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Wehmut umweht den EULAC-Gipfel 2006 © APA (Gindl)
Wehmut umweht den EULAC-Gipfel 2006 © APA (Gindl)

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Aktionen zur Rettung des Lateinamerika-Kompetenzzentrums LAI laufen

03.02.2020

Die Existenz des Österreichischen Lateinamerika-Instituts (LAI) steht wegen Finanzproblemen auf dem Spiel. Rettungsaktionen laufen. Georg Grünberg, LAI-Vizepräsident: "Das LAI ist das einzige Kompetenzzentrum für Lateinamerika in Österreich. Standbeine sind Wissenschaft, Kunst, Gesellschaftspolitik, Bildung." Bis Juni 2020 seien die Programme gesichert, heißt es im Vorstand.

Im Gespräch der APA mit dem Ethnologen und Sozialanthropologen spiegelt sich das Unverständnis der Lateinamerika-Experten über ausbleibende Förderungen für das 1965 gegründete LAI. Grünberg verweist auf das traditionell hohe Ansehen, das Österreich in Lateinamerika als europäisches Land genieße. "Österreich steht dort für etwas", so der Forscher, der 24 Jahre in lateinamerikanischen Staaten lebte. Er nennt die historischen Verknüpfungen (Leopoldine von Brasilien, Maximilian von Mexiko, Mexikos Protest im Völkerbund gegen den Anschluss), ebenso wie die Zufluchtsorte in der Nazi-Zeit, von Mexiko bis Argentinien.

Österreich als Kulturnation "eher überschätzt"

Österreich werde heute auf dem südamerikanischen Kontinent "als Kulturnation eher überschätzt", meint Grünberg. Umso unverständlicher sei "das geringe offizielle Interesse" hierzulande, die mangelnde Pflege der bestehenden Kompetenz. Der Experte konstatiert "ein zunehmendes Desinteresse von den Universitäten bis zur Entwicklungszusammenarbeit (EZA)" an der Region. Er erinnert daran, dass die Zahl österreichischer Botschaften dort in den letzten Jahren verringert wurde und sich unter EZA-Schwerpunktländern kein lateinamerikanisches Land mehr findet. Grünberg: "Keines wird sozusagen als förderungswürdig eingestuft."

Dabei "ist und bleibt das Lateinamerika-Institut die Anlaufstelle Nummer Eins" für Österreicher wie Lateinamerikaner, deren Zahl sich in Wien auf rund 5000 beläuft; für Diplomaten und Studenten beider Seiten, für Wissenschafter und bildungsaffine Bürger. "Wir übernehmen Aufgaben der Regierung." Prof. Grünberg definiert das LAI als "eine wertvolle Plattform mit vielen oft unbezahlten Dienstleistungen". Neben seinem einmaligen Beziehungsnetzwerk biete das Institut ein nützliches Archiv. Sollte es tatsächlich zu einer Schließung kommen, hätte Österreich viel zu verlieren.

Grünberg artikuliert die Einschätzung vieler Lateinamerika-Forscher über die mangelnde Hilfe von Bund, Land und Universitäten. Nicht nachvollziehbar sei die Neuausrichtung der Vergaberichtlinien von Subventionen. Mittel würden nur mehr "innerhalb des Universitätsverbandes" und "an forschungsrelevante Einrichtungen" vergeben; das LAI werde nicht mehr so eingestuft. Aus dem LAI verlautete, die Gemeinde Wien argumentiere, künftig nur mehr "wissenschaftliche Tätigkeiten" mitfinanzieren zu wollen; man vermisse den entsprechenden "Mehrwert". Für ADA (Austrian Development Agency) und EZA habe Lateinamerika auch keine Priorität.

Master-Lehrgang eingestellt

Faktum ist, dass schon 2019 der Master-Lehrgang des LAI für Lateinamerika-Studien eingestellt wurde. Auch wurde seit drei Jahren der Lateinamerika-Lehrstuhl an der Universität Wien nicht mehr nachbesetzt, der am Institut für Geschichte angesiedelt war. Grünberg hebt den aktuellen Konnex zum Politologie-Institut der Uni hervor, mit dem eine gute informelle Kooperation bestehe - Stichwort "Lateinamerika-Kolloquium" und Forschungsgruppe Lateinamerika. Das LAI hat eine eigenständige Weiterbildungsreihe geschaffen, "Lateinamerika Actual", das den Teilnehmern ab März in vier Modulen Politik, Wirtschaft, Menschen und Natur des Kontinents nahe bringt.

Nur bis Ende des laufenden Studienjahres sind die Sprachkurse und das universitäre Programm gesichert. In Sachen Lateinamerika-Forschung wurde inzwischen das LAF als eigener Verein gegründet, in dem viele LAI-Forscher, auch Grünberg selbst, ebenfalls Mitglieder sind. Die traditionelle alljährliche Lateinamerika-Sommertagung in Strobl am Wolfgangsee wird heuer erstmals vom LAF allein organisiert. Als großen Erfolg verbucht das LAI rückblickend den internationalen Amerikanisten-Kongress von 2012 an der Universität Wien, an dem 4.500 Wissenschafter teilnahmen.

Auf dem Bildungssektor nimmt das LAI eine herausragende Stellung ein. Das größte Sprachinstitut Österreichs für Spanisch und Portugiesisch zählt derzeit rund 1000 Studierende in 300 Kursen, in diversen Formaten für Schüler, Studenten und Senioren. Freilich gab es zuletzt starke Einbrüche bei Buchungen. Grünberg definiert die Sprachkurse als "cashcow"; diese Mittel dienten der Finanzierung von Forschungs- und Kulturaktivitäten des LAI, wie Diskussionen und Ausstellungen. Er verweist ferner auf die Beratung von Lehrern, Schulen, Botschaften. "Wir sind ein Informationszentrum, vernetzen die Menschen." Etwa Lateinamerikaner mit ihren hiesigen Freundschaftsgesellschaften.

Praxisnahe Forschung als Trumpf

Lob wird der guten Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft gespendet. Grünberg hebt die Kooperation mit katholischen NGOs hervor, wie "Dreikönigsaktion" und "Jugend eine Welt". Es gehe nicht nur um Hilfe, sondern auch um Kontaktpflege. "Lernen vor Ort ist wichtig." Die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und der Realisierung von Projekten in Lateinamerika selbst sei ein Atout des Instituts. So habe das LAI der ADA Vorschläge bei einem E-Learning-Projekt im ländlichen Raum Mittelamerika unterbreitet. Zeitweise habe es auch eine Kooperation mit der Wirtschaftskammer, etwa bei der Erstellung von Länderprofilen, gegeben.

Vorwürfe schlechten Managements weist der LAI-Vorstand zurück. Eventuell hätten Personalkürzungen vorgenommen werden müssen. 2014 wurde die AMS-Förderung der Sprachkurse eingestellt. Ab 2016 gab es Sanierungsmaßnahmen. Vom Alter der Mitglieder her habe das LAI "den Turnaround geschafft". Aus heutiger Sicht fehlen dem Institut Mittel von rund 100.000 Euro jährlich für die nächsten drei Jahre. Die Geschäftsführung sei parteipolitisch aufgeschlossen, wird betont. Das Institut sei "voll handlungsfähig". Die Masseverwaltung plane keine Entlassungen und habe der vollständigen Fortführung aller Aktivitäten bis Juni zugestimmt.

Online-Appell "Rettet das LAI"

Umstrukturierungspläne und Rettungsaktionen für das LAI sind inzwischen voll im Gang. Das drohende Ende "hat im In- und Ausland einen starken Response ausgelöst", ein Beweis für die Wertschätzung des renommierten Instituts, fasst Prof. Grünberg zusammen. Pläne für neue Schwerpunktsetzungen werden ausgearbeitet. Der Online-Appell "Rettet das LAI" hatte vor einer Woche bereits rund 30.000 Unterschriften erbracht. Viele dieser Unterstützungserklärungen kamen aus dem Ausland und von Auslandsösterreichern in Lateinamerika. Grünberg: "Alle sind sprachlos, alle wollen helfen." Auch eine Spendenaktion ist geplant.

Lateinamerika-Kenner denken mit Wehmut an Großereignisse, bei denen Österreich durch Expertise punkten konnte und wo das LAI mit wichtigen Aufgaben eingebunden war. Der EULAC-Gipfel (EU-Lateinamerika-Karibik) 2006, eines der größten Gipfeltreffen seit dem Wiener Kongress 1815, versammelte die Spitzen von 60 Staaten im Rahmen der österreichischen EU-Präsidentschaft in Wien. 2012 fand der weltweit größte Amerikanisten-Kongress ICA mit Schwerpunkt Lateinamerika an der Uni Wien statt. 2010 wurde in Wien das APPEAR-Programm präsentiert, das die Kooperation mit Entwicklungsländern im Hochschulbereich im Fokus hatte.

Mit Bedauern wird im LAI-Vorstand vermerkt, dass das Parlament in Wien zuletzt das Freihandelsabkommen der EU mit dem Staatenbund MERCOSUR (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay) bremste. Österreich habe in dieser schwierigen Materie lange mitverhandelt und sei dann umgeschwenkt. Nun sei zu befürchten, dass es als Partner nicht mehr ernst genommen werde. Dies sei schade, zumal sich in Lateinamerika bedeutende Menschen und Kulturträger gerne an österreichische Wurzeln erinnern - jüdische Emigranten, Wissenschafter, Intellektuelle, Künstler. "Österreich erwarb sich durch seine Emigranten einen guten Ruf", schließt Grünberg.

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