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1914/2014 - Presseschau zeigt Zunahme der Zensur

10.11.2014

Gegen Jahresende 1914 nahmen die weißen Flecken zu: Die "Arbeiter-Zeitung" reagierte während des mittlerweile voll entbrannten Ersten Weltkriegs auf die rigider werdende Zensur auf ihre Art. Beanstandete Artikel wurden zwar aus dem Blatt genommen, aber nicht ersetzt. Daher war klar ersichtlich, wenn die Oberste Zensurstelle wieder einmal zugeschlagen hatte. Betroffen waren natürlich alle Medien.

Die Einrichtung des Kriegsüberwachungsamts war vorsorglich schon ab 1912 vorbereitet worden, wie der Medienhistoriker Wolfgang Duchkowitsch von der Universität Wien der APA erklärte. "Das macht schon stutzig, weil Österreich vorbereitet war auf den Krieg. Ich will nicht sagen, dass man darauf hingearbeitet hat, aber auf höchster Ebene war man sich bewusst, es kommt zu einem Krieg. Und auf den hat man sich vorbereitet. Und mit Kriegsbeginn tritt dieses Amt in Kraft. Befehligt und kontrolliert vom Kriegsüberwachungsamt oblag es der Presse, das Heer in der Montur einer "papierenen Rüstung" heldisch zu flankieren."

Oft waren es halbe bis ganze Seiten, die der Zensur zum Opfer fielen, manchmal auch nur ein paar Zeilen oder gar Worte. Wie am 1. Dezember, als das "Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich" (eben die "Arbeiter-Zeitung") auf Seite eins über "Die Höchstpreise" schrieb: "Die Verordnung über die Festsetzung von Höchstpreisen für Getreide und Mehl ist nun endlich erschienen und sie bringt die bitterste Enttäuschung. Das haben wir, das hat niemand erwartet, daß die Verordnung so aussehen werde, die der Bevölkerung die Sorge um das tägliche Brot bannen solle."

Was genau zwischen den Worten "niemand" und "erwartet" stand bzw. was die Zensur daran störte, ließe sich allenfalls durch aufwendige Forschungen nachrecherchieren. Duchkowitsch: "Die 'Arbeiter-Zeitung"' hat den ganzen Krieg über jene Artikel aufgehoben, die die Staatsanwaltschaft rausgestrichen hat. Das wäre eine lohnende Aufgabe für eine Dissertation oder mehrere Magisterarbeiten, weil es ungemein reich ist an Möglichkeiten zu erfahren, warum gewisse Dingen nicht erscheinen durften. Zum Beispiel ein Artikel über Stimmungen am Balkan. Wohl weil man Rückschlüsse auf die Stimmungen in Österreich ziehen hätte können. Oder ein Bericht über einen entgleisten Schnellzug. Das durfte nicht in der Zeitung stehen. Weil mit der Eisenbahn die Soldaten an die Front gebracht wurden. Da passierte einfach kein Unglück."

Auch Kriegsgegner vertuschen

Sehr wohl thematisiert wurde in der Tagespresse indes die Zensurmaßnahmen der Kriegsgegner. Das "Neue 8-Uhr-Blatt" berichtete am 7. Dezember über die "unzufriedenen Times", und zwar anhand der Berichterstattung oder Nicht-Berichterstattung über die "HMS Audacious". Das Kriegsschiff war am 27. Oktober 1914 vor der nordirischen Küste auf eine deutsche Mine aufgelaufen und gesunken. Die britische Marine wollte den Vorfall aber vertuschen.

Also hieß es im "Neuen 8-Uhr-Blatt": "Die 'Times' setzen ihren Feldzug gegen die strenge von der Regierung ausgeübte Zensur fort, wozu nun der Fall mit der 'Audacious' die Einleitung gibt, wenn auch die 'Times' sich hüten, die Katastrophe der 'Audicious" mit Worten zu nennen. Sie sprechen von der unwürdigen Furcht vor einer Panik, die auch die Regierung hindere, klare Verfügungen zu treffen darüber, was im Falle einer deutschen Landung von der Bevölkerung getan werden müsse."

Weiter hieß es: "Natürlich halten die 'Times' eine derartige Landung so gut wie ausgeschlossen, aber in amerikanischen Klubs konnten die Mitglieder alles Mögliche über die geheimnisvolle Angelegenheit (gemeint ist die 'Audicious') hören. Die Redaktionen erhalten hunderte von Briefen. Bis jetzt haben sie immer antworten können, daß man freimütig den Erklärungen der Regierung vertrauen dürfe. Nun aber könne diese Antwort nicht mehr gegeben werden, und dieses Resultat sei jämmerlich."

Jämmerlich war mittlerweile offenbar auch so manchem Soldaten zumute. In die pure Kriegsbegeisterung der ersten Tage mischten sich bereits Hinweise auf Verschließerscheinungen. Zwischen den Zeilen oder in Form von Reklame. So bewarb die Apotheke H. Bayer, k.k.Hofliefernat aus Wien I, Wollzeile 13, "Bayers Kola-Lecithin-Tabletten", wirksam "Gegen Strapazen im Kriege".

Mit "papierenen Rüstung" heldisch flankieren

Eher im Sinne des Kriegsüberwachungsamtes, das die Aufgabe der Presse laut Duchkowitsch darin sah, das Heer in der Montur einer "papierenen Rüstung" heldisch zu flankieren", agierte das "Illustrierte Sport-Blatt" (ISB). Am 11. Dezember 1914 lautete der Aufmacher: "Was auf Skiern geleistet wird. Der Schneeschuh, der schon in Friedenszeiten als ein wertvolles militärisches Hilfsmittel betrachtet wurde, dürfte auch im gegenwärtigen Kriege eine große Rolle spielen. (...) Im allgemeinen herrschten stark übertriebene Vorstellungen vor, über den Wert des Skilaufens."

Diese Vorstellungen beschrieb das "ISB" so: "Vielfach besteht die Meinung, daß man mit den Teufelsbrettern im Eilzugstempo große Strecken zurücklegen könne, wobei Hindernisse, wie Schluchten, Gräben und dergleichen mehr weiter nichts zu besagen haben, weil der Läufer leicht 20 bis 40 Meter überspringe. Das ist natürlich nicht der Fall."

Aber: "Man wird verhältnismäßig schnell und mühelos größere Strecken zurücklegen können, was namentlich für den Vorpostendienst von besonderer Wichtigkeit ist. Größere Truppenbewegungen mithilfe der Skier werden seltener durchzuführen sein, obgleich auch die Geschichte von solchen zu erzählen weiß."

Im weiteren Verlauf des Krieges wurde der "Schneeschuh" immer wichtiger. Letztlich wurde in diesen Jahren auch etwas wie der Grundstein für den späteren Massensport "Skifahren" gelegt, wie der Historiker Matthias Marschik gegenüber der APA bilanzierte: "Das sollte man auch nicht unterschätzen: Im Ersten Weltkrieg wurden beim Militär tausende Soldaten im Skilauf ausgebildet. Und viele haben dann 1918 ihre Ski auch mit heim bekommen. Das heißt, sie sind gratis zu dieser sauteuren Ausrüstung gekommen, weil das Militär gesagt hat, wir brauchen sie nicht mehr. Die Ski musste man damals noch aus Norwegen bestellen. Das konnte sich ein normaler Bergbauer nicht leisten. Aber so hat dieser Bauer dann begonnen, Ski zu fahren."

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