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Freilegung des eisenzeitlichen Gebäudes © F. M. Müller
Freilegung des eisenzeitlichen Gebäudes © F. M. Müller

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Auf den Spuren der Eisenzeit in Tirol - Neue archäologische Untersuchungen zu alten Ausgrabungen

08.09.2020

Bei Ausgrabungen konnten Archäologen der Universität Innsbruck in den letzten Wochen ein angeblich bereits 1949 freigelegtes über 2.000 Jahre alte Gebäude aus der Eisenzeit auf der "Hohen Birga" in Birgitz bei Innsbruck weiter untersuchen und überraschende Erkenntnisse gewinnen.

Bei der "Hohen Birga" handelt es sich um einen kleinen bewaldeten Hügel nördlich von Birgitz im westlichen Mittelgebirge bei Innsbruck auf dem bereits 1937 die Überreste einer über 2.000 Jahre alten rätischen Siedlung aus der Eisenzeit entdeckt worden waren. Die Räter bewohnten seit dem Ende des 6. Jahrhunderts v.Chr. den Alpenraum vom Unterengadin im Westen bis in das Virgental im Osten und im Süden bis an den Gardasee. Aufgrund des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen mussten die Arbeiten auf der "Hohen Birga" unterbrochen werden und wurden erst 1949 durch den Prähistoriker Osmund Menghin (1920-1989) wieder aufgenommen. Er legte in den folgenden Jahren zwar ein halbes Dutzend Gebäude aus der jüngeren Eisenzeit frei, bedauerlicherweise blieben die Untersuchungen dazu bis auf kurze Vorberichte jedoch unpubliziert und die alte Grabungsdokumentation dazu verschollen.

Nach über einem halben Jahrhundert wurden durch das Institut für Archäologien der Universität Innsbruck unter Leitung von assoz.-Prof. Mag. Dr. Florian Müller wieder archäologischen Forschungen auf der "Hohen Birga" begonnen. Nachdem auch Teile der alten Grabungsdokumentation, wie hunderte Fotos, Negative und Glasplatten aufgespürt werden konnten, konzentrierten sich die Arbeiten auch auf die Bereiche der alten Menghin-Grabungen. Seit zwei Jahren wurde daher im Nordostbereich des Hügels gearbeitet, wo Osmund Menghin 1949 nach eigenen Angaben ein in den Hang eingetieftes eisenzeitliches Gebäude entdeckt hatte.

Eisenzeitliches Gebäude vollständig freigelegt

"Die Untersuchungen des heurigen Sommers zeigten jedoch, dass ein Großteil des Hauses von Menghin nie ausgegraben worden war, sondern seit über zwei Jahrtausenden unberührt unter der Erde lag" berichtet Müller überrascht. So war offensichtlich bislang keine einzige Mauer freigelegt worden auf denen sich daher noch in Originallage die verkohlten Balken der ursprünglichen Holzwände fanden. Alles spricht daher dafür, dass das Gebäude im Zuge eines Brandes, möglicherweise im Zuge der römischen Eroberung des Alpenraumes zerstört worden war. Betreten werden konnte das Gebäude durch einen in einen Vorraum mündenden Korridor, der aus massiven behauenen Steinen in Trockenbauweise errichteten worden war. Im Inneren des Gebäudes hatten sich der gestampfte Lehmfußboden, eine Herdstelle und mehre Unterlagssteine für die senkrechten hölzernen Mittelfposten erhalten. Auch sonst zeigte sich, dass bei den Altgrabungen vielfach sehr phantasievoll interpretiert wurde. Ein angeblich 1949 entdeckter Lehmofen, der damals in der Presse als "erster Stubenhofen des Alpenraumes" bezeichnet wurde, stellte sich als eingestürzte ursprünglich mit Lehm verstrichene verkohlte Holzwand heraus.

Bei den heuer unter strengen COVID19-Sicherheitsmaßnahmen durchgeführten Arbeiten auf der "Hohen Birga", an denen auch fast 20 Studierende im Rahmen ihrer Ausbildung archäologische Grabungspraxis sammelten, konnten auch wieder zahlreiche Kleinfunde unter anderem Fragmente verzierter eisenzeitlicher Keramik, bronzene Gewandnadel und ein vollständiger erhaltene Glasring gefunden werden.

"Die heurigen Arbeiten haben gezeigt, dass die wenigen überlieferten Angaben der Altgrabungen zur Bebauung und dem Aussehen einzelner Gebäude zum Teil deutlich relativiert werden müssen" merkt Grabungsleiter Müller an. "Nachdem offensichtlich keineswegs sicher ist, was bei den Altgrabungen wirklich freigelegt worden ist, hoffen wir im kommenden Jahr auch bei einem weiteren Gebäude zahlreiche neue Erkenntnisse gewinnen zu können."

Konservierung und Rekonstruktion als Archäologischer Park

Neben den neuen wissenschaftlichen Untersuchungen auf der "Hohen Birga" wurde in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit dem lokalen Verein Archäotop Hohe Birga und der Gemeinde Birgitz auch an der Erschließung des Hügels als archäologischem Park gearbeitet. Auf Basis der Grabungsbefunde konnten bereits früher entdeckte Gebäude teilweise rekonstruiert werden. "Um an der Vergangenheit interessierten Besucherinnen und Besucher ein noch besseres Bild vom Leben der Menschen auf der Hohen Birga zu geben, wird derzeit gerade auch an der Entwicklung eines Audioguides gearbeitet" berichtet Müller.

Links:

Verein Archäotop "Hohe Birga" (www.hohe-birga.at)

Institut für Archäologien, Universität Innsbruck (www.uibk.ac.at/archaeologien)

Rückfragehinweis:
Assoz.-Prof. Mag. Dr. Florian Martin Müller Bakk.
Institut für Archäologien, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Mobiltel. 0676-7399340
Email: Florian.M.Mueller@uibk.ac.at
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