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Auch Nobelpreisträger sind nicht immun gegen Pseudowissenschaften © Hirzel Verlag
Auch Nobelpreisträger sind nicht immun gegen Pseudowissenschaften © Hirzel Verlag

APA

Dämonen im Kopf und Waschbären im Wald

02.12.2019

Feeding, klinischer Vampirismus, Exploding-Head-Syndrom: Selten klang ein Inhaltsverzeichnis so spannend, wie es bei "Der Nobelpreisträger, der im Wald einen höflichen Waschbären traf" von Monika Niehaus der Fall ist. Jedem der "30 seltenen und ungewöhnlichen psychischen Syndrome" ist ein Kapitel gewidmet. Die Erwartungen, die geweckt werden, erfüllt die Lektüre leider nur zum Teil.

Die meisten der beschriebenen Symptome sind krankhaft, aber nicht alle. Manche, wie das Hyperthymestische Syndrom (Betroffene besitzen ein überragendes Gedächtnis), sind lediglich selten und interessant. Manche, wie die Drapetomanie (als "Fluchtwahn" bezeichnete Fluchtversuche von Sklaven in den Südstaaten im 19. Jahrhundert) sind in Wahrheit gar keine Symptome und sagen im Grunde mehr über den Diagnostizierenden als über den Diagnostizierten aus. Niehaus wirft damit die Frage auf, wo die Grenze zwischen krank und gesund verläuft.

Nobel mit Vogel

Wenn Nobelpreisträger wissenschaftlich brillieren, andererseits völlig absurden, leicht widerlegbaren Ideen anheimfallen, dann liegt wohl die titelgebende Nobelitis zugrunde. Während der 1993 geehrte Biochemiker Kary Mullis seiner Wahrnehmung nach im Wald von einem Waschbären mit "Guten Abend, Doktor" begrüßt wurde, glaubte Linus Pauling, der 1954 mit dem Chemie-Nobelpreis (und acht Jahre später mit dem Friedens-Nobelpreis) ausgezeichnet wurde, fest daran, in Vitamin C ein Allheilmittel gegen Krebs gefunden zu haben. Morbider Fun-Fact: Er starb schließlich an Prostatakrebs.

Der Glaube an die heilenden Kräfte von Vitamin C ist im Vergleich noch relativ plausibel. Andere Nobelpreisträger glaubten an löffelverbiegende Kinder (Brian D. Josephson) oder Entführungen durch Außerirdische (ebenfalls Kary Mullis). Auch die klügsten Köpfe sind also nicht immun gegen Pseudowissenschaften.

Aliens, die Arktis und Blutgruppe A

Von Nobelitis betroffen ist nur ein verschwindend geringer Teil der Menschheit. Von den etwas mehr als 800 Nobelpreisträgern leiden nur Naturwissenschafter daran, und von denen weniger als zehn Prozent. Sehr viel häufiger ist das vielleicht bekannteste Syndrom auf der Liste: das Alien-Abduction-Syndrom. Von der Vorstellung, von kleinen grünen Männchen (o.Ä.) entführt und in ihren Raumschiffen für Experimente missbraucht worden zu sein, waren in den 90er Jahren in den USA sogar zwei bis vier Prozent der Bevölkerung betroffen. Aliens gibt es also - zumindest in unseren Köpfen und Kinosälen.

Einige der Krankheitsbilder sind kulturell bedingt oder betreffen vorrangig ein Geschlecht. So zum Beispiel Pibloktoq. Die "arktische Hysterie" widerfährt in den meisten Fällen Inuit-Frauen, die sich in seltsamen Attacken scheinbaren Wahnsinns die Kleider den Temperaturen zum Trotz vom Leib reißen, schreien und um sich schlagen. Ein weiteres Beispiel ist Hikkikomori, wo sich das Leben der Betroffenen hauptsächlich auf das eigene Schlafzimmer beschränkt, oft wird jahrelang kaum ein Fuß vor die Türe gesetzt. Dieser "neurotische Rückzug" galt lange Zeit als Problem junger japanischer Männer.

Wer an klinischem Vampirismus leidet, der verlangt nach Blut - eigenem oder fremdem. So beispielsweise der "Säurewannenmörder" John Haigh, der Mitte der Neunziger das Blut seiner Opfer trank und sie anschließend in Schwefelsäure auflöste. Das Phänomen ist so alt wie die Vampirliteratur. Der moderne Vampir beißt seine Opfer übrigens nicht, sondern entnimmt das Blut ganz hygienisch per Kanüle. Mahlzeit.

Der Schluss liegt schwer im Magen

Die Reihenfolge, in der man die Kapitel liest, bleibt dem Leser überlassen. Immer wieder werden Verbindungen von einem Syndrom zu einem anderen geschaffen. So kommt man über das Exploding-Head-Syndrom (eine Schlafstörung, bei der die Leidtragenden von einem lauten Knall, vergleichbar mit einer hochgehenden Bombe oder Explosion, geweckt werden) zum Alien-Abduction-Syndrom und vom klinischen Vampirismus letzten Endes zu Feeding.

Dass unsere Beziehung zu Essen mitunter recht gestört sein kann, ist nicht erst seit dem Kapitel über klinischen Vampirismus bekannt. Feeding ist jedoch eine Klasse für sich. Hier wird die Gewichtszunahme (die eigene oder die des Partners) als sexuell stimulierend empfunden. Der Partner wird, um möglichst übergewichtig zu sein, regelrecht gemästet. Stichwort Trichter. Bei der Lektüre fühlt man sich an David Finchers "Sieben" mit Brad Pitt in der Hauptrolle erinnert, wo ein übergewichtiger Mann zu Tode gefüttert wurde. Keine schöne Assoziation.

Wirklich zufrieden stellt das Buch nach 30 Syndromen nicht, obwohl es durchaus spannend zu lesen ist. Die Frage nach dem Warum der Erkrankungen bleibt in der Regel unbeantwortet, die Psychose nicht nachvollziehbar. Verständnis ruft die Lektüre jedenfalls nicht hervor. Letztendlich entscheidet die Reihenfolge, in der man die Kapitel 'verschlingt', über das Gefühl, das beim Leser zurückbleibt. Nach "Feeding" überwiegt der Würgreflex.

Service: Monika Niehaus: "Der Nobelpreisträger, der im Wald einen höflichen Waschbären traf. Wenn das Gehirn verrückt spielt: 30 seltene und ungewöhnliche psychische Syndrome", Hirzel Verlag, 254 S., 21,90 Euro, ISBN: 978-3-7776-2810-3

Von Anna Riedler / APA-Science

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