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Buch über Zeitzeugen: "Sätze, die einen in den Schlaf verfolgen"

24.01.2019

Sie wurde gerade Richtung Krematorium getrieben, als plötzlich ein deutscher Arzt vor ihr stand und sie aus der Menge herausholte. Es könnte sich bei ihm um den berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele gehandelt haben, der ihr damals das Leben rettete. In nüchternen Worten erzählte die 90-jährige Rachel Oschitzki vor Journalisten in Berlin ihre Leidensgeschichte während der NS-Diktatur.

Sie berichtet diese Geschichte auch in dem Buch "Unfassbare Wunder - Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel", das die Autorin Alexandra Föderl-Schmid und der Fotograf Konrad Rufus Müller bei dieser Gelegenheit vorstellten. Die Österreicherin Föderl-Schmid, seit einem Jahr Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung" in Israel und davor Chefredakteurin des "Standard", war durch die Aussendung eines psycho-sozialen Dienstes in Israel zur Buch-Idee gekommen. In dieser Aussendung hieß es, dass es noch nie einen so hohen Bedarf an Traumata-Behandlungen aufgrund des Holocausts gegeben habe wie 2017.

"Im Alter kommt es richtig hoch", sagte Föderl-Schmid. Zudem würden viele Überlebende von damals heute in Israel sehr einsam leben: "Viele haben keine Verwandte und leben nur mit einem Pfleger daheim", sagte die Autorin. "Nicht alle haben nach der Einwanderung in Israel Fuß gefasst." Und die Tochter von Rachel Oschitzki ergänzte: "Die Juden, die schon im Land lebten, waren nicht mitfühlend mit den einwandernden Holocaust-Opfern. Sie sagten: Warum habt ihr euch nicht gewehrt? Die Isolation ist aus dieser Zeit entstanden."

Holocaust-Überlebende porträtiert

25 Zeitzeugen hat Föderl-Schmid befragt, neun in Israel, den Rest in Österreich und Deutschland. "Von der Konzeption her war uns wichtig: Zwei Täterländer und Israel", sagte die Autorin. Ihre Gesprächspartner waren zwischen 74 und 105 Jahre alt. "Viele Sätze haben mich echt bis in den Schlaf verfolgt", fügte die Autorin hinzu. "Was wir auch gehört haben, war: Deutschland hat sich wenigstens engagiert." Immer wieder habe sie die Enttäuschung vernommen, wie Österreich mit seinem Erbe umgegangen sei und Jahrzehnte lang den Opfermythos aufrecht gehalten habe. "Da hat Deutschland ganz deutlich Verantwortung übernommen", sagte Föderl-Schmid.

Rachel Oschitzki hat mit drei von sieben Geschwistern die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt. Nach Kriegsende wanderte sie nach Israel aus, kam aber mit dem Klima nicht zurecht und fand keinen Job. "Ich träumte jede Nacht, dass mich die Deutschen verfolgen", erzählte sie vor der Auslandspresse. Dem wollte sie sich stellen und kehrte nach Berlin zurück, wo sie eine Familie gründete. "Ich bin in Deutschland geblieben, weil Deutschland das Land ist, das das ersetzen muss, was uns genommen worden ist."

Sie kennt aber keinen Hass. "Die Erde ist für alle Menschen geschaffen", sagte sie. Die rechtspopulistische Partei AfD sieht sie abgeklärt: "Wir glauben, dass Deutschland aus der Geschichte gelernt hat", sagte sie. Eines störe sie aber: Dass über Israel allzu klischeehaft berichtet werde. Die Tochter, Maya Zehden, rechnet ihrer Mutter hoch an, dass sie ihre Kinder in Deutschland Fuß fassen ließ und dass sie selbst als Kind ihre deutschen Freunde nach Hause bringen durfte.

Der Fotograf Konrad Rufus Müller, gewohnt seine Bücher langsam entstehen zu lassen, musste bei diesem Projekt schnell arbeiten. Er verwendete für seine Aufnahmen noch Rollenfilm, konnte also erst in der Dunkelkammer in Deutschland das Resultat feststellen. "Ich hatte Glück, dass sämtliche Fotos etwas geworden sind", sagte er. Zehn seiner Bücher haben deutsche Bundeskanzler zum Thema, die er über lange Zeit dafür begleitete. "Nur Merkel nicht", sagte er, "die erträgt Nähe nicht." Was ihm aber nichts ausmache, denn er sei "Hautfotograf", konzentriere sich auf Gesicht und Hände. "Merkel bekommt auf ihre Haut eine Art Theaterschminke, sodass man keine Poren, keine Hautstruktur erkennt." Von seinen bisher 25 Büchern sei für ihn aber das mit Alexandra Föderl-Schmid gemeinsam verfasste, das wichtigste, sagte Müller.

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