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1938/2018 - Hitler-Stalin-Pakt warf seine Schatten voraus

28.02.2018

Warum trat die Sowjetunion im Jahr 1938 nicht entschiedener gegen den "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland auf? Die Erklärung liegt wohl darin, dass sich schon damals eine Annäherung zwischen NS-Diktator Adolf Hitler und seinem sowjetischen Pendant Josef Stalin abzuzeichnen begann, die im August 1939 im berüchtigten "Hitler-Stalin-Pakt" gipfelte.

Darauf lässt ausgerechnet die Rede des sowjetischen Außenministers Maxim Litwinow am 21. September 1938 im Genfer Völkerbund schließen, die immer wieder als Beleg für den Widerstand Moskaus gegen den "Anschluss" angeführt wird. Litwinow sagte damals nämlich, dass die Sowjetunion zum kollektiven Widerstand gegen den "Aggressor" bereit seien, "sogar wenn sich ihre Beziehungen mit dem Aggressor dadurch unausweichlich verschlechtern".

Eben diese befürchtete Verschlechterung könnte Moskau davon abgehalten haben, gleich im März 1938 gegen den "Anschluss" zu protestieren oder zumindest eine diplomatische Note an Berlin zu schicken, vermutet der russische Historiker Wladimir Schwejzer. Die damaligen Ereignisse fielen nämlich "in eine Zeit der rasanten Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen der UdSSR mit Deutschland und der beginnenden Zusammenarbeit auf politischer Ebene", die dann zum Hitler-Stalin-Pakt geführt hätten. Somit habe man "kaum" entschlossene Schritte erwarten können.

Aufruf zum Schutz der Tschechoslowakei

Schwejzer weist darauf hin, dass Litwinows Rede "äußerst verschwommen" gewesen sei, der sowjetische Chefdiplomat habe Deutschland nicht beim Namen genannt. Die Wiener Historikerinnen Verena Moritz und Julia Köstinger streichen zugleich den historischen Kontext der Rede hervor, die Sudetenkrise. Tatsächlich gipfelte der Auftritt Litwinows in einem Aufruf, die von Hitler bedrohte Tschechoslowakei zu schützen. Deren Bestand lag Moskau offenbar viel stärker am Herzen als jener Österreichs.

Litwinow hatte am 14. März 1938 den "Anschluss" in einer Rede im Politbüro zwar als das "größte Ereignis nach dem Weltkrieg, voll von größten Gefahren" bezeichnet. Allerdings war schon damals der Blick in Richtung Prag gerichtet. So schlug Moskau vier Tage später London, Prag und Washington die Abhaltung einer gemeinsamen Konferenz vor, bei der es um den Schutz der Tschechoslowakei gehen sollte.

Die Eingliederung Österreichs in Nazi-Deutschland akzeptierte die Sowjetunion dagegen stillschweigend. Ihr Missfallen äußerte sie, indem sie einfach nicht auf eine diplomatische Note Berlins reagierte, in der über die "Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" informiert wurde, erläutern Moritz und Köstenberger.

Kurzer passiver Widerstand

Der passive Widerstand hielt aber nur knapp einen Monat an. Wie deutsche Archivdokumente belegen, durfte Berlin die österreichische Botschaft in Moskau übernehmen. Am 14. April 1938 kündigte der sowjetische Geschäftsträger in Berlin an, die Gesandtschaft in Wien zu schließen. Laut Moritz und Köstinger wertete Nazi-Deutschland dies als "bedingungslose Anerkennung" des "Anschlusses". Die Liquidierung der politischen Vertretung in Wien sei noch bis mindestens Juni 1938 hinausgezögert worden.

Wie der Grazer Historiker Peter Ruggenthaler betont, war Österreich für Stalin nach dem Pakt im Hitler "kein Thema mehr". Sogar innerhalb der Komintern sei die Hitlerdiktatur geschont worden. Dies änderte sich freilich nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Juni 1941, als Stalin wieder zu einem Fürsprecher der Wiederherstellung Österreichs wurde.

Freilich äußerte der sowjetische Diktator aber noch im November 1941 - inmitten des Verteidigungskrieges gegen Deutschland - gewisses Verständnis für Hitlers damalige Politik. "Solange sich die Hitlerleute damit befassten, die deutschen Länder zusammenzufassen und ihnen das Rheingebiet, Österreich usw. wieder anzuschließen, konnte man sie mit einer gewissen Berechtigung für Nationalisten halten."

Damit bestätigte Stalin nachträglich, dass der "Anschluss" Österreichs innerhalb der sowjetischen "Schmerzgrenze" bezüglich der NS-Expansionspolitik in Europa lag. Eine Haltung, die damals von den anderen europäischen Staaten geteilt wurde, weswegen die Eingliederung Österreichs in Nazi-Deutschland ziemlich reibungslos über die Bühne ging.

(Von Stefan Vospernik/APA)

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