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Byzanz: Neue Erkenntnisse über Randgruppen

18.11.2019

Vom Byzantinischen Reich und seiner Gesellschaft dominiert der Eindruck, dass es sich um eine starre, traditionelle und luxuriöse Kultur handelte. Wie ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt über Marginalisierung nun zeigt, gab es auch Phasen der Toleranz gegenüber Randgruppen. Das wirft ein neues Licht auf die sozial- und mentalitätsgeschichtliche Entwicklung dieser Kultur.

Die Quellenlage zu marginalisierten Gruppen ist nicht üppig, weit verstreut und häufig finden sich Hinweise und Indizien an überraschender Stelle. Ein Beispiel ist der Brief des Gelehrten und Höflings Michael Psellos um 1050, worin er eine Seefahrt auf einem Handelsschiff beschreibt: "Die Schilderung verrät, dass die Mitreisenden offen und unter viel Gelächter einem sonderbaren Asketen lauschten, der kundtat, welche der Gasthäuser in Konstantinopel auch Dienste von Prostituierten anböten. Dies ist ein Beleg, dass zu dem Zeitpunkt diese illegale Praktik wenigstens öffentlich thematisiert werden konnte", sagt Ewald Kislinger, Byzantinist an der Universität Wien. In einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekt fokussierte er gemeinsam mit seiner Kollegin Despoina Ariantzi auf die Randgruppen Gastwirte, Schausteller und Prostituierte und entwickelte eine vergleichende Darstellung. Eine der Erkenntnisse daraus: Die soziale Ausgrenzung dieser Gruppen scheint im 11. Jahrhundert in Teilen des Byzantinischen Reichs gelockert gewesen zu sein. Eine Grundlage für diese duldsamere Haltung sei die wirtschaftlich gute Lage gewesen. "Diese Öffnung war wohl auch eine Folge der verstärkten Handelskontakte mit anderen Kulturen beziehungsweise dem Westen. Das kam in unterschiedlicher Ausprägung einigen Marginalisierten zugute", erläutert der Forscher.

Fremdbeschreibungen hinterfragen

Was die Verfügbarkeit und den Umfang der Quellen betrifft, so variiert beides stark zwischen den untersuchten Metropolen, wie Alexandria, Konstantinopel, Jerusalem oder Thessaloniki, und ländlichen Gebieten. Denn in der Provinz waren Chronisten rar. Man kann trotzdem davon ausgehen, dass Randgruppen in den Großstädten des riesigen Reichs, dessen Kerngebiete allein am Balkan und in Kleinasien eine Ausdehnung von über einer Million Quadratkilometern aufwiesen, bessere Lebenschancen hatten. Da aber stets andere über sie geschrieben haben, handelt es sich immer um Fremddarstellungen. Hinweise auf ihr Alltagsleben oder ihre soziale Stellung finden sich in verschiedenen Quellenarten. Zentral für die Forschenden sind Rechtstexte und die Hagiografie. Diese Beschreibungen des Lebens von Heiligen richteten sich erzieherisch an ein großes Publikum und sind ein Spiegel des Alltagslebens. Um bei Fremddarstellungen allerdings zwischen Propaganda und Sachverhalt unterscheiden zu können, setzten die Forschenden auf Quellenkritik, also die Bestimmung des Aussagewerts von Quellen.

Schmaler Grat zwischen legal und illegal

Was verbindet nun diese drei Randgruppen? Zweierlei: Ihr Angebot diente der Unterhaltung und alle nutzten Gasthäuser für ihre Aktivitäten. Im Unterschied zur Schaustellerei und Prostitution war das Gastgewerbe aber nicht per se marginalisiert, solange sich der Gastwirt an das übliche, legale Angebot - Essen, Trinken, Geselligkeit, Beherbergung - hielt. Ließ man jedoch Schaustellerinnen oder Schausteller auftreten oder bot die Dienste von Prostituierten an, war es um den guten Ruf schnell geschehen und man wurde verdächtig. Wie nahe legal und illegal oft beieinander lagen, zeigt ebenso der Umstand, dass Frauen, die legal in der Gastwirtschaft beschäftigt waren, im Nebenerwerb oft illegal der Prostitution nachgingen. Wie die Rechtsprechung mit solchen Gesetzesübertretungen in der Praxis umging, verschweigen die Quellen meist. Die Versuchung, das Geschäft durch solche Unterhaltungsangebote anzukurbeln, war dennoch groß. Zudem erhöhte die Konkurrenz den Druck. "Im traditionellen Gasthaus konnte es für Pilger zu anstößig zugehen, weshalb christliche Herbergen, sogenannte xenodochien, entstanden", sagt Kislinger. In einer Urkunde aus den Beständen der Klostergemeinschaften vom Heiligen Berg Athos ist von so einer Herberge an einer stark frequentierten Straße die Rede und davon, wie sie in den Besitz der Mönche kam. Der Konkurrenzkampf zwischen kommerziellem und christlichem Gastgewerbe zog sich durch die gesamte Geschichte des Byzantinischen Reichs.

Ausgrenzung blieb lange haften

"Die byzantinische Gesellschaft hatte ein gestörtes Verhältnis zur Schaustellerei, die dem antiken Theater entsprang und als heidnisch galt. Das Treiben der Mimen war suspekt und man schränkte zunehmend die Möglichkeiten für Auftritte ein", erklärt der Byzantinist Kislinger. Den Eliten missfielen die Darbietungen, weil sie anstößig, derb und sexuell aufgeladen bis obszön waren und dem strengen, christlichen Sittenbild widersprachen. Außerdem kritisierten und parodierten die Schaustellerinnen und Schausteller ungeniert Missstände oder die Obrigkeit und verspotteten christliche Riten. Sie unterhielten ihr Publikum schließlich nur mehr in Gaststätten, in den Pausen von Wagen- oder Pferderennen im Hippodrom oder als Spaßmacherinnen und Spaßmacher am kaiserlichen Hof. Wegen ihrer Zersplitterung konnten sie sich auch nicht aus der Marginalisierung befreien.

Wie lange die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe als Makel anhaftete, zeigen die Beispiele von der oströmischen Kaiserin Theodora I., Gattin von Kaiser Justinian I. (6. Jhdt.) und dem heiligen Theodoros von Sykeon (frühes 7. Jhdt.): Theodora war als junge Frau als Schaustellerin tätig. Der Historiker Prokop war ihr aber feindlich gesinnt. "Ihr Leben wurde von ihm stark entstellt dargestellt und sie sogar zur Prostituierten gemacht", sagt Kislinger. Dem heiligen Theodoros wiederum gaben seine Feinde den Spottnamen "Pornogennetos", weil sich seine Mutter, deren Familie eine Gastwirtschaft betrieb, dort auch als Prostituierte betätigte.

Mit Klischees brechen

Indizien dafür, wie im 11. Jahrhundert manche Randgruppen von der Auflockerung profitierten, können sich auch hinter Spott verbergen. So liefert laut Kislinger eine Rede des schon erwähnten Psellos einen Hinweis, dass man das soziale Milieu, in das man hineingeboren wurde, verlassen konnte: "Diese handelt vom Sohn eines Gastwirts, der Recht studierte und Anwalt wurde, allerdings mit wenig Erfolg. Psellos spottet, dass im Gasthaus das Geschäft floriere, hingegen die Gesetzesbücher ihm nichts einbrächten." Die vordergründige Kritik enthüllt dem Forscher zugleich, dass sich für Gewerbetreibende die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs auftat. Aufgrund solcher Zeugnisse über den Umgang der byzantinischen Gesellschaft mit Marginalisierten und den Veränderungen zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert dürfte das stereotype Bild von Byzanz so nicht mehr aufrecht zu halten sein und bedarf einer Revision.

Zur Person

Ewald Kislinger ist Byzantinist am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien. Er zählt zu den Ersten in Wien, die sich mit Alltagskultur in Byzanz schon in den 1980er-Jahren beschäftigten. Von 2007 bis 2018 war er zudem Herausgeber des "Jahrbuches der Österreichischen Byzantinistik". Seine Forschungsschwerpunkte sind Ereignisgeschichte, byzantinisches Sizilien und Alltagsleben - Materielle Kultur.

Publikationen

Ewald Kislinger: Byzantinischer Alltag zu Schiff, in: Hinter den Mauern und auf dem offenen Land. Leben im byzantinischen Reich, F. Daim (Hg.), Mainz 2017

Ewald Kislinger: Formen der Migration ins frühmittelalterliche Süditalien (7.-9. Jahrhundert), in: Migration und Integration von der Urgeschichte bis ins Mittelalter, H. Meller (Hg.), Halle 2017

Ewald Kislinger: 13 Artikel zu Aspekten von Verkehrswesen, Beherbergung, Wirtschaftsstrukturen und angewandter Medizin, in: Byzanz. Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch, Falko Daim (Hg.), J.B. Metzler 2016

Wissenschaftlicher Kontakt
Univ.-Prof. Dr. Ewald Kislinger
Institut für Byzantinistik und Neogräzistik
Universität Wien
Postgasse 7/1/3
1010 Wien
Tel +43 / 1 / 4277-410 01
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