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Corona zeigt die Verwundbarkeit der Gesellschaft

19.11.2020

Das Jahr 2020 befeuert einmal mehr die Angst vor der Apokalypse. Soziologe und ÖAW-Mitglied Stephan Moebius erklärt, was den Menschen dazu antreibt, regelmäßig den Weltuntergang auszurufen.

Ob Klimakrise, Wirtschaftskrise oder jetzt Corona: In regelmäßigen Abständen rufen Apokalyptiker das nahende Ende der Welt aus. Wann und warum sind wir Menschen besonders empfänglich für Weltuntergangsnarrative?

Der Soziologe Stephan Moebius, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), spricht im Interview über die dramatische Rhetorik im Hinblick auf das Coronavirus und warum die Angst vor einem Untergang auch eine positive Triebfeder für Veränderung sein kann.

Herr Moebius, wie kam die Idee in die Welt, dass die Welt untergehen könnte? Und welchen semantischen Wandel hat der Begriff erlebt?

Stephan Moebius: Vorstellungen vom Weltuntergang gibt es in der gesamten uns bekannten Kulturgeschichte und in den meisten uns bekannten Kulturkreisen. Allerdings können sie kultur- und religionsspezifisch unterschiedliche Inhalte, Legitimationen und gesellschaftliche Funktionen haben. Während etwa die Apokalypse des Alten Testaments noch die Möglichkeit eines Neuanfangs bot - Apokalypse heißt ja nicht absolutes Ende -, also eigentlich als eine Art Durchgangsstadium oder Erlösungsvision gedacht wurde, gehen moderne Untergangsszenarien oft von einem Rückfall in Unkultur oder endgültigen Zerstörungen und einem finalen Untergang aus.

Ein Beispiel, bitte.

Moebius: Man denke etwa an Oswald Spenglers geschichtsphilosophische These vom Untergang des Abendlandes von 1918. Oder zum finalen Untergang: Das verwundert deswegen nicht, weil heute die komplette Selbstzerstörung der Menschheit, etwa durch Atomwaffen oder durch den Klimawandel, objektiv in den Bereich des Möglichen gerückt ist.

Was treibt den Menschen dazu an, regelmäßig den Weltuntergang auszurufen?

Moebius: Weltuntergangsnarrative sind Reaktion und Versuch, mit krisenhaften oder als krisenhaft wahrgenommenen Situationen und Prozessen umzugehen und diesen einen Sinn zu geben. Pluralisierung und damit Verlust von gemeinschaftlich verbindlicher Sinndeutung führen vermehrt zu "alternativen" Deutungen, das können eben auch Untergangsvorstellungen sein. Dabei werden als bedrohlich wahrgenommene Situationen, Zukunftsängste, die zugleich Sehnsüchte nach Veränderung, nach Neuem und nach Wandel ausdrücken, unterschiedlich verarbeitet.

Welche Menschen neigen eher zu Weltuntergangsängsten?

Moebius: Soziologisch interessant ist, warum manche eher mit Untergangsszenarien und andere wiederum eher etwa mit Vertrauen auf Politik und Wissenschaft reagieren. Tendenziell reagieren eher jene mit Weltuntergangsszenarien, die sich in der Gegenwart und in ihren Zukunftsaussichten als benachteiligt, nicht gehört, ohnmächtig oder nicht wahrgenommen erfahren.

In Bezug auf die Coronakrise ist die Rede von der "größten Bedrohung seit dem Krieg". Warum diese dramatische Rhetorik?

Moebius: Diese Rhetorik ist nicht nur der Medienlogik geschuldet, die in der Regel zu solchen Dramatisierungen neigt. Das Dramatische an der Coronakrise, das, was sie etwa von bisherigen Kriegen unterscheidet, ist zum einen, dass sie ein derart globales Ausmaß hat. Und zum anderen: Hier greift nicht jemand an, der bestimmte ökonomische oder politische Interessen hat, sondern die Natur selbst. Wobei die Soziologie nie von einer reinen Natur-Kultur-Dichotomie ausgeht, sondern immer deren Wechselverhältnis und Durchdringung in den Blick rückt.

Was heißt das im Hinblick auf Corona?

Moebius: Im Falle von Corona sieht man das sehr deutlich. Denn: Das Eingreifen des Menschen in die Natur dürfte entscheidend dafür gewesen sein, dass sich dieses Virus entwickelt und zwischen Tierarten und dann auf den Menschen übertragen wurde.

Jedenfalls verändert die Naturhaftigkeit des Virus nochmal die Semantik vom Untergang. Teilten Apokalypsen vielfach die Welt in das Reich des Guten und des Bösen, wie es etwa auch Samuel Huntington in seiner These vom Clash of Civilizations getan hat, so ist das Virus von sich aus weder das eine noch das andere.

Inwiefern?

Moebius: Das Virus ist für uns böse, aber es selbst handelt nicht nach diesen moralischen Kategorien, es ist indifferent, ist eigentlich "sinnlos" - und diese Sinnlosigkeit ist noch viel schlimmer für uns, als wenn wir es mit einem Gegner zu tun hätten, dem man Handlungssinn und eindeutige Motive und Interessen zuschreiben und mit dem man wenigstens potenziell kommunizieren könnte.

Diese Indifferenz bedeutet aber nicht, dass es alle gleichermaßen hart trifft, sondern sich die gesellschaftlichen Ungleichheiten verschärft reproduzieren. Denn: Es trifft vor allem die bereits Benachteiligten am härtesten, die sich nicht ins Homeoffice zurückziehen können, die bereits von medizinischer und psychologischer Versorgung weitgehend abgekappt sind oder die menschenunwürdigen Lebensbedingungen ausgesetzt sind.

Inwiefern zeigt das Virus auch unsere Verwundbarkeit als Gesellschaft auf?

Moebius: Das Virus ist auch ein Angriff auf unser modernes Fortschritts- und Machbarkeitsverständnis, demzufolge wir alles im Griff haben. Es ist dieser Verlust an technologischer Beherrschbarkeit, zivilisatorischer Selbstverständlichkeit und an Sinn, der einerseits Anlass zu noch mehr Beherrschbarkeit gibt, etwa zu größeren staatlichen Überwachungs- und Kontrollpraktiken, sowie andererseits die wildesten Deutungsmuster und Verschwörungstheorien hervortreibt, aber auch eine hypertrophierte Wissenschaftsgläubigkeit, alles irgendwann absolut in den Griff zu bekommen.

Stichwort Klimakrise. Kann die Angst vor einem Untergang auch eine positive Triebfeder für Veränderung sein?

Moebius: Ängste, Verlust- und Ohnmachtserfahrungen sind etwas, das ernst zu nehmen ist. Sie sind stets Antriebskräfte für kollektives Agieren gewesen. Die Anzeichen für eine Selbstzerstörung der Menschheit mögen da sein. Aber das heißt nicht, dass wir nun fatalistisch einer Teleologie des Untergangs frönen, sondern vielmehr schauen sollten, wie wir die Krisen bearbeiten, bewältigen und verhindern können.

Und die Rolle der Wissenschaft?

Moebius: Der Wissenschaft kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Nicht nur im Zusammenhang mit der Artikulation und Erforschung von Krisen, in der Suche nach konkreten Lösungen, wie Impfstoffen oder klimaneutralen Technologien, sondern auch bei der sozialwissenschaftlichen Analyse und Reflexion der unterschiedlichen Reaktionen darauf. Dabei steht die Wissenschaft nicht außerhalb gesellschaftlicher Zusammenhänge. Welche Veränderungen erfährt sie nun? Warum gerät sie in Funktions- und Legitimationskrisen? Wie kann sie sich ihre relative Autonomie bewahren? Folgt sie in ihren Antworten und Reaktionen eher einem traditionell-omnipotenten Wissenschaftsverständnis und Machbarkeitswahn oder versucht sie, eine nicht vollkommen beherrschbare geschichtliche Wirklichkeit in Rechnung zu stellen?

Auf einen Blick:

Stephan Moebius ist Professor für Soziologische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Graz und seit 2019 wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Quelle: Forschungs-Newsletter der ÖAW

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