschub eingedeckt zu werden. Dass der Bedarf nicht optimal gedeckt wurde, zeigt folgende Zahl: Das Durchschnittsgewicht der Frontsoldaten lag bei 48 bis 52 Kilogramm.

Der Verein "Dolomitenfreunde" unterhält nicht nur das Museum 1915-18, sondern hat auch am Berg zahlreiche der Stellungen und Wege mit der Unterstützung von Freiwilligen wieder hergerichtet. Heute bilden die Wege den Karnischen Höhenweg, der vom Osttiroler Sillian bzw. Südtiroler Sexten bis nach Arnoldstein in Kärnten führt. Der Karnische Höhenweg ist ein Teilstück der "Friedenswege", alles wieder instand gesetzte Frontwege zwischen Ortler und Isonzo.

Im heurigen Gedenkjahr wird das Museum in Kötschach dem Jahr 1914 unter dem Titel "Der Anfang vom Ende" eine Sonderausstellung widmen. Die Eröffnung findet am 10. Mai statt, angekündigt sind unter anderem ein Platzkonzert der Kärntner Gebirgsschützenkapelle, Abordnungen von Traditionsverbänden, eine ökumenische Feldandacht sowie eine Rede von Karl Habsburg.

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