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Wimmer-Puchinger: Solidarität auch nach Ende der Pandemie leben © APA (EXPA/Michael Gruber)
Wimmer-Puchinger: Solidarität auch nach Ende der Pandemie leben © APA (EXPA/Michael Gruber)

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Corona-Krise und Gewalt: Konfliktträchtiges "Konzert des Ungewohnten"

05.04.2020

Die Corona-Pandemie und die Gegenmaßnahmen zur Virus-Bekämpfung konfrontieren die Gesellschaft mit einer Ausnahmesituation: Die Mischung aus häuslicher Isolation, fehlenden Rückzugsmöglichkeiten und Existenzängsten ergibt in Summe auch ein erhöhtes Potenzial für häusliche Gewalt. Als konfliktträchtiges "Konzert des Ungewohnten", bezeichnete die Psychologin Beate Wimmer-Puchinger diesen Mix.

Wimmer-Puchinger, Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP), begrüßte daher im APA-Gespräch die Kampagne des Innenministeriums "Leben in der Krise ohne Aggression und Gewalt". Die Tendenz, dass Personen bereits bei Banalitäten wie der Frage nach der Auswahl des Fernsehsenders gewalttätig werden, ist gegenwärtig jedenfalls größer, sagte die Expertin.

"Häusliche Gewalt darf zu keiner Zeit und in keinem Kontext toleriert werden", unterstrich der BÖP. Auch wenn die psychischen und sozialen Belastungen für einzelne Menschen enorm sein können, diese Form der Konfliktbewältigung bleibt in all ihren Formen von körperlicher Gewalt bis hin zu Mobbing oder sexueller Gewalt "eine eklatante Menschenrechtsverletzung", schrieb der Berufsverband in einer Stellungnahme.

Arbeitslosigkeit als "Brandbeschleuniger"

Bei Gewalt gegen Kindern könne etwa eine autoritäre Erziehungshaltung, oder bei Beziehungen, solche, die nicht auf gleicher Augenhöhe stattfinden, die potenzielle Gewaltbereitschaft steigern, gibt Wimmer-Puchinger zu bedenken. Das gegenwärtige Gefühl des Eingesperrtseins und eine mögliche Mutlosigkeit angesichts der Pandemie und der Angst und Hoffnungslosigkeit gegenüber der Zeit danach, wenn man etwa gerade die Arbeit verloren hat, können ebenfalls "Brandbeschleuniger" für Gewalttätigkeiten sein.

Grundsätzlich wäre das Krisenmanagement in Österreich aber eines, das Hoffnung mache, so Wimmer-Puchinger unter Hinweis auf die Step by Step-Strategie der Regierung bezüglich der Maßnahmen - oder das solidarische Verhalten der meisten Österreicher an sich. Auch die Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen für ein "neues Miteinander" lobte die Expertin. "Darauf kann man jetzt in Österreich stolz sein", doch eines dürfe man nicht vergessen, nämlich rechtzeitig die Antwort auf die Frage zu finden, wie es nach Corona weitergehen sollt, ob dies nun den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt betrifft, oder die Konflikte zwischen den Generationen.

"Protektiv an Post-Corona-Ära denken"

Es gilt "protektiv an die Post-Corona-Ära zu denken", sagte Wimmer-Puchinger. Es dürfe nicht zu einem Bruch zwischen den Generationen kommen, oder zwischen den Verlierern der Corona-Krise, und jenen, die sie relativ unbeschadet überstanden haben. Auf diese Ungleichheiten gilt es zu fokussieren, denn "Gewalt bedeutet immer eine Machtdemonstration des Stärkeren gegenüber Schwächeren" , betonte Wimmer-Puchinger.

Um dem aktuell erhöhten Bedarf nach schneller, psychologischer Hilfe nachzukommen, hat der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) sein telefonisches Helpline-Angebot erweitert. Ab sofort ist die Hotline täglich drei Stunden länger besetzt, teilte der Verband in einer Aussendung mit.

Service: Kostenlose BÖP-Helpline 01/504-8000 von Montag bis Freitag 9.00 bis 16.00 Uhr, bzw. helpline@boep.or.at

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