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Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln © Hanser Verlag
Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln © Hanser Verlag

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Als das Wetter eine neue Welt erschuf: Blom über die Kleine Eiszeit

23.02.2017

Was wir nicht alles gelernt haben über Bauern und Adel, über Aufklärung und Hexenverbrennung, über den Aufstieg des Marktes und das kolonialistische Prinzip der Ausbeutung. Aber über das, was dahinter stand, den einfachen Grund, der die Transformation unserer Welt schon bald ein weiteres Mal anstoßen wird, hat man bisher wenig nachgedacht: Das Wetter. Philipp Blom holt das jetzt nach.

Der in Wien lebende Historiker hat in seinen bestsellertauglich erzählten Sachbüchern wiederholt die bekannten Läufe der Geschichte nachgezeichnet - und ihnen mit neuer Perspektive neue Relevanz für die Gegenwart verliehen. In "Die Welt aus den Angeln" (Hanser) nimmt er sich der "Kleinen Eiszeit" an, jener Ära vom späten 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, in der die Weltordnung ist fast allen Gesellschaftsbereichen Auf- und Umbrüche erlebte - und: in der die Durchschnittstemperaturen um einige empfindliche Grade niedriger waren, als davor und auch als heute.

Kann man den Aufstieg des Bürgertums, die Ausbeutung der Arbeiter und ehemaligen Bauern, die vor dem Hunger in die Städte geflüchtet waren, und die Ideale der Aufklärung, deren moralische Doppelbödigkeit unsere liberale Gesellschaft bis heute in einen Konflikt stürzt, wirklich auf das Klima zurückführen? Eigentlich: ja. Prägnant, reich mit Quellen untermauert und erzählerisch eindringlich leitet Blom den Dominoeffekt der großen marktwirtschaftlichen Veränderungen vom wiederholten Versagen der Getreideernte her und führt bestechend vor Augen, dass von den Folgen eines Klimawandels nichts und niemand auf der Welt verschont bleiben kann.

Ohne sich auf den verschlungenen Pfaden der globalen Geschichte in allgemeinen Thesen zu verzetteln, erzählt Blom schlichtweg davon, wie die Landwirtschaft erstmals seit der Antike gezwungen war, ihre Methoden zu verändern und ihren Ertrag zu steigern. Wie sich daraus der Techniker, der Gelehrte und der Kaufmann als aufstrebende Berufe entwickeln konnten. Wie der Welthandel und die Plünderung der Kolonien zur Abdeckung von Nahrungsbedürfnissen gebraucht wurden und mit den daraus vollgespülten Staatskassen eine merkantilistische Gesinnung einherging. Eine Neuorientierung der Gesellschaft, in der der Markt, das Wachstum und der persönliche Statusgewinn den Platz von Gott, Kaiser und feudalem gesellschaftlichem Zusammenhalt einnahmen.

Philosophische Begleiterscheinungen

Besonderes Augenmerk legt Blom dabei auch auf die philosophischen Begleiterscheinungen dieser Umwälzungen, auf die Ideengeschichte der Menschenrechte, die im Geiste der Aufklärung seit jeher auf dem unüberbrückbaren Widerspruch ruhten, dass die Parole der Gleichheit nur jenen auszusprechen gegeben war und ist, deren Wohlstand auf der Ausbeutung anderer basiert. Ohne rhetorische Pausen spannt Blom die Warnung ins Heute: Genau jene Strukturen von Wachstum und Ausbeutung, die sich bei diesem letzten Klimawandel als Strategien entwickelt haben, werden ursächlich den nächsten Klimawandel hervorbringen. Auch diesmal werden seine Konsequenzen in jeden Lebensbereich vordringen. Einziger Unterschied: Diesmal wissen wir es vorher.

In Zeiten, in denen die USA einen Klimawandel-Skeptiker zum Präsidenten haben, mag dieses Plädoyer für einen planenden und vorausschauenden Umgang mit den bevorstehenden Umwälzungen fast höhnisch, auf jeden Fall ein bisschen verzweifelt wirken. Die Lektüre des mit 300 Seiten erstaunlich rasch lesbaren Bandes unterfüttert diese Verzweiflung - und vielleicht die Entschlossenheit, ihr nicht nachzugeben - jedenfalls mit einer Fülle an Fakten, Ideen, Zusammenhängen und persönlichen Quellen, die nur ein immens kunstfertig gezimmertes Geschichtspanorama liefern kann.

Service: Philipp Blom: "Die Welt aus den Angeln", Hanser Verlag, 24,70 Euro

Von Maria Scholl/APA

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