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Jahrzehntelange Aufdeckung und Aufarbeitung der Verbrechen von Heinrich Gross (Bild) © Imagno/Picturedesk.com
Jahrzehntelange Aufdeckung und Aufarbeitung der Verbrechen von Heinrich Gross (Bild) © Imagno/Picturedesk.com

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1938/2018 - Wie die Nazis die Wiener Medizinische Schule zerstörten

20.02.2018

Im Gedenkjahr 2018 setzt die MedUni Wien am 12. und 13. März erneut ein Zeichen der Erinnerung. Sie veranstaltet eine Tagung mit dem Titel "'Anschluss' im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft". Mit hochrangiger Expertenbesetzung wird an die Vernichtung der früher weltberühmten Wiener Medizinischen Schule und eines großen Anteils der Ärzteschaft durch das NS-Regime erinnert.

1938 gab es keine Medizinische Universität Wien. Deshalb muss man die Fakultät für diesen Fachbereich zunächst einmal als Teil der Universität Wien sehen. "Man kann sagen, dass die Vertreibung an der Uni Wien unmittelbar nach dem 'Anschluss' die größte war, die aus rassistischen und politischen Gründen in so kurzer Zeit je an einer Uni weltweit stattgefunden hat. Am 24. April 1938, als die Uni wieder 'aufsperrte', fehlten 252 Lehrende (Professoren und Dozenten; Anm.) von vorher 763 (davon 61 emeritierte, aber mit Lehrberechtigung; Anm.)", hat "Der Standard"-Wissenschaftsredakteur Klaus Taschwer zu dem Thema recherchiert.

65 Prozent der Wiener Ärzte betroffen

Der März 1938 hätte für die Wiener Medizin "irreparable Schäden" bedeutet, sagte 2008 bei der Enthüllung einer Gedenktafel der damalige Rektor der MedUni Wien, Wolfgang Schütz. 65 Prozent der Wiener Ärzte - das waren 3.200 von 4.900 - mussten aus "rassischen" oder politischen Gründen ihren Beruf verlassen, wurden vertrieben bzw. später ermordet.

Bei der Medizin wurden die Auswirkungen der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im März 1938 noch stärker als auf anderen Fachgebieten bemerkbar. "Am stärksten betroffen waren die Medizindozenten, von denen insgesamt 131 aus rassistischen Gründen und 14 aus politischen die Lehrberechtigung verloren. Das war mehr als die Hälfte der 1937/1938 verzeichneten 253 Dozenten der medizinischen Fakultät und mehr als 55 Prozent aller aus rassistischen Gründen Vertriebenen der Universität Wien", meinte Taschwer, der mit "Hochburg des Antisemitismus" im Czernin-Verlag einen Band zu dem Thema gestaltet hat. Das Hinausdrängen von Intelligenz, Kompetenz und Wissenschaftlichkeit hätte aber auch schon weit vor der eigentlichen Machtübernahme durch die NS-Schergen begonnen - im Austrofaschismus, zumindest ab 1934.

"Revolutionäre 'Heimholung' wider Willen und der politische Chamäleon-Effekt", lautet bei der Veranstaltung der Titel des Vortrags von Oliver Rathkolb. Sybille Steinbacher vom Fritz Bauer Institut der Goethe Universität in Frankfurt am Main wird zum noch viel breiteren Thema "Von der Rheinlandbesetzung zum Münchner Abkommen. Die NS-Revisionspolitik und die europäischen Mächte" sprechen.

Aufholbedarf bis in 70er-Jahre

1927/1928 hatten an der Wiener Medizinischen Fakultät noch 75 Professoren und 264 Dozenten gelehrt. 1942/1943 waren es 27 Professoren und 93 Dozenten. Erst in den 1970er-Jahren kamen die Zahlen wieder an den Status der Zeit vor dem Nationalsozialismus heran.

Die Vertreibungen hatten aber längst nicht ausschließlich erst mit dem sogenannten Anschluss begonnen. "In Deutschland hatten vor dem 'Anschluss' schon viele ("illegale"; Anm.) nationalsozialistische Psychiater aus Österreich gewartet, um zurückzukommen und die Positionen der Vertriebenen einzunehmen", sagte Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste und Nachfolger des Wiener Psychiatrie-Reformers Stephan Rudas, gegenüber der APA. Was noch kaum aufgearbeitet sei, wären die Auswirkungen auf die niedergelassenen Ärzte in der Psychiatrie.

"Die Säuberung der jüdischen Ärzte ist in Österreich (damals: Ostmark; Anm.) bereits im Oktober 1938 abgeschlossen worden. Im Frühjahr 1939 war das für die 'Politischen' (sozialdemokratische, kommunistische und weitere NS-oppositionelle Ärzte; Anm.) der Fall", sagte Ilse Reiter-Zatloukal vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien, die sich nach entsprechenden Arbeiten für den Bereich der Juristerei auch dem Thema der Wiener Ärzteschaft nach der "Machtübernahme" gewidmet hat. Aus Österreich sei der Vorstoß zur schnellen Aberkennung der Berufsberechtigung jüdischer Ärzte gekommen, in Deutschland hätte man dafür Jahre benötigt. "Aber man hat bereits nach 1934 (Machtübernahme durch die Austrofaschisten unter Engelbert Dollfuß und später Kurt Schuschnigg; Anm.) die Spitäler in Wien 'gesäubert'." Die Verträge von sozialdemokratischen Ärzten oder von Ärzten aus jüdischen Familien seien einfach nicht verlängert worden.

Geringe Entnazifizierung nach 1945

Die Auswirkungen waren enorm. "Es gibt vor allem zwei Aspekte, die für eine Universität wesentlich sind: Talente und Infrastruktur. Bereits 1918, nach dem Ersten Weltkrieg, war die Infrastruktur im Bereich der Medizin in einem deplorablen Zustand, für Investitionen gab es keine Ressourcen. Nach 1938 kamen die Zerstörungen durch den Krieg hinzu", meinte dazu MedUni Wien-Rektor Markus Müller.

"Mit dem erzwungenen Exodus der Intelligenz wurde dann auch das intellektuelle Kapital des Landes verspielt. Das hat dazu geführt, dass die Wiener Medizin jahrzehntelang nicht auf internationaler Augenhöhe agieren konnte. Das ist die Lehre daraus: Wenn man die Infrastruktur zerstört und mutwillig Talente vertreibt, zerstört man die Universität und damit eine der wichtigsten Grundlagen einer Gesellschaft sowie der Wirtschaftskraft eines Landes", so Müller weiter.

Freilich, die Gier auf Karriere im und über den Nationalsozialismus war eine weitere "Randbedingung" der Ereignisse zumindest ab 1938. "Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren von 29 außerordentlichen und ordentlichen Professoren der medizinischen Fakultät in Wien 24 von der Entnazifizierung betroffen", sagte Margit Reiter vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Der Impetus bei der Entnazifizierung sei mit den Jahren aber immer schwächer geworden. Für die Ärzteschaft insgesamt hätte schließlich immer mehr gegolten: "Wir brauchen Ärzte für die medizinische Versorgung der Bevölkerung." Damit kamen die (ehemaligen) Nationalsozialisten endgültig durch.

1946 hatte es im Juni 1946 unter 2.440 praktizierenden Ärzten 1.341 ehemalige NSDAP-Mitglieder gegeben (55 Prozent). In der Steiermark waren nach Schätzungen der britischen Besatzungsmacht 90 Prozent belastet. Jahrzehntelang dauerten die Aufdeckung und die Aufarbeitung der Verbrechen am Wiener Spiegelgrund mit dem Gerichtspsychiater Heinrich Gross als zentrale Figur.

Zeitgeschichte reicht bis in Gegenwart

Wie weit die Zeitgeschichte in die Gegenwart in Österreich hinein reicht, zeigt eine Affäre während der ersten schwarz-blauen Regierungsperiode. 2006 wurde der von der ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer drei Jahre zuvor zum Universitätsrat bestellte Gerhard Pendl, damals Obmann des Vereins zur Pflege des Grabs des NS-Luftwaffenoffiziers Walter Nowotny, von der Ressortchefin nach heftigen Protesten abberufen. Pendl hatte eine Gedenkrede auf Nowotny gehalten und betont, es sei "unsere Pflicht, gegen die seelischen Narben der Gutmenschen, die auch die Toten nicht in Ruhe lassen, aufzuzeigen, dass es doch noch ein Fähnlein gibt in diesen deutschen Landen, die unsere unschuldigen Soldaten und ihren furchtbaren Tod nicht vergessen oder gar herabwürdigen". Politische Gegner bezeichnete er als "RAF-Sympathisanten" (Rote Armee Fraktion, Anm.), "Generation der Widersacher der Kriegsgeneration" sowie "Generation der Zivildiener und Störer der Totenruhe". FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache sprach dazu bei einer Pressekonferenz von "linkem Meinungsterror" und "Rufmord".

Service: Internationale Tagung: "'Anschluss' im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft". 12. und 13. März, Van Swieten Saal der MedUni Wien; Eröffnung am 12. März mit Keynotes und Podiumsdiskussion zum Thema "Wehrhafte Demokratie 1938/2018?" ab 16.30 Uhr; www.meduniwien.ac.at/tagung1938-2018

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