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Feingold ist heute der älteste Holocaustüberlebende Österreichs © APA (EXPA/Adelsberger)
Feingold ist heute der älteste Holocaustüberlebende Österreichs © APA (EXPA/Adelsberger)

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1918/2018 - Älter als die Republik: Marko Feingold erinnert sich

08.01.2018

Marko Feingold, der am 28. Mai 105 Jahre alt wird, ist einer der prominentesten unter jenen Österreichern, die zum Zeitpunkt der Ausrufung der Republik bereits auf der Welt waren. In unzähligen Veranstaltungen hat der Holocaustüberlebende und noch immer agile Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg aus seinem Leben erzählt: als Warnung davor, was Menschen einander anzutun fähig sind.

"Ich bin in Besztercebanya geboren, auf Deutsch: Neusohl. Damals war das Ungarn. Meinen Geburtsschein auf Ungarisch hab ich bis 1938 gehabt", erzählt Feingold im Gespräch mit der APA. "Nach dem Ersten Weltkrieg lag die Stadt in der Tschechoslowakei, heute liegt sie in der Slowakei und heißt Banska Bystrica. Aber vergessen Sie meinen Geburtsort! Mein Vater war Vermesser für die österreichisch-ungarischen Staatsbahnen und musste von März bis Oktober mit einer Arbeitsgruppe losziehen, um Vermessungen durchzuführen. Deshalb ist jeder von uns woanders geboren worden. Es gibt Sommerkinder und Winterkinder: die Sommerkinder sind an der Arbeitsstelle geboren worden, die Winterkinder in Wien."

Mitten im Ersten Weltkrieg

Seine älteste Erinnerung ordnet der lebhaft erzählende Mann dem Jahr 1916 zu: "Ich war drei Jahre alt, und es war mitten im Krieg. Die Familie bestand aus dem Vater, der im Feld war, und der Mutter, die drei Buben im Alter von drei, fünf und sechs Jahren zu Hause hatte sowie ein Baby von ein paar Monaten. Mit dem ist sie um vier Uhr in der Früh aufgestanden, weil man mit dem beim Greißler schneller drangekommen ist. Dabei hat sie uns drei Buben zu Hause gelassen hat - mit drei Häuferln Brot, weil dadurch, dass in das Mehl viele Sägespäne eingearbeitet waren, hat es keinen Halt gehabt, und drei Häuferln Industriezucker. Das war unser Frühstück."

"1918 haben wir noch eine Schwester bekommen, sie ist noch in der Monarchie auf die Welt gekommen. Aber in der Schule haben wir noch 1919 'Unser Kaiser, unser König' gesungen, an das kann ich mich bis heute erinnern", schmunzelt Feingold. "Da war der Einfluss der Monarchie noch stark spürbar, da haben sie offenbar noch keine anderen Lieder gehabt."

Während die Ausrufung der Republik am 12. November 1918 keine bleibende Erinnerung hinterlassen hat, erinnert er sich an ein anderes wichtiges Datum der Republiksgeschichte genau: Am 15. Juli 1927 war der 14-Jährige mit seinen Brüdern in der Donau baden. "Wir haben damals in der Lasallestraße gewohnt und sind zu Fuß über die Reichsbrücke und runter ins Überschwemmungsgebiet. Gegen fünf oder sechs Uhr sind wir nach Haus und haben Richtung Innenstadt plötzlich eine riesige Rauchsäule wahrgenommen: Man hat den Justizpalast angezündet."

"Was kommen wird"

Aus den eskalierenden Auseinandersetzungen der Parteien "hat sich meine Familie immer rausgehalten. Bei den Aufmärschen sind wir nie dabei gewesen, höchstens, dass man am Rande zugeschaut hat", erzählt Marko Feingold. Die Zeiten wurden auch wirtschaftlich immer härter, die Buben mussten möglichst rasch als Lehrlinge etwas zum Familieneinkommen beisteuern. Er machte eine kaufmännische Lehre und konnte vorübergehend als Angestellter arbeiten. "Es waren furchtbare Zustände in der Dollfuß-Zeit. Fast jeden Tag wurden Attentate durchgeführt, Leute verhaftet und verurteilt. Dollfuß hat die Devisenverordnung eingeführt, Import und Export hat sich aufgehört. Die Wirtschaft war tot. Am 1. März 1932 wurde auch ich arbeitslos."

Mit seinem Bruder Ernst arbeitete Marko schließlich als Vertreter in Italien. "Die Anfangszeit war sehr schwierig, aber in der Not lernt man rasch, und schließlich ist es uns sehr gut gegangen. Alle zwei, drei Monate sind wir nach Wien gekommen, genauso auch im Februar 1938 in der Absicht, unsere Pässe zu verlängern. Wenn ich nicht selbst da gewesen wäre, hätte ich Zweifel gehabt, all das zu glauben, was beim 'Anschluss' passiert ist. Alles war für die neue Besatzung. 'Endlich seid's da!', war das, was man am häufigsten gehört hat. Aber was kommen wird, war nicht absehbar. Auch in den Köpfen von Hitler und seinen Vasallen war es noch nicht. Sein Hass gegen die Juden hat sich erst entwickelt, als er die Macht hatte, sie zu vernichten."

Odyssee und KZ

"Schon wenige Tage nach der Besetzung Österreichs hat man aufgrund vorbereiteter Listen der Gestapo tausend Häftlinge nach Dachau gebracht. Auf so einer Liste stand auch unser Vater, der nicht sehr beliebt bei ihnen war", erzählt Marko Feingold von der unmittelbar einsetzenden Verfolgung. "Eines Tages erscheint die Gestapo und sucht den Vater. Der war aber nicht da, sondern in Jugoslawien. Stattdessen hat man mich und meinen Bruder mitgenommen. Im Gefängnis sind wir zweimal täglich geholt worden, um Schläge zu empfangen, Am fünften Tag sind sie mit einem Kuvert gekommen: Schreibt eurem Vater, er soll kommen, und ihr seid frei. Wir sind aber anders erzogen worden als die Jugend im nationalsozialistischen Deutschland, die erzogen wurden, ihre Eltern zu bespitzeln. Wir haben ihm natürlich geschrieben: Lass dich ja nicht blicken!"

Nach drei Wochen wurden die beiden Brüder entlassen und mussten innerhalb von zwei Stunden Österreich verlassen. Es begann eine Odyssee mit falschen Papieren, die schließlich 1939 durch erneute Verhaftung beendet wurde. Ein mehrjähriger Leidensweg führte ihn durch die Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme und Dachau nach Buchenwald. Feingold, heute der älteste Holocaustüberlebende Österreichs, hat immer wieder davon berichtet, u.a. auch in der Burgtheater-Produktion "Die letzten Zeugen". "Man war mit dem Töten so per Du, wie man es sich kaum vorstellen kann", fasst er jene Zeit zusammen.

"Am 11. April 1945, nach sechs Jahren KZ, wurden wir in Buchenwald befreit. Wir wollten nach Wien und haben immer wieder bei den Amerikanern vorgesprochen. Es waren 28 Nationen dort. 27 wurden geholt, nur die Österreicher sind im Mai noch da gewesen." Auf Karl Renner, den damaligen Staatskanzler und späteren ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik, ist Feingold besonders schlecht zu sprechen: "Denen, die in den Wohnungen der 65.000 toten österreichischen Juden gesessen sind, hat er gleich gesagt: Wir werden den Juden nichts zurückgeben. Wenn sie überhaupt noch am Leben sind, werden wir sie nicht zurückkommen lassen." Als der erste, selbst organisierte Transport 128 österreichischer Buchenwald-Häftlinge schließlich nach Wien unterwegs war, wurden die Busse an der Zonengrenze an der Enns zunächst nicht durchgelassen. Feingold entschloss sich, in Salzburg zu bleiben. Er organisierte die Verpflegung jüdischer Überlebender und für eine Flüchtlingsorganisation die illegale Ausreise zahlreicher Juden nach Palästina.

Aus der Geschichte lernen

1948 eröffnete er das Geschäft "Wiener Moden", das bald florierte. Den Staatsvertrag und die Wiederherstellung der österreichischen Unabhängigkeit habe er als Geschäftsmann mit gemischten Gefühlen erlebt, gibt Feingold zu. "Als die letzten Besatzungssoldaten Österreich verlassen haben, konnte ich mich nicht freuen. Ich hab gedacht, wenn die Amerikaner weg sind, wird das Geschäft zusammenbrechen. Salzburg hat schließlich in den Jahren 1948 bis 1955 stark von den Amerikanern profitiert, ich auch. Die vielen amerikanischen Besucher, die dann gekommen sind, haben aber alles wettgemacht."

Nach seiner Pensionierung wurde Marko Feingold 1979 erneut das, was er 1946/47 kurzzeitig bereits war: Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Am meisten genießt der auch zum Hofrat ernannte Ehrenbürger der Stadt Salzburg aber den Kontakt zu jungen Leuten, denen er mit viel Witz und Charme seine Überlebensgeschichte nahe bringt. Aus der Geschichte lernen, lautet sein Credo. Die Termine organisiert seine Frau Hanna, 35 Jahre jünger als er. "Weil ich so viel erlebt habe in den vielen Konzentrationslagern, werden auch so viele Vorträge verlangt. Ich mach' es ja gerne, denn mein Glück ist: Alte Leute beginnen normalerweise hier (zeigt auf den Kopf) zu verkalken, und dann geht es zu den Füßen hinunter", beendet Marko Feingold schmunzelnd das Gespräch. "Bei mir fängt es bei den Füßen an, aber oben bin ich normal. Mein Gedächtnis ist ausgezeichnet."

Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA

Service: Dieser Artikel ist Teil eines umfangreichen Meldungspakets zum Gedenkjahr 2018. Sämtliche Hintergründe finden Sie unter http://science.apa.at/Gedenkjahr2018.

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