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1914/2014: Erinnerung an "Grande Guerre" in Frankreich allgegenwärtig

01.08.2014

Die meisten Touristen und viele Paris-Reisende kennen das Bild. Teils stolpern sie eher zufällig in die Zeremonie und wundern sich, was die Uniformierten da unter dem berühmten Triumphbogen um halb sieben machen. Jeden Abend wird im Herzen der französischen Hauptstadt in Begleitung von Veteranen nach genauem Ablauf eine ewige Flamme symbolisch neu entfacht.

Mit der "flamme du souvenir" gedenkt die von Kriegen ebenso leidgeprüfte wie kriegerische Nation eines unbekannten Soldaten. Die tägliche Geste am Ende der Champs-Elysees steht symbolisch für die allgegenwärtige Erinnerung in Frankreich. Es ist vor allem der Erste Weltkrieg - trotz seines schrecklichen Nachfolgers noch immer als "Grande guerre" bekannt - der die historischen Gedanken vieler Franzosen bindet. Zum "Centenaire" einhundert Jahre nach Kriegsbeginn 1914 steht neben dem Gedenken an Leid und Verlust vor allem ein Gedanke im Zentrum: die auf allen Ebenen gelebte Aussöhnung mit dem früher als "Erbfeind" gesehenen Deutschland.

Für diese Aussöhnung steht auch eine Begegnung an diesem Sonntag, dem Jahrestag der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich am 3. August 1914. Dann wollen Präsident Francois Hollande und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck am Hartmannsweilerkopf den Grundstein für ein gemeinsames historisches Zentrum legen. Die Bergkuppe in den elsässischen Südvogesen steht wie so viele Stätten des Ersten Weltkrieges für Kampf, Leid und Tod zigtausender Soldaten - französischer wie deutscher.

Aus deutscher Sicht ist die zentrale Bedeutung des Ersten Weltkriegs in Frankreich oft überraschend. Das lässt sich auch an kleinen Beobachtungen festmachen: Eine ältere Französin bricht beim Gespräch über den Ersten Weltkrieg plötzlich in Tränen aus, von der Erinnerung an Erzählungen der Verwandten übermannt. Größere Zusammenhänge sieht der Historiker Arndt Weinrich vom Deutschen Historischen Institut in Paris: Für Frankreich habe der Erste Weltkrieg eine Bedeutung, "die mit der der französischen Revolution von 1789 vergleichbar ist".

Den Tod des letzten französischen Kriegsteilnehmers Lazare Ponticelli am 12. März 2008 meldeten französische Tageszeitungen auf ihren Titelseiten. Das feierliche Begräbnis übertrug des Fernsehen direkt. In Schulen sollten Lehrer das Leben Ponticellis thematisieren.

Weinrich sieht einen Grund für die noch immer große Präsenz darin, dass sich weite Teile des Ersten Weltkriegs in Frankreich abgespielt haben. "Es gibt hier im Gegensatz zu Deutschland deutlich sichtbare Spuren wie Schlachtfelder und Soldatenfriedhöfe. So etwas spielt bei der Entwicklung einer Erinnerungskultur eine Rolle", sagt der Historiker.

Zudem hat der Schrecken unvorstellbare Zahlen: von den 8,1 Millionen französischen Soldaten wurden etwa 1,33 Millionen getötet. Hinzu kommen 600.000 tote Zivilisten und 4,2 Millionen Verletzte. Nach Schätzung des französischen Statistikers Edmond Michel wurden in Frankreich über 200.000 Häuser, die Hälfte aller Straßen und 5600 Kilometer Schienen zerstört.

Auch der Zweite Weltkrieg hat unfassbares Leid über die Franzosen gebracht, bis hin zur Schmach eines von Deutschen besetzten Paris. Doch die Erinnerung ist nicht ungetrübt: Da war eben auch das Vichy-Regime, der mit Nazi-Deutschland paktierende Teil Frankreichs.

Weder Erster noch Zweiter Weltkrieg haben Frankreich zu einem pazifistischen Land gemacht. Durch die Geschichte der fünften Republik ziehen sich zahlreiche blutige Konflikte etwa in Asien oder Afrika. Auch die jüngsten Einsätze in Mali oder der Zentralafrikanischen Republik sind weitgehend Konsens im Land.

Weinrich sieht im Ersten Weltkrieg den "Ursprungsmythos des modernen Frankreich". Zu Kriegsbeginn war die Einheit besonders groß, selbst Pazifisten und Sozialisten wie Marcel Sembat oder Jules Guesde gehörten zur "Regierung der heiligen Union" gegen Deutschland. Der Philosoph Henri Bergson bezeichnete den Krieg als "Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei". Gewerkschaften machten die Arbeiterklasse zu "Bürgersoldaten".

"Niemals wird die heilige Union der Franzosen vor dem Feind zerbrechen", proklamierte Kriegspräsident Raymond Poincare. 100 Jahre später geht der französische Staat aus Sicht des australischen Historikers Christopher Clark feinfühlig mit dem Thema um: "Der Krieg als Trauma, Verlust, Massentod steht an erster Stelle, die alten chauvinistischen Phrasen werden nicht mehr wachgerufen."

Im aktuell krisengeschüttelten Frankreich appelliert Präsident Hollande zum Gedenkjahr an gemeinsame Größe: "Der Erste Weltkrieg erinnert uns daran, wie stark eine Nation sein kann, wenn sie zusammenhält."

Hollande setzt bei Erinnerungszeremonien auf internationale Einbindung. Zur traditionellen Militärparade am Nationalfeiertag 14. Juli waren alle 70 Kriegsnationen eingeladen. Mit SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel gedachte er am Donnerstag des unmittelbar vor Kriegsbeginn von einem Nationalisten ermordeten französischen Sozialisten und Kriegsgegners Jean Jaures.

Von Gerd Roth/dpa

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